Kämpferisch: Festredner Martin Schulz im Stuttgarter Hospitalhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Demokraten sollten die Farben der Demokratie pflegen und sie nicht der AfD überlassen. Das forderte der frühere SPD-Vorsitzende und Präsident der Europäischen Union, Martin Schulz, in Stuttgart anlässlich der Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold vor 100 Jahren.

„Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold? Wie kann es sein, dass ich in der Schule und auch später nie etwas davon gehört habe“, rätselt eine Zuhörerin laut. Rätselhaft in der Tat. Soeben hat Marcel Böhles, der in Weimar das Haus der Weimarer Republik leitet, vor einem großen Publikum im Hospitalhof seinen Vortrag beendet. Darin skizzierte er, wie bedeutend das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, ein am 22. Februar vor 100 Jahren in Magdeburg gegründetes überparteiliches Bündnis von SPD, liberaler Deutscher Demokratischer Partei und katholischem Zentrum in den Jahren der Weimarer Republik war.

 

Eine Massenorganisation, der auch Kurt Schumacher, Theodor Heuss und Fritz Bauer angehörten

Mit geschätzt rund 1,5 Million Mitgliedern stellte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine echte Größe dar; es war größer als der rechtsextreme „Stahlhelm“, größer als Hitlers SA und größer als der kommunistische Rotkämpferbund. Auch in Stuttgart war die Massenorganisation stark vertreten war. 1925 zählte sie bereits 1500 Mitglieder. 1931 füllte sie anlässlich des Verfassungstags die damalige Stadthalle. Unmöglich daran vorbeizusehen. Zumal dem Reichsbanner Persönlichkeiten wie der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, der erste Bundespräsident Theodor Heuss oder Fritz Bauer angehörten. Letzterer, der spätere Generalstaatsanwalt von Hessen und bekannte Nazi-Ankläger, so fand seine Biografin Irmtrud Wojak heraus, war in Stuttgart stellvertretender Vorsitzender des Reichsbanners.

Wie erklärt sich dann das verbreitete Nichtwissen? Ist es der befremdlich erscheinende Name? Dabei hat das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold so gar nichts mit sogenannten Reichsbürgern oder sonstigen Rechtsextremen zu tun. Es verstand sich vielmehr als Organisation zum Schutz der jungen Demokratie, die nach rechts- und linksextremistischen Umsturzversuchen von 1923 höchst gefährdet war. Vielleicht ist es auch sein zum Teil paramilitärischer Charakter, der die Nachwelt einen Bogen um das Reichsbanner machen lässt? Aufmärsche, Schießübungen – das gehörte dazu. Man muss schon zweimal hinschauen, um auf historischen Bildern – etwa aus Göppingen - um den Unterschied etwa zum „Stahlhelm“ zu sehen.

Anders als von Rechts- und Linksextremisten gingen vom Reichsbanner jedoch keine Angriffe aus, wie Böhles betonte. Das sozialdemokratisch dominierte Bündnis, ein reiner Männer-Verein, habe bewusst eine „defensive“ Haltung eingenommen – bei aller Entschiedenheit, mit dem es sich, wenn auch letztlich vergebens, für die Republik einsetzte. 1933 wurde das Reichsbanner, das sich im Jahr zuvor mit dem Gewerkschaftsbund zur Eisernen Front zusammengeschlossen hatte, von den Nazis zerschlagen. 1953 gelang die Neugründung; es existiert bis heute, führt als Zusatz den Titel „Bund aktiver Demokraten“ und widmet sich der politischen Bildungsarbeit.

Der Gedanke, die Demokratie zu schützen, ist hochaktuell

Bei dem von Schülern des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums musikalisch begleiteten gemeinsamen Festakt der Stuttgarter SPD, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte Stuttgart und des Erinnerungsorts Hotel Silber wurde die Aktualität des Themas betont: „Mehr denn je ist der Gedanke des Reichsbanners aktuell, dass die Demokratie geschützt werden muss“, sagte Festredner Martin Schulz, der Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung ist. Sie sei heute zwar gefestigter als in den 1920 Jahren, dennoch bleibe der Rechtsextremismus gefährlich. Kämpferisch erklärte der frühere SPD-Vorsitzende und Präsident des Europäischen Parlaments: „Wir werden nicht zulassen, dass die Feinde der Demokratie sie zerstören und die Verankerung Deutschlands in der Europäischen Union in Frage stellen.“ Die jüngsten Großdemonstrationen für die Demokratie ließen hoffen, „dass die Blütenträume der AfD nicht aufgehen werden“.

„Für uns war der Willy das Symbol“

Für ein langjähriges Versäumnis hält Schulz es, dass man die Farben Schwarz-Rot-Gold – die Farben, der Revolution und später der Republik und der Demokratie, die auch das Reichsbanner vertritt – der AfD überlassen habe. Die Demokraten müssten sie sich wieder zu eigen machen und die Farben Schwarz-Rot-Gold ebenso hochhalten, wie die europäische Fahne, forderte er. Dass da Nachholbedarf besteht – auch innerhalb der Sozialdemokraten – darin sind sich beim Festakt alle einig, von SPD-Stadtrat Michael Jantzer bis zur SPD-Landtagsabgeordneten Katrin Steinhilb Joos. „Für uns war der Willy (Brandt) das Symbol“, sagte Schulz. „Wir können aber auch stolz sein auf Schwarz-Rot-Gold.“