Klettern, toben und spielen: Im Waldheim ist das kein Problem. Foto: Leif Piechowski

Die nächsten sechs Wochen herrscht wieder ziemlich viel Trubel am Stadtrand. In den Waldheimen können mehr als 8000 Kinder nach Herzenslust klettern, toben und spielen. Auch Flüchtlingskinder finden Platz.

Stuttgart - Viele Erwachsene in Stuttgart waren früher selbst Gast in einem der 30 Waldheime oder den Jugendfarmen. Oft genug gehören Großeltern heute zum Personal, während die Enkel dort ein oder zwei Wochen ihren Ferienspaß haben. Daher kommt es, dass nur noch vereinzelt Plätze frei sind und „die Personalgewinnung bei uns fast ein Selbstläufer ist“, sagt Jürgen Möck vom Waldheim Degerloch. Seine treueste Mitarbeiterin kommt seit mehr als 40 Jahren als Küchenhelferin und stellt sich den Bergen von Kartoffeln, die zum klassischen Salat verarbeitet und zu Maultaschen ausgegeben werden.

Pause hatte Jürgen Möck nicht, denn das Degerlocher Waldheim ist durchgehend geöffnet. Am Wochenende fand noch das Dorffest statt, danach aber ging es gleich los mit dem Umbau für die Ferienkinder. „Die ­Tische und Bänke müssen aufgestellt werden, die Gruppenräume eingerichtet, und wir müssen unser großes Zelt aufbauen.“ Die Küchenchefinnen und Küchenchefs ­haben in der zurückliegenden Woche die Speisekammern gefüllt – unter anderem ­natürlich mit Kartoffelsäcken.

Waldheime zusammengelegt

Die Waldheimbetreiber – Evangelische und Katholische Kirche in Stuttgart und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) – sind in der Arbeitsgemeinschaft Kinder-Stadtranderholung zusammengeschlossen. Die AG ­koordiniert die Aufgaben und sucht, wie jüngst nötig, alternative Standorte. Der Altbau des Waldheims Sillenbuch muss saniert werden, deshalb werden die Kinder im Geschwister-Scholl-Gymnasium betreut. Vier weitere Waldheime hatte man für die Flüchtlingsunterbringung gebraucht. Die Waldheime Zuffenhausen und Weilimdorf sind inzwischen wieder frei, das Waldheim Sonnenwinkel im Dachswald hingegen wird in Kürze wieder neu mit Flüchtlingen belegt. „Der Mietvertrag mit der Stadt läuft noch bis zum nächsten Jahr“, sagt AG-Sprecher Ulrich Seeger. Das Heslacher Waldheim ­bietet dem Sonnenwinkel Asyl, allerdings in diesem Sommer mit 30 Plätzen weniger. Im Waldheim Johannes reicht die Zeit nicht mehr zum Umbau von Flüchtlingsunterkunft auf Stadtranderholung, dafür dürfen die Kinder im Feuerbacher Tal unterschlüpfen. „Bei 350 Kindern im ersten Ferienabschnitt waren wir dort an der Kapazitätsgrenze und mussten zusätzlich ein Zelt aufstellen“, sagt Ulrich Seeger.

Eigentlich richten sich die Angebote an Schulkinder im Alter von sechs bis 14 Jahren. Seeger und Möck stellen allerdings fest, dass die Zahl Jugendlicher über 14 Jahren steigt, in Degerloch auf inzwischen 60 der angemeldeten 400 Kinder. Einerseits ist das von Vorteil, weil die Waldheime daraus künftige pädagogische Mitarbeiter rekrutieren. Andererseits braucht man für die ­Jugendlichen ein anderes Ferienangebot als für die Kleinen. „Man macht mehr Ausflüge, auch mal über Nacht, aber manche, auch die jungen Mitarbeiter, wollen eigentlich gar nicht weg, um ja nichts zu verpassen“, sagt Seeger.

Flüchtlingskinder in Begleitung

1500 pädagogische Mitarbeiter, der Großteil ehrenamtlich, sowie 450 Küchenmitarbeiter werden jetzt täglich von 8 bis 18 Uhr mit den Kindern spielen, werken, mit ihnen zu Mittag essen. Seeger rechnet mit deutlich mehr als 200 Kindern aus Flüchtlingsfamilien. „Die Betreuung von traumatisierten Kindern können wir nicht leisten“, schränkt der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft ein. Man wähle die Kinder deshalb erst nach Vorgesprächen mit den Heimleitern aus, Helfer aus den Freundeskreisen begleiteten sie die ersten paar ­Tage. Für manche Familien sei es beispielsweise überraschend, dass man täglich und pünktlich ins Waldheim geht. „Unsere Rituale, dass alle zur gleichen Zeit kommen, singen, spielen und verabschiedet werden, ersparen vielen Kindern, die neu hinzukommen, eine Menge Konfusion.“ Hilfreich ist, dass in einigen Waldheimen auch Flüchtlingsfrauen mitarbeiten. Nicht nur der Sprache wegen, sondern „weil uns die G 8-Gymnasiasten als Nachwuchskräfte wegbrechen“, sagt Jürgen Möck, „die gehen nicht zum Studieren mit 17 Jahren, sondern machen ein Soziales Jahr oder Au-pair.“ Die Zeiten des Waldheims sind für sie vorbei.


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