Bei Rettungseinsätzen zählt oft jede Minute – dumm nur, wenn die Helfer die Adresse wegen eines Schwachpunkts im Navigationssystem nicht finden können Foto: dpa

Auch Notärzte und Rettungswagen benutzen Navigationsgeräte. Doch die haben ihre Tücken. Immer wieder ziehen sich Einsätze in die Länge, weil die Zufahrt falsch angegeben wird. In einem Wohngebiet in Echterdingen passiert das regelmäßig.

Leinfelden-Echterdingen - Wenn Friedrich Hainlin an eine Nacht Ende August denkt, kann er nur noch mit dem Kopf schütteln. Seiner Frau geht es nicht gut damals, der Verdacht auf einen Herzinfarkt kommt auf. Schließlich wählt er am frühen Morgen die 112. Notarzt und Rettungswagen kämen sofort, wird Hainlin gesagt. Ihm ist klar, dass die Zufahrt zum zentral gelegenen Lehmgrubenweg, in dem die Familie wohnt, nicht ganz einfach ist. Denn einer der beiden Zugänge ist ein Fußgängerweg, den Rettungsfahrzeuge nicht passieren können. Um sicherzugehen, rennt Hainlin im strömenden Regen mit einer Handlampe auf die Straße, um die Helfer auf den richtigen Weg lotsen zu können.

Doch er muss mit ansehen, wie sowohl Notarzt als auch Rettungswagen unabhängig voneinander an der Zufahrt vorbeirauschen. Erst nach mehreren Versuchen über verschiedene Seiten und diverse Wendemanöver, das ergibt später das Protokoll, finden die Retter mit Hainlins Hilfe den Weg. „Das hat in beiden Fällen zwischen acht und zehn Minuten gekostet“, sagt Hainlin. Bei schweren Gesundheitsproblemen eine Ewigkeit. Beide Fahrer erzählen, ihre Navigationsgeräte hätten sie zur falschen Zufahrt gelotst.

Der Kreisverband Esslingen-Nürtingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bestätigt Hainlin später dieses Problem. In dem Schreiben heißt es, der Notarzt habe dadurch vier, der Rettungswagen zwei Minuten verloren. Der Notarzt, das zeigen die angegebenen Zeiten, hat nach dem Notruf 22 Minuten gebraucht. Hainlin zweifelt diese Angaben an. Doch mehr noch bringt ihn eine andere Tatsache auf: Das Ereignis ist kein Einzelfall. Immer wieder verzögert die Fehlleitung durch die Technik die Einsätze.

Mindestens vier Fälle in diesem Jahr

Das bestätigt eine Nachbarin. „Wir haben in diesem Jahr leider bereits zweimal den Notarzt gebraucht. Es hat jedes Mal 20 bis 30 Minuten gedauert, bis er da war“, erzählt sie. Beim einen Einsatz hätten die Retter selbst gesagt, sie hätten die Adresse nicht gefunden, beim zweiten seien sie nur durch das Abpassen auf der Straße auf die richtige Spur zu bringen gewesen.

Hainlin will das so nicht stehen lassen. Er hat sich erneut ans DRK, aber auch an den Hersteller der Geräte und an die Stadt gewandt. „Mir geht es nicht nur um uns, sondern um die rund 100 Leute, die in unserer Straße leben und deren Leben gefährdet ist“, sagt er. Die Stadt Leinfelden-Echterdingen hat inzwischen zugesagt, die Beschilderung verbessern zu wollen. Auch sie hat Kontakt zum Hersteller der Geräte aufgenommen, denn offensichtlich besteht das Problem nur bei diesem einen.

Doch just diese Marke verwenden die meisten Retter im Land. „Das liegt daran, dass unser aktuelles Fahrzeug-Ortungs-System auf diese Hardwarekomponente zurückgreift“, sagt Michael Wucherer. Der Rettungsdienstleiter beim DRK Esslingen-Nürtingen deutet aber Änderungen an: „Mittelfristig steht in der Ersatzbeschaffung ein anderes Navigationssystem zur Verfügung, das wir auf Kompatibilität prüfen werden.“ Er weist darauf hin, dass es gerade innerorts selten Probleme beim Auffinden von Einsatzstellen gebe. Am häufigsten passiere das bei Neubaugebieten, die noch nicht im Kartenmaterial enthalten sind, oder bei komplizierten „Hinterhaussituationen“. Man überarbeite die eigenen Daten ständig. Und falls doch Probleme aufträten, könnten die Besatzungen das an Bord vorhandene Karten- und Infomaterial benutzen, die Leitstelle anfunken oder sich gar von ihr ­orten und lotsen lassen.

DRK spricht von „Einzelfällen“

Vorschriften, welches Navigationssystem zu verwenden ist, gibt es nicht. „Das kann jeder Kreisverband selbst entscheiden“, sagt Udo Bangerter. Der Sprecher des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg weist darauf hin, dass es sich bei Irrfahrten „um Einzelfälle“ handle. Ganz vermeiden lasse sich das nicht. Statistisch würden sie nicht erfasst. „Es gibt viele Fälle, in denen man kein Navi braucht, weil man sich auskennt. Darüber hinaus sind die Geräte nützliche Helfer“, so Bangerter. Normalerweise könne die Leitstelle bei Schwierigkeiten jederzeit eingreifen, zudem tauschten sich die Besatzungen und unterschiedlichen Rettungsorganisationen über schwierige Fälle aus und hielten sie schriftlich fest.

Dass es dennoch Probleme gibt, hat sich erst am Mittwoch wieder bestätigt. Trotz der vielen Diskussionen um die Zufahrt zum Lehmgrubenweg ist auch da ein Einsatz schiefgegangen. Erneut hatte Hainlin am frühen Morgen den Notruf wählen müssen. Wieder rannte er mit einer Lampe auf die Straße. Diesmal wurde der ärztliche Notdienst der Malteser losgeschickt. Auch der stand vor dem gesperrten Fußgängerweg. „Er wurde vom Navi falsch gelotst, musste mehrfach hin und her fahren. Das gibt es auch anderswo, etwa in Nürtingen-Roßdorf“, sagt Rettungsdienstleiter Marc Lippe. Die Malteser, kein großes Wunder, verwenden dieselben Navigeräte wie das DRK.

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