Diesen braunen Teddy fanden Ermittler 2011 in dem Wohnmobil, das die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bei einem Raubüberfall in Eisenach benutzten. Foto: StN

Bei den mutmaßlichen Rechtsterroristen fanden Ermittler viel Kinderspielzeug. Doch die daran gefundenen DNA-Spuren konnten sie bis heute nicht eindeutig zuordnen.

Stuttgart - Das Asservat 1.3.2.0 fanden die Ermittler in der intakten Fahrerkabine des ausgebrannten Wohnmobils. Der hellbraune Teddybär, in dessen Bauch normalerweise eine Wärmflasche verschwindet, war nicht der einzige Hinweis darauf, dass auch Kinder im Caravan gewesen sein müssen. Die Puppe eines Bauarbeiters. Ein Ringbuch, auf dessen Titelseite der Comicbär Winnie Pooh mit einem Schweinchen tanzt. Schokoriegel und eine Packung „Hubba Bubba Apfelkaugummis“. Und ein „linker Plastikpantoffel, rosafarben, Größe 33“, wie es im Protokoll der Forensiker heißt. Dessen rechtes Pendant und eine Wasserpistole befanden sich im „Komplex 1.4 – Aufenthaltsraum“ des Wohnmobils.

Mit dem waren Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 nach Eisenach gekarrt, um dort eine Sparkasse zu überfallen. Als sich bei der Fahndung nach den Bankräubern Polizisten dem Fahrzeug näherten, seien sie aus dem Wohnmobil heraus beschossen worden. Wenig später sei das Fahrzeug in Brand geraten. Als der gelöscht war, fanden sich im Innern des Mobils die Leichen von Mundlos und Böhnhardt.

Verbindungen der NSU-Terroristen zu Fällen von Kindesmissbrauch

Dessen DNA wiesen Forensiker des Landeskriminalamtes Bayern jetzt an einem kaum zentimetergroßen Stoffstück – mutmaßlich ein Stück Decke – nach. Das fanden Ermittler in einem Waldstück beim bayrischen Nordhalben nahe der Landesgrenze zu Thüringen – in der Nähe der Leiche der neunjährigen Peggy Knobloch. Das Mädchen war im Mai 2007 im oberfränkischen Lichtenberg entführt worden. Teile ihres Skeletts hatte ein Pilzsammler im Juli 2016 gefunden. Während diese in der Rechtsmedizin der Universität Jena untersucht wurden, analysierte das Landeskriminalamt (LKA) Bayern die nahe der Leiche gefundenen Spuren. Der Stofffetzen sei „im direkten Zusammenhang“ mit den gefundenen Skelettteilen zu sehen, sagte Herbert Potzel, leitender Oberstaatsanwalt in Bayreuth. In der Nähe des Fundortes besitzt ein Neonazi, der auch mit Böhnhardt befreundet war, eine Hütte. Der Mann fiel der Polizei auf, weil er harmlose Prospekte „mit sexistischen und sadistisch/rassistischen Bildern und Texten“ umgestaltete.

Über die bemerkenswerte Nähe der NSU-Terroristen zu Fällen von Kindesmissbrauch und Zuhälterei von Kindern berichtete unsere Zeitung bereits mehrfach. So mutmaßte Opferanwalt Yavuz Narin bereits im Mai 2014, der „NSU kann sich nicht alleine durch Banküberfälle finanziert haben. Es gibt zahlreiche Verstrickungen des Trios wie auch seines Umfeldes in Kindesmissbrauch und Frauenhandel. Hypothetisch ist die Frage interessant, ob sich Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe auch über die Zuhälterei mit Kindern finanzierten“.

Im März 2015 dachte der damalige CDU-Abgeordnete in Baden-Württembergs NSU-Untersuchungsausschuss, Matthias Pröfrock, in dieselbe Richtung: „Ermittler haben nachgewiesen, dass das Geld aus den Banküberfällen nicht ausreichte, damit das Trio damit seinen Lebensunterhalt bestritt. Insofern müssen wir uns die Frage stellen, ob sich die Rechtsterroristen womöglich mit der Zuhälterei von Kindern finanziert haben.“

Ein weiterer Kindsmord

Das BKA untersuchte das im Eisenacher Wohnmobil gefundene Spielzeug und Clogs auf genetische Spuren – aber nur darauf, ob diese von Böhnhardt, Mundlos und engen NSU-Helfern stammen. An zwei Stellen fanden die Laboranten Abriebspuren. Eine „Mischung von Merkmalen mehrerer Personen“ – nicht eindeutig den NSU-Männern zuzuordnen. Wie auch das Genmaterial am Plüschbären und dem Püppchen. Am rechten Clog fand sich DNA-Material einer weiblichen Person.

Spielzeug fand sich auch im mutmaßlich letzten Unterschlupf des NSU in Zwickau: Kinderbuch, Hubschrauber, Karten- und Memoryspiel, Spielzeugwaffen, ein gemaltes Kinderbild fanden Ermittler. Nichts davon wurde molekulargenetisch untersucht. Dabei behauptete eine Zeugin, die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe im Oktober 2011 mit einem kleinen Mädchen gesehen zu haben. Zusammen mit Böhnhardt mietete Zschäpe ein Wohnmobil im sächsischen Schreiersgrün. Eine Angestellte der Verleihfirma sagte aus, die beiden seien von einem vier- oder fünfjährigen Mädchen mit längeren, blonden Haaren begleitet worden. Das Mädchen habe Zschäpe „Mama“ genannt.

NSU-Spuren führen zu einem weiteren Mord: Am 6. Juli 1993 verschwand in Jena der neunjährige Bernd Beckmann. Zwölf Tage später wurde er – zuvor missbraucht - tot gefunden. Der Mord ist bis heute ungeklärt. Nahe der Leiche fanden Spurensicherer einen Außenbordmotor, der einem Freund Böhnhardts, Enrico Theile gehörte. 2012 sagte Theile in einer Vernehmung, ihm sei sein Boot samt Außenbordmotor gestohlen worden. Böhnhardt sei der Einzige gewesen, der wusste, wo das Boot lag. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow entschied jetzt, der Fall werde neu aufgerollt. Und 2011 fanden die Ermittler kinderpornografisches Material auf einem PC, der Beate Zschäpe zugeordnet wird. Das Verfahren wurde eingestellt, weil eine mögliche Strafe im Verhältnis zu den Strafen für die terroristischen Taten nicht ins Gewicht fallen würde.

Der NSU-Kontaktmann und V-Mann Tino Brandt wurde 2014 wegen Kindesmissbrauchs zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er gestand und wurde in 66 Fällen schuldig gesprochen. 2009 bekam die Polizei in Suhl Hinweise, Brandt betreibe gemeinsam mit Thomas D., dem V-Mann „Küche“ des Verfassungsschutzes Thüringen, einen Zuhälterring, der Jungen an Pädophile vermittelte. Brandt hatte in den 1990er Jahren den rechtsradikalen „Thüringer Heimatschutz“ aufgebaut - in dem sich Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe radikaliserten.

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