Markus Weinzierl bei seiner letzten Pressekonferenz als VfB-Trainer in Augsburg Foto: Getty

Die Ära Markus Weinzierl beim VfB Stuttgart ist nach etwas mehr als sechs Monaten Geschichte. In der bittersten Stunde zeigt er jedoch Größe. Szenen seines letzten Abends beim Club aus Cannstatt.

Augsburg/Stuttgart - Es ist 21.51 Uhr, als Markus Weinzierl ein letztes Mal beim VfB Stuttgart vom Hof fährt. Die Menschenmenge, die zuvor noch mit etlichen VfB-Profis nach deren Rückkehr aus Augsburg vor dem abgesperrten Spielerparkplatz diskutiert hatte, hatte sich einige Minuten zuvor aufgelöst. Der Weg ist also frei.

Weinzierl ist schon fast vom Clubgelände aus auf die Mercedesstraße eingebogen, da hält er an. Er steigt aus, läuft ein paar Meter zurück und verabschiedet sich mit einem Handschlag freundlich im Dunkeln vom Autor dieser Zeilen, dessen Abschiedsgruß er soeben vernommen hatte. Gefragt nach einem letzten Statement sagt der 44-Jährige: „Ich wünsche der Mannschaft alles Gute“ und korrigiert dann kurz noch ein wenig: „Ich wünsche dem Verein alles Gute“.

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Markus Weinzierl, ein feiner Kerl, auch in der bittersten Stunde. Ein Mann, der nie seine guten Umgangsformen vergisst. Andere VfB-Trainer sind in der gleichen Situation in der Vergangenheit ganz anders vom Hof gebraust, teilweise mit nicht gerade netten Worten in Richtung von wartenden Journalisten.

Unter der Woche war Weinzierl auch einmal aufgebraust, er hielt bei der turnusgemäßen Spieltags-Pressekonferenz vor der 0:6 beim FC Augsburg eine Wutrede („Bin ich eigentlich an allem schuld?“). Das passte gar nicht recht zu dem Straubinger, der sonst immer sachliche Töne anschlagen hatte, egal wie unpassend er auch beispielsweise eine Journalistenfrage gefunden haben mag. Es war ein Reizpunkt, mit dem er aufrütteln wollte und wohl auch auf die Probleme des VfB aufmerksam machen wollte, die weit über den Trainer hinausgehen. Die Mannschaft hat er damit jedoch nicht mehr erreicht (weshalb von Sonntagvormittag an der bisherige Stuttgarter U-19-Trainer Nico Willig das Team anleiten wird).

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Schon während des Spiels am Samstag an seiner alten Wirkungsstätte in Augsburg – Weinzierl ist mit 136 Spielen bis heute FCA-Rekordtrainer – sank der Coach irgendwann tief in seinen Sitz auf der Ersatzbank angesichts dessen, was er von seiner Elf zu sehen bekam. Bei der Pressekonferenz nach der Partie wirkte er resigniert, versank tief in Gedanken, den Blick nach unten auf ein Blatt Papier gerichtet, auf dem er leicht mit den Fingern tippelte, während sein Augsburger Trainerkollege Martin Schmidt neben ihm nach dem zweiten Sieg im zweiten Spiel nach dem Einstieg beim FCA freudestrahlend die Fragen an ihn beantwortete.

Anstatt die VfB-Spieler nach ihrem an Arbeitsverweigerung grenzenden Auftritt in Augsburg verbal in der Luft zu zerreißen, bewies Weinzierl Contenance. „Ich kann mich für diese Leistung nur entschuldigen“, sagte er. „So können wir uns nicht präsentieren. So kann es nicht weitergehen.“ Ihm war wohl selbst schon bewusst, dass es für ihn nicht weitergehen würde. Zu unterirdisch war die Darbietung. Dennoch holte er nicht zum großen Schlag aus. Ob er persönlich enttäuscht sei von einzelnen Spielern, wurde er gefragt? „Die Jungs sind auch nur Menschen. Ich bin nicht enttäuscht von einzelnen Personen, sondern von der Gesamtsituation“, antwortete er. Und ob er sich von der Mannschaft im Stich gelassen fühle? „Nein.“

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Nach der Rückkehr aus Stuttgart stellte sich ein Dutzend Spieler von Mario Gomez über Ron-Robert Zieler, Timo Baumgartl, Steven Zuber und Alexander Esswein bis Erik Thommy den 100 Fans, die sie am Clubgelände erwartet hatten und diskutierten mit ihnen, versicherten ihnen, alles für den Nichtabstieg geben zu wollen. Dennis Aogo sprach noch am längsten mit ihnen – bis er um 21.39 Uhr vom Hof fuhr.

Markus Weinzierl tat dies zwölf Minuten später, ein letztes Mal.

In unserer Fotostrecke zeigen wir Markus Weinzierls Zeit beim VfB in Bildern.

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