Ein Viertel im Westen wandelt sich Der neue hippe Hölderlinplatz

Von Nina Ayerle 

  Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
  Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Rund um die Straßenkreuzung an der Schwabstraße haben im letzten Jahr einige neue Läden und Cafés eröffnet. Daraus ist ein schöner Mix aus traditionellen und neuen Geschäften entstanden.

Stuttgart - Blumen, Kosmetik, italienische und französische Feinkost, Einrichtungssachen, ein paar Meter weiter die Apotheke, der Bäcker, der Metzger und zwei Supermärkte. Wer am Hölderlinplatz wohnt, braucht quasi kein Auto. Alles, was man so benötigt, findet sich vor der Haustür. Eigentlich braucht man fast nicht einmal den Rest von Stuttgart. Der Hölderlinplatz hat sich in den letzten Monaten zu einem eigenen, lebendigen Quartier gemausert. Junge Familien, Hipster, Künstler und Kreative leben gerne in dieser Ecke des Stuttgarter Westens.

Viele Lädchen und einige Cafés haben aus dem Hölderlinplatz, der ja nicht mal ein richtiger Platz, sondern nur eine Straßenkreuzung ist, ein besonderes Quartier gemacht. Ein kleines Dorf in der Großstadt. Man kennt sich, man grüßt sich, man kauft seine Sachen bei den Nachbarn.

Alles, was man zum Leben braucht, findet sich vor der Haustür

Zoé Amor hat ihren Laden Milk Wood genau deshalb dort eröffnet, aus Liebe zu ihrem Stadtteil: „Ich wohne hier, ich kaufe hier ein, meine Kinder gehen hier in den Kindergarten.“ Für sie war klar, dass sie ihren Concept Store nirgends anders eröffnen kann. „Er passt einfach ins Viertel“, sagt die 40-jährige Einzelhändlerin mit griechischen Wurzeln. Warum das so ist? „Milk Wood ist für Menschen, denen es nicht egal ist, woher ihre Produkte kommen.“ Mode, Schmuck und Papierdesign in ihrem Laden an der Traubenstraße 60 stammen hauptsächlich aus Griechenland.

„Das ist mein Laden geworden“, sagt die Nachbarin Bärbel Wendt-Riede, die sich während des Gesprächs zufällig gerade im Laden von Amor aufhält. Sie ist mit ihrem Geschäft Augenweide längst selbst eine Institution im Viertel. Vor 20 Jahren hat sie mit ihren Kolleginnen Christiane Hartmann und Isolde Stapf das Geschäft für Wohnaccessoires, Taschen, Kissen, Kinderspielzeug und Krimskrams an der Schwabstraße 191 eröffnet, in dem es ein bisschen aussieht wie im „Schöner Wohnen“-Katalog. Bei den drei Damen, die eigentlich schon im Ruhestand sein könnten, gibt es im Prinzip alles, was ein Zuhause schöner macht, was man aber nicht unbedingt zum Überleben braucht.

Sinkende Kaufkraft, zu teure Ladenmieten, Online-Konkurrenz – alles, was andere Einzelhändler so plagt, konnte den drei Frauen trotzdem nichts anhaben. Natürlich liege es auch an der Lage, direkt an der Grenze zur Halbhöhe. „Viele unserer Stammkunden sind aus dem Quartier“, sagt Christiane Hartmann. Man habe im Laufe der Jahre das Sortiment an den Zeitgeist angepasst, sei damit spannend geblieben; jedes Stück sei bewusst und liebevoll ausgewählt.

Zeit nehmen für die Kunden ist das Geheimnis der Inhaberinnen

Doch das machen andere Geschäfte ja auch. Trotzdem können sie sich oft gegen die Konkurrenz durch Ketten nicht durchsetzen. Was ist das Geheimnis der drei Einzelhändlerinnen von der Augenweide? „Wir sind sehr nett“, sagt Hartmann und lacht. Viele Stammkunden sind Freunde geworden. Die drei Frauen begleiten sie durch gute und schlechte Zeiten. „Bei uns geht nicht nur schnell das Geld über den Tresen“, sagt die Einzelhändlerin. „Wir nehmen uns Zeit.“

Und die vielen Läden und Cafés befruchten sich auch gegenseitig. Im September ist der Zimt-und-Zucker-Macher Jean Ravel mit dem Café Heilignüchtern am Hölderlinplatz eingezogen, das sich in der kurzen Zeit zu einem Treffpunkt in der Nachbarschaft entwickelt hat. Eine Konkurrenz zur quasi gegenüberliegenden Caffèbar Hölderlin ist er nicht wirklich. „Bei denen ist es immer voll abends“, sagt Wendt-Riede, der anscheinend nichts in der Nachbarschaft entgeht. „Da stehen abends die jungen Leute bis auf die Straße.“

Ein paar Ecken weiter, an der Kornbergstraße 50, bereichert Katharina Eberle seit zwei Jahren das Viertel mit ihren französischen Spezialitäten im Chez Ginette. Seit Kurzem kommen nun auch die Italienfans nicht mehr zu kurz: Die 22-jährige Giulia Cardascia mit ihrer Bottega da Giulia an der Ecke Trauben-/Schwabstraße haben die Nachbarn schon ins Herz geschlossen – in nicht einmal drei Monaten. Während des Mittagstisches sind die Sitzplätze heiß begehrt, danach kommen viele auf einen Kaffee oder, um italienische Spezialitäten wie Olivenöl, Pasta und Salami, Schinken oder Käse zu besorgen.

Jedes neue Geschäft freut die Nachbarn im Viertel

Jeder neue Laden ist ein Gewinn. „Die Anwohner freuen sich über alles“, sagt Wendt-Riede. Das Viertel habe sich „unglaublich gemacht.“ Die Mischung aus alten und neuen Geschäften hält es lebendig.

Für Brigitte Alkan-Reimann ist ihr Atelier mit Ladeneinheit Von Herzen an der Schwabstraße 185 deshalb ein Glücksgriff. Ihr Sortiment – edle, handgefertigte Wohnaccessoires aus Leder – passt gut zu den anderen Geschäften und den eher anspruchsvolleren Kunden. Denen scheint es wohl lieber zu sein, sie bezahlen für etwas mehr Geld und wissen dafür, woher und von wem es kommt. „Vor Weihnachten ging die Tür bei uns überhaupt nicht mehr zu“, erzählt Alkan-Reiman. Dabei ist die 52-Jährige da grade erst hergezogen gewesen. „Wir sind total happy hier“, sagt sie. Und die Nachbarinnen, die waren natürlich auch schon da.

Lesen Sie jetzt