Drogenszene in Stuttgart 220 Süchtige stehen bald auf der Straße

Von Sven Hahn 

Die kontrollierte Diamorphinabgabe ist entscheidend für viele Drogenabhängige. Foto: dpa
Die kontrollierte Diamorphinabgabe ist entscheidend für viele Drogenabhängige. Foto: dpa

Suchtexperten sprechen von einer „absoluten Katastrophe“. Ein Viertel aller Suchtpatienten der Landeshauptstadt wird am 15. Dezember ohne ärztliche Versorgung dastehen. Die Abhängigen werden sich nach diesem Tag wohl weitgehend illegal versorgen müssen.

Stuttgart - Gaby und Thomas (Namen von der Redaktion geändert) haben Angst, ihren Arzt zu verlieren. Die beiden sind süchtig, doch seit mehr als 20 Jahren bekommen sie Ersatzdrogen. „Das hat uns ein normales Leben ermöglicht“, sagt Gaby. „Ich wurde von lebensbedrohlichen Krankheiten geheilt und konnte mich selbstständig machen“, berichtet Thomas. Die beiden sind zusammen mit mehr als 200 weiteren Abhängigen Patienten der zweitgrößten Suchtpraxis der Stadt an der Schwabstraße. Doch die Substitution, wie die Behandlung mit Ersatzstoffen wie Methadon genannt wird, kann an der Schwab­straße nicht weitergeführt werden. Die Patienten stehen auf der Straße – freie Plätze bei anderen Ärzten gibt es in Stuttgart nicht.

Am 15. Dezember dieses Jahres ist Schluss mit der Behandlung suchtkranker Menschen in der Praxis an der Schwabstraße. Offiziell betreut die Gemeinschaftspraxis 220 Abhängige – das ist rund ein Viertel aller Suchtpatienten in Stuttgart. „Aktuell gibt es keine Alternativen für die Menschen, die auf diese Behandlung und diese Ärzte angewiesen sind“, sagt Uwe Collmar, Dienststellenleiter der Drogenberatung von Release Direkt. Der Grund für die Schließung: „Der Mietvertrag für die Suchtpraxis wurde nicht verlängert“, sagt Collmar. Und: „Ein neuer Standort wurde bislang nicht gefunden.“ Der Eigentümer des Gebäudes, die Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau Baden-Württemberg, kurz GWG-Gruppe, mit Sitz in Stuttgart, erklärt dazu: „Das Gebäude haben wir im Juli 2012 erworben.“ Aktuell befinde man sich mit der Arztpraxis in Verhandlungen: „Wir möchten daher um Verständnis bitten, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt aus Gründen der Vertraulichkeit keine Aussagen treffen können.“

Stadt sucht nach Lösungen

Offenbar geht es bei den Vertragsverhandlungen um eine Verlängerung des Mietvertrags allein um den allgemeinmedizinischen Teil der Praxis. Das bestätigt Sozialbürgermeister Werner Wölfle (Grüne). „Ich habe mich daher bereits vor Monaten an die GWG gewendet, um eine Verlängerung für die Suchtpraxis zu erreichen“, sagt Wölfle. Diese Versuche seien jedoch erfolglos geblieben, sagt er. Auch die Suche nach einer neuen Immobilie blieb laut Wölfle bislang ohne Ergebnis. „Sobald Vermieter hören, dass es sich um eine Suchtpraxis handelt oder dass am Wochenende dort Betrieb herrschen wird, machen die einen Rückzieher“, sagt der Sozialbürgermeister.

Die Stadt suche aktuell nach einer Lösung, betont Wölfle. „Es gibt Überlegungen für eine zwischenzeitliche Versorgung der Suchtkranken am Klinikum“, so Wölfle weiter. „Doch auch das wird nicht zum Stichtag 15. Dezember möglich sein.“

Die Ärzte wollen weitermachen

Die Ärzte der Praxis an der Schwabstraße wollen das Thema nicht in die Öffentlichkeit tragen. Aus Rücksicht auf die Gespräche mit dem Vermieter wolle man sich nicht in der Zeitung zur aktuellen Situation äußern, wird von den Medizinern stets betont.

Somit stehen 220 suchtkranke Patienten ohne medizinische Versorgung da. Kenner der Drogenszene sprechen hinter vorgehaltener Hand von einer Katastrophe für die Patienten und die Kriminalstatistik. Die Abhängigen werden in der Substitution mit Ersatzstoffen behandelt. „Eine Abhängigkeit besteht aber weiter“, sagt Uwe Collmar. Das bedeutet, dass Mitte Dezember 220 Süchtige nicht mehr kontrolliert vom Arzt versorgt werden. „Das wird zur Folge haben, dass es mehr Todesfälle geben wird und in Stuttgart wieder eine offene Drogenszene entstehen kann“, sagt der Experte. Collmars Angst: „Die Patienten könnten großteils in die Illegalität abwandern.“ Freie Plätze für Suchtpatienten gibt es in Stuttgart nicht. Der Grund: Ende vergangenen Jahres verteilten sich die knapp 1000 Suchtpatienten in Stuttgart auf gerade einmal acht Arztpraxen – darunter zwei große: die Praxis an der Schwabstraße und die Schwerpunktpraxis an der Senefelder- und Kriegsbergstraße von Andreas Zsolnai mit mehr als 300 Patienten. „Dort herrscht seit geraumer Zeit Aufnahmestopp. Die Ärzte sind am Limit“, sagt Collmar. Auch die kleineren Praxen können keine neuen Suchtpatienten aufnehmen, so der Experte.

Patienten müssen zurück ins Leben eines Fixers

Für Gaby und Thomas bricht mit dem Ende der Suchtpraxis eine Welt zusammen. „Wenn ich einfach so mit der Substitution aufhöre, bekomme ich schlimme Depressionen und kann nicht mehr arbeiten“, berichtet Thomas. Gaby hat indes Angst, ihre Wohnung und damit ihre bürgerliche Existenz zu verlieren. „Wir haben mehr als 20 Jahre hart an uns gearbeitet, um vom Leben eines Fixers wegzukommen“, erzählen die beiden. „Und jetzt stehen wir wieder kurz davor, dorthin zurückzumüssen.“

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