Bei der DRF Luftrettung ist die Digitalisierung des Arbeitslebens angekommen. Foto: dpa-Zentralbild

Die Digitalisierung könnte im Großraum Stuttgart zu einem Jobmotor werden. Schon jetzt ist jeder vierte Mittelständler in der Region überdurchschnittlich stark in der digitalen Welt unterwegs.

Stuttgart - Die DRF Luftrettung– das Unternehmen mit den rot-weißen Hubschraubern – gehört zu den digitalen Vorreitern in der Region. „Die Herausforderung besteht bei uns darin, die verschiedenen Bereiche – Flugbetrieb, Technik, Verwaltung und Medizin – miteinander zu vernetzen“, sagt Hans Jörg Eyrich, DRF-Vorstand. Ganz neu hat jeder Hubschrauber ein iPad an Bord, in dem die Pflichtunterlagen, die jeder Pilot mit sich führen muss, gespeichert sind. Bisher waren das acht Kilogramm Papier pro Hubschrauber, jetzt sind es nicht mal 500 Gramm für das Tablet. Das spart zehn bis elf Liter Kerosin pro Flug. „Wenn wir weniger Sprit verbrauchen, sind wir länger einsatzbereit“, sagt Eyrich. Bei zehn bis zwölf Einsätzen täglich an einem Sommertag fällt das ins Gewicht.

Die technische Überwachung der Hubschrauber ist engmaschiger geworden

Dass sich die Digitalisierung unmittelbar auf die Arbeit der Luftretter auswirkt, zeigt auch folgendes Beispiel: Die technische Überwachung der Hubschrauber ist engmaschiger geworden. Nach jedem Einsatz werden jetzt die Triebwerksdaten automatisch zum Server der Werft in der Nähe von Baden-Baden geleitet. Dadurch lässt sich die Leistung der Triebwerke optimieren, und es kann frühzeitig eingegriffen werden, wenn sich eine Störung abzeichnet. Das Filder-städter Unternehmen, das jährlich rund 105 Millionen Euro umsetzt, gibt im Jahr zwischen 750 000 und eine Million Euro aus für Investitionen im Bereich der IT – ohne Personalkosten. Das sich das lohnt, steht für Eyrich fest: „Allein eine Störung des Triebwerks, die vermieden wird, erspart uns bis zu 900 000 Euro Kosten und Ausfallzeiten des Hubschraubers.“

Im Medizinbereich trainieren Notärzte und Rettungsassistenten schon seit 2004 mit einer Simulator-Puppe an Bord, die so realitätsnah wirkt, dass selbst erfahrene Kollegen vergessen, dass sie nicht etwa einen Patienten mit Herzflimmern, sondern eine Puppe vor sich haben. DRF war der erste Rettungsdienst in Deutschland, der das Simulatortraining eingeführt hat. So eine Puppe kostet 100 000 Euro. „Das Training von Extremsituationen am Simulator kommt den Patienten zugute“, sagt Eyrich.

Digitalisierung verändert Arbeitsplätze und bringt neue Berufe hervor

Die Digitalisierung verändert Arbeitsplätze, Mitarbeiter müssen qualifiziert werden: angefangen vom Techniker bis hin zum Piloten, der das digitale Cockpit in der neuen Generation von Hubschraubern bedienen können muss. Die Digitalisierung bringt auch neue Berufe hervor wie den des Avionikers, der für die elektronischen Komponenten des Hubschraubers verantwortlich ist.

Nach einer neuen Commerzbank-Studie, die unserer Zeitung vorliegt, sind knapp ein Viertel der mittelständischen Unternehmen im Wirtschaftsraum Stuttgart schon in der digitalen Welt angekommen. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Wirtschaftsregion (23 Prozent) digitaler unterwegs ist als Baden-Württemberg insgesamt (21 Prozent), das gemeinsam mit Berlin (21 Prozent) an der Spitze der Bundesländer liegt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 18 Prozent. Soll heißen, im Südwesten nutzen heute schon mehr Mittelständler digitale Technologien, um neue Produkte zu entwickeln, neue Absatzwege zu erschließen und die einzelnen Prozesse im Unternehmen zu vernetzen. „Der Mittelstand im Stuttgarter Raum gehört ganz klar zu den Gewinnern der digitalen Transformation“, sagt Siegfried Stangohr, Niederlassungsleiter der Commerzbank Stuttgart und dort zuständig für das Mittelstandsgeschäft.

60 Prozent der Firmen rechnen mit einem wachsenden Personalbestand

In der repräsentativen Befragung von Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis 2,5 Millionen Euro zeigten sich die Führungskräfte in der Region Stuttgart entsprechend optimistisch. 60 Prozent rechnen mit einem wachsenden Personalbestand in den nächsten fünf Jahren, und 31 Prozent gehen von gleichbleibender Mitarbeiterzahl aus. Deutlich weniger zuversichtlich zeigten sich der Umfrage zufolge die Mittelständler im Bundesdurchschnitt. Hier rechnen nur 43 Prozent mit mehr Personal, und 48 Prozent gehen von gleichem Personalbestand aus.

Weniger überraschend ist, dass die Unternehmen im Stuttgarter Raum qualifiziertes Personal suchen. 64 Prozent der Befragten melden, dass sie Bedarf an Kräften mit mehrjähriger Erfahrung haben. „Die Unternehmen brauchen die Jungen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind und mit den neuesten Technologien versiert umgehen können, aber auch die Alten mit ihrer Erfahrung, die wissen, wie der Markt funktioniert“, sagt der Commerzbank-Manager.

Was die Fehlerkultur angeht, liegen die Firmen im Vergleich zum Bundesdurchschnitt zurück. Die Einsicht, dass Mitarbeitern, die neue Ideen entwickeln, auch Fehler und Misserfolge zugestanden werden sollten, ist weniger ausgeprägt. Auch bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben hinken die hiesigen Firmen hinterher; ebenso sind sie weniger offen für die Kooperation mit Wettbewerbern. „Die Wirtschaftsregion Stuttgart ist auf gutem Weg. Die Unternehmen sollten sich aber noch weiter öffnen, um die Digitalisierung voranzutreiben“, sagt Stangohr.

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