Die E-Mobilität hat in Deutschland gewaltigen Rückenwind. Foto: 39293318

Deutschland lässt sich von einer breiten Grundströmung in Richtung E-Auto treiben, als wäre dies die allein selig machende Technologie. Dabei werden deren Nachteile für Umwelt und Jobs systematisch ausgeblendet, meint StN-Autor Klaus Köster.

Stuttgart - Seit der Dieselskandal deutsche Autohersteller in die Defensive gebracht hat, hält die Branche zusammen wie Pech und Schwefel. „Es lohnt sich, für den Diesel zu kämpfen“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Wir kapitulieren nicht“, ließ sich BMW-Chef Harald Krüger zitieren. Er würde sich „wieder einen Diesel kaufen“, erklärte VW-Chef Matthias Müller. Wenn es um den Diesel geht, passt zwischen die Konkurrenten kein Blatt Papier.

Seit wenigen Tagen hat die Harmonie tiefe Risse. VW-Chef Müller hat eine ansatzlose Kehrtwende hingelegt und winkt seinen entgeisterten Chef-Kollegen nun von der Gegenfahrbahn aus zu. Er sei jetzt „davon überzeugt, dass wir Sinn und Zweck der Dieselsubventionen hinterfragen sollten“, das Geld solle lieber für die Elektromobilität verwendet werden.

Was will uns der VW-Chef sagen?

Natürlich kann auch ein Konzernchef der Meinung sein, dass der Diesel ein Auslaufmodell ist. Doch warum riet Müller den Menschen dann noch vor wenigen Wochen zum Kauf eines Diesels und kündigte sogar einen ganz neuen Motor dieser Technologie an? Will er ernsthaft neue Modelle verkaufen, die er für aus der Zeit gefallen hält, noch bevor sie vom Band laufen? Welches Signal sendet Müller an seine Millionen Dieselkunden aus, die wegen des VW-Skandals herbe Einbußen erleiden? Und wie sollen Politiker, die über Fahrverbote entscheiden, die Kakofonie aus der Branche interpretieren?

Über die Nachteile wird kaum gesprochen

Der VW-Chef passt sich mit seiner Kehrtwende geschmeidig an eine gesellschaftliche Grundströmung an, wonach die Zukunft allein im Batterie-Auto liegt. Politiker und Wissenschaftler, die auf dessen enorme Risiken hinweisen, laufen Gefahr, reflexartig als Bremser, Umwelt-Dinos oder Handlanger der Industrie abgetan zu werden. Auch deshalb gibt es kaum Stimmen, die öffentlich darauf hinweisen, dass die Produktion der Batterie fürs E-Auto enorm viel Energie und Rohstoffe verschlingt, die teilweise unter fragwürdigsten Bedingungen zutage gefördert werden.

Der Umstand, dass die Entsorgung der Batterie ebenso ungeklärt ist wie der Bau eines gigantischen Leitungssystems für den überregionalen Transport von Windstrom, wird in der Debatte weit seltener erwähnt als die Feinstaubbelastung durch Dieselabgase – obwohl dieser Feinstaub seit Jahren fast vollständig durch Filter zurückgehalten wird. Nahezu ignoriert wird auch die Frage, was aus all den Arbeitsplätzen in Autofabriken und Werkstätten wird, wenn sich allein das Batterie-Autos durchsetzt, für dessen Produktion und Wartung weit weniger Menschen gebraucht werden als für heutige Fahrzeuge.

Alternativlos geht anders

Dass es etwa mit dem Brennstoffzellen-Antrieb und mit künstlichen, wesentlich schadstoffärmeren Kraftstoffen auch Lösungen jenseits der vermeintlich alternativlosen Batterietechnologie gibt, wird in der heutigen Diskussion vom Tisch gewischt, als handle es sich um ein plumpes Ablenkungsmanöver von der allein selig machenden E-Mobilität. Dabei funktionieren Brennstoffzelle und künstliche Kraftstoffe auch ohne gigantisches Stromnetz. Sie benötigen keine fragwürdige Höchstleistungsbatterie und erzielen dennoch eine größere Reichweite. Nicht zuletzt gehen sie weit schonender mit den Arbeitsplätzen um.

Deutschland ist mit enormer Willfährigkeit bereit, seine legitimen Interessen zurückzustellen, um sich im Gleichklang mit dem zu bewegen, was derzeit angesagt ist. Kein anderes Land der Welt stellt elementare Belange so bereitwillig zur Disposition. Mit dem VW-Chef hat das angepasste Deutschland nun eine prominente Stimme hinzubekommen.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de

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