Dialekt Mundart: Der Schwäbisch-Beweis

Von Jan Sellner 

Der Slogan des Landes Baden-Württemberg bezieht sich nicht nur auf schwäbisch. Im Süd-Westen werden viele verschiedene Mundarten gesprochen. Foto: dpa
Der Slogan des Landes Baden-Württemberg bezieht sich nicht nur auf schwäbisch. Im Süd-Westen werden viele verschiedene Mundarten gesprochen. Foto: dpa

Die Mundart-Wurzeln reichen tief. Jedoch gehen allmählich viele sprachliche Besonderheiten verloren.

Stuttgart - Stirbt das Schwäbische aus? Von Hermann Bausinger, dem großen Kulturwissenschaftler aus Tübingen, stammt der schlagende Beweis, dass dem nicht so ist. Nach einem Podiumsgespräch zum Thema Dialekt im Stuttgarter Alten Schloss im vergangenen Oktober trug er sich mit einer Zeichnung ins ­Gästebuch des Landesmuseums ein. Sie zeigt einen Elefanten. Ein Auge scheint zu zwinkern. Darunter stehen die Worte: „Elefant = schwäbisch Elefant. Das Schwäbische lebt also  . . .“

So erheiternd diese sprachwissenschaftliche Beweisführung ist, wird sie doch diejenigen nicht beruhigen, die um den Verlust des Dialekts fürchten. Hätte Bausinger statt eines Elefanten eine Kuh ins Gästebuch gemalt, sähe die Sache nämlich anders aus. Er ­hätte darunter schreiben müssen: „Kuh = schwäbisch Bless.“ Das Schwäbische lebt ­also?

Tatsächlich beklagen Freunde der Mundart, dass sich im Alltag immer weniger Lebenszeichen des Schwäbischen finden. Vor allem der Nachwuchs macht den Dialektsprechern Sorgen. Nach ihren Beobachtungen verweigern sich junge Schwaben zunehmend den charakteristischen Nasallauten und Verkleinerungssilben. Dazu kommt ein Unbehagen über die jugendlichen Ausdrucks- und Verhaltensweise insgesamt. Bezeichnend ist die Bruddelei eines Schwaben in der Männerdusche des Mineralbads Leuze – einem Hort des Schwäbischen. Angesichts des verschwenderischen Umgangs jugendlicher Schwimmbadbesucher mit dem kostbaren Duschwasser entfuhr ihm der Ausruf: „Dia schprenget von dr Dusche weg wie d’ Säu vom Trog!“

„Papa, kannst du bitte deutscher reden!“

In solchen Situationen begegnet man einem doppelten Nichtverstehen. Weder haben die jungen Springinsfelde die schwäbische Sparsamkeit verinnerlicht, noch vermögen sie dem schwäbischen Idiom selbst zu folgen. Diese Entwicklung ist nicht auf die Stadt beschränkt. Selbst auf dem Land scheint der Siegeszug des Hochdeutschen oder das, was man darunter versteht, nicht mehr aufzuhalten. Ein treuer Leser unserer Zeitung fasste diese Beobachtung jüngst in dem Satz ­zusammen: „Onsere Jonge verschtandet mi nemme!“

Das beruht auf Gegenseitigkeit. Verbürgt ist der Satz eines Viertklässlers, der seinen Schwäbisch sprechenden Vater mit den ­Worten ermahnte: „Papa, kannst du bitte deutscher reden!“

Man könnte sich damit trösten, dass es Gegenbeispiele gibt. Zu nennen wäre die ­Zuschrift einer Leserin aus Breitenstein, die von einem Mittagessen auf dem Lande berichtet. Eine Städterin bat die Kinder, darunter ein „Bauernbüble“, nach dem Essen sitzen zu bleiben, da es noch einen Nachtisch gebe, worauf besagtes „Bauernbüble“ sprach: „Mei Muader hot’s Nachttischle en dr Schlofstub!“ Die Annahme, hier reife ein hoffnungsvoller Dialektsprecher heran, erweist sich jedoch als voreilig. Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Das Ereignis datiert aus den sechziger Jahren. Jüngere Beispiele sind spärlich gesät. Sie werden – nebenbei gesagt – von unserer Zeitung gern entgegengenommen.

Nimmt man solche Einzelbeobachtungen zum Maßstab, scheinen sich die Befürchtungen von Mundartfreunden zu bestätigen. Der Dialektforscher Horst Haider Munske stellt nüchtern fest: „Der Spracherwerb der Kinder ist die Voraussetzung für das Weiterleben einer Sprache. Wenn dieser Weg abgebrochen wird, ist das Weiterleben einer Sprache in ernster Gefahr.“ Das heißt: Wissen die Kinder nicht mehr, was „Grombiera“, „Breschtling“ oder „Angersche“ sind, ist es mit diesen schwäbischen Begriffen über kurz oder lang geschehen – eher auf kurz, denn die Zahl der Dialektsprecher, die diese Worte noch aktiv verwenden, nimmt kontinuierlich ab.

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