Guido Klamt in seinem Reihenmittelhaus in Gehenbühl – seit 30 Jahren hält er die Fahne der ÖDP hoch. Foto: factum/Granville

Guido Klamt ist der Landesvorsitzende der nahezu vergessenen Ökologisch-Demokratischen Partei. Der Bosch-Betriebsrat kämpft trotzdem für den konservativer Gegenpol zu den Grünen – aus Überzeugung.

Gerlingen - Eigentlich könnte er ein entspanntes Leben führen. Der 47-jährige Guido Klamt hat jahrelang bei Bosch auf der Schillerhöhe an der Batterie für Elektroautos geforscht, jetzt ist er freigestellter Betriebsrat. Die Kinder sind 11 und 17 Jahre alt, das kleine Reihenmittelhaus mit kleinem Garten im verschlafenen Gerlinger Stadtteil Gehenbühl verströmt eine behagliche Gemütlichkeit.

Doch der Chemotechniker stürzt sich regelmäßig an Wochenenden und auch abends in Parteiarbeit. Landesvorstandssitzung hier, Bundeshauptausschuss da, Planung der Kommunalwahl dort. Denn Klamt ist der Landesvorsitzende der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), ist seit 30 Jahren politisch aktiv und hatte schon so gut wie jedes Parteiamt inne.

Konservative Alternative zu den Grünen

Moment mal: ÖDP, ist das nicht die konservative Variante der Grünen? Mit dieser Frage wird Guido Klamt konfrontiert, seit er vor 30 Jahren in die Partei eingetreten ist. Gegründet wurde sie 1982 von keinem Geringeren als Herbert Gruhl, dem konservativen Urvater der Umweltbewegung, dessen Buch „Ein Planet wird geplündert“ wegweisend war. Die Partei entstand in Abgrenzung zum Linkskurs der frühen Grünen. Die Hochphase der ÖDP war in den 90er-Jahren, als alle Welt über Umweltschutz, Müllvermeidung und Klimawandel sprach. In Bayern und Baden-Württemberg war sie e auf dem Weg zum Machtfaktor – so zog man 1994 in die Regionalversammlung und den Stuttgarter Gemeinderat sowie den Rems-Murr-Kreistag ein. Bei Landtagswahlen erreichte man bis zu drei Prozent.

Doch diese goldenen Zeiten sind längst vorbei, die Wahlergebnisse pendeln sich bei 0,7 Prozent ein. Nur die vorübergehende Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde bescherte der Partei einen Sitz im Europarlament– und eine erfolgreiche Volksabstimmung zum Rauchverbot in Bayern brachte ihr kurz Aufmerksamkeit. Allerdings kaum nennenswert Wählerstimmen.

Mühsamer Kampf ohne öffentliche Aufmerksamkeit

Sonst tut man der Partei und Guido Klamt nicht unrecht wenn man konstatiert, dass sie eher unter dem Radar der Öffentlichkeit. Warum also tut sich der freundliche 47-Jährige mit dem Oberlippen- und Ziegenbart das an? Auf Marktplätze stehen und Blumenwiesen-Samen verteilen, programmatische Arbeit leisten, für 0,7 Prozent? Um dann zu sehen, wie eine rechtspopulistische Partei wie die AfD aus dem Stand zweistellige Ergebnisse erzielt? „Ja, das ärgert schon“, räumt er ein.

Vielleicht kann man sein Engagement besser verstehen, wer einen Blick auf seine Biografie wirft. Beständigkeit, Engagement und ein wissenschaftlich bedingtes Interesse an Umweltthemen, das sind feste Konstanten in seinem Leben. Die Mutter ist in Chile geboren und lebt inzwischen auch wieder dort, der Vater war Postbeamter. Aufgewachsen ist Klamt in Fellbach und hat dort auch Abitur gemacht.

Das Studium der Lebensmittelchemie hat er abgebrochen, stattdessen eine Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten bei der Stuttgarter Firma Flad absolviert. „Mir liegt das Praktische eher“, sagt er. Er ging zum Technologiekonzern Bosch – daher die Nähe zu Gerlingen. Dass das Unternehmen aus Entwicklung der Elektrobatterie für Autos ausgestiegen ist, bedauert er – schließlich war das sein Steckenpferd. Schließlich zog er deswegen 2001 nach Gerlingen, in dem Reihenhäuschen wohnen zwei Kinder und seine Frau, eine Brasilianerin.

Konservatives Familienbild wird vorgelegt

Das sie sich um Haushalt und Kinder kümmert, passt zum wertkonservativen Familienbild der ÖDP, das auch Klamt proklamiert. „Wir wollen niemandem etwas vorschreiben – aber die linke Vorstellung, dass staatliche Betreuung besser ist, teilen wir nicht“, sagt Klamt. Seine Partei schlägt eine Art Erziehungsgehalt vor, das jede Familie bekommen soll.

Das ist dann auch der Hauptunterschied zu den Grünen, die Gesellschaftspolitik. Diese Differenz gab es schon in den 80er Jahren in der Abtreibungsfrage. Daher finden die beiden Umweltparteien auch nicht zueinander, trotz einigen Kooperationen auf kommunaler Ebene.

„Ich tue das aus Leidenschaft“, sagt Klamt, „und weil ich mich mit den Zielen meiner Partei voll identifizieren kann.“ Obwohl die Grünen in Baden-Württemberg sehr bürgerlich daher kommen – für Klamt sind sie keine Alternative: „Kretschman setzt auf Wachstum, wir nicht.“

Das Ziel: Mehr kommunale Mandate

So kandidiert er 2019 wieder für die Europawahl und für die Regionalversammlung. „Wir müssen unsere kommunale Basis wieder verbreitern“, sagt der umtriebige Gerlinger. Dann werde die ÖDP auch wieder wahrgenommen und könne zwei oder drei Prozent bei überregionalen Wahlen anstreben. Doch das ist ein weiter Weg, bei dem das Ziel in weiter Ferne ist. Das weiß auch Guido Klamt. Doch er will nicht aufgeben. Aktuell kämpft die Partei für Bürgerentscheide auf Kreisebene im Land.

Klamt strebt keine Mandate als Berufspolitiker an. Er hat ein anderes Ziel: „Ich will zu den Positionen stehen können, die meine Partei in der Öffentlichkeit vertritt.“ Das ist ihm wichtiger als Ruhm und Geld.

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