Das befallene Holz muss so schnell wie möglich aus dem Wald, sagt der Forstamtsleiter Martin Röhrs. Foto: Edgar Layher

Trockenheit und der Borkenkäfer machen dem heimischen Wald zu schaffen. Die Situation ist so schwierig wie selten zuvor, warnen Experten.

Rems-Murr-Kreis - Am Eschelberg bei Oberbrüden haben die Waldarbeiter ganze Arbeit geleistet. Links des Weges sind zahlreiche Baumstämme fein säuberlich aufgestapelt und mit roter Farbe markiert. Ein paar hundert Meter weiter liegt ein größerer Haufen jüngerer Fichten, deren Astwerk gar nicht entfernt wurde. Ein Stückchen weiter bietet sich ein ähnliches Bild.

Die Förster und ihre Mitarbeiter sind Getriebene eines höchst vermehrungsfreudigen Schädlings. Der Borkenkäfer hat sich in zahlreiche Bäume eingebohrt und dort seine Eier abgelegt. Das befallene Holz muss jetzt so schnell wie möglich aus dem Wald geschafft werden, bevor die nächste Generation ausfliegt und das Gleiche tut.

Die Situation ist heikel

Die Situation ist heikel. Der extrem trockene Sommer des vergangenen Jahres hat die Bäume geschwächt, allein 60 000 Exemplare mussten wegen Borkenkäferbefalls gefällt werden. Dank des milden Winters konnten die Schädlinge gut überleben, und auch in diesem Frühjahr findet der Käfer beste Bedingungen vor.

Nun drohe vor allem der Fichte ein flächendeckendes Sterben, sagt Martin Röhrs, der Borkenkäferbefall unterbreche den ohnehin zurzeit spärlichen Wassertransport, die Bäume trocknen aus und sterben ab. Röhrs hat schon einiges erlebt. Er ist seit 20 Jahren der Forstamtsleiter im Rems-Murr-Kreis: „Aber so schlimm wie jetzt ist es noch nie gewesen.“

Entscheidend für die weitere Entwicklung seien jetzt zwei Faktoren, sagt der Chef über den heimischen Staatsforst. Zum einen sollte es dringend ausgiebig regnen, zum anderen müssten die Förster das befallene Holz aufspüren und so schnell wie möglich aus dem Wald schaffen – möglichst bevor aus den Larven die nächste Käfergeneration geschlüpft ist. Denn diese wiederum vermehrt sich exponentiell. Selbst wenn man jetzt von nur 20 befallenen Bäumen ausgehe, könnten im Spätsommer bereits weitere 8000 betroffen sein.

Das Aufspüren und Aussortieren gleiche freilich einer Sisyphusarbeit, räumt Martin Röhrs ein. Oft seien kleinere Bäume, die ausgewurzelt in die Horizontale gefallen sind, kaum zu erkennen, und vielfach präsentiere sich die Baumkrone noch saftig grün, während der Schädling weiter unten schon längst sein Unwesen treibe – zu sehen an kleinen Häufchen kaffebraunen Bohrmehls.

Auch die Buche ist möglicherweise betroffen

„Würde man die befallenen Bäume liegen lassen, wäre am Ende des Sommers der komplette Wald weg“, sagt Röhrs. Deshalb heißt es für die Förster in dieser Zeit: möglichst im Wochenrhytmus immer wieder das komplette Revier bis in die letzte Waldecke zu kontrollieren und neben Fichte, Weißtanne und Lärche auch die Buche im Auge zu haben, an der ebenfalls schon Trockenschäden zu beobachten seien. Ein klares Bild werde sich bei der Laubbaumart allerdings wohl erst nach dem Blattaustrieb im Mai zeigen.

Während Röhrs zuversichtlich ist, die Lage mit den erfahrenen Kräften in den 26 Revieren des Staatsforsts in den Griff zu bekommen, bereitet ihm der Privatwald große Sorge. Die 12 000 Hektar im Rems-Murr-Kreis seien auf rund 10 000 verschiedene Eigentümer verteilt. „Viele der Besitzer wohnen gar nicht mehr hier und können ihrer Aufgabe nicht nachkommen.“ Das Forstamt hat zahlreiche Anschreiben losgeschickt, würde den Job auch übernehmen, doch dazu müsste ein entsprechender Auftrag eingehen.

Doch nicht nur die Waldarbeiter könnten bei einer weiteren Ausbreitung des Schädlings personell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, das Gleiche gelte auch für die heimischen Sägewerke, sagt Röhrs. Sie hätten wegen des hohen Aufkommens an Sturm- und Schneebruchholz ohnehin schon viel zu tun. Nun kommt auch noch die neuerliche Resteverwertung hinzu. Das befallene Holz muss zu Hackschnitzeln verarbeitet werden. Denn die Chemiekeule, mit der man dem Käfer in früheren Zeiten zu Leibe gerückt ist, kommt längst nicht mehr infrage.

Die Förster hoffen auf einen „schlechten“ Sommer

Bleibt also die Hoffnung, dass man die Larven erwischt, bevor sie als Käfer in rauhen Mengen ausschwärmen – und auf durchwachsene Temperaturen mit viel Regen. Denn, so der Forstamtschef Röhrs: „Wenn der Sommer weiter so eskaliert, dann sieht es für den Wald düster aus.“

Der heimische Wald und die Schädlinge

Forst
35 000 Hektar oder mehr als 40 Prozent der Fläche im Rems-Murr-Kreis sind von Wald bedeckt. Der Staatswald bildet mit 45 Prozent den größten Anteil (Landesdurchschnitt: 24 Prozent). 21 Prozent des Waldes ist im Besitz der Kommunen, 34 Prozent der Flächen sind in Privatbesitz. 53 Prozent der Gesamtfläche besteht aus Nadelbäumen. 31 Prozent sind Fichten, es folgen die Weißtanne (9 Prozent) und die Waldkiefer (7 Prozent). 30 Prozent aller Laubbäume sind Rotbuchen, danach folgen mit deutlich geringerem Anteil die Eichen (7 Prozent) und die Eschen (3 Prozent).

Käfer
In Europa gibt es etwa 150, weltweit mehrere tausend Arten von Borkenkäfern. Zur Eiablage bohren die Käfer Gänge in die Rinde oder ins Holz. Die Larven ernähren sich von den saftführenden Schichten im Bastgewebe. Da dies die Lebensader des Baumes darstellt, führt der Befall meist zu dessen Absterben.

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