Vorschlag für Interimsbau für Oper und Ballett von Sophie Schmitt Foto: Schmitt/Universität Stuttgart

Neue Töne in der Debatte über die Sanierung des Opernhauses Stuttgart: Studenten der Universität Stuttgart entwickeln Konzepte für eine Interimsspielstätte in Nachbarschaft des Staatstheaters am Eckensee. Wir stellen die Ideen vor.

Stuttgart - 300 000 Besucher strömen jedes Jahr in das Opernhaus Stuttgart, und die Aufführungen von Oper und Ballett begeistern das ­Publikum ebenso wie die internationale Fach­kritik. Doch der Glanz trügt – seit fast zwei Jahrzehnten schon drängt das ­Staatstheater Stuttgart auf die Sanierung des Opern­hauses.

Längst überfällige Sanierung

Ob Bühnentechnik, Künstlerräume, ­Sanitärräume oder Gastronomie – seit langem ist hinter der Fassade des Littman-Baus nahezu nichts mehr, wie es sein sollte. „Das müssen wir dringend machen – daran besteht gar kein Zweifel“, sagt denn auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn ebenso überzeugt wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die Einigkeit der beiden Grünen-Spitzenpolitiker ist der Schlüssel zu einer Forcierung des Projektes – könnte man meinen.

Chance auf städtebauliche Neuordnung

Tatsächlich aber ist das Großprojekt noch lange nicht unter Dach und Fach. Schon gar nicht als jene städtebauliche Neuordnung des Staatstheater-Areals, die doch notwendig wäre, um einen zukunftssicheren Bühnenkomplex mit Besucherzentrum und weiteren Veranstaltungsräumen zu realisieren.

Schwer wie Blei legt sich seit einigen ­Monaten zudem die Diskussion um einen Ausweichstandort für Oper und Ballett über die Gesamt-Debatte. Drei Standorte sind aktuell in der engeren Wahl: das an den ­Rosensteinpark angrenzende ehemalige ­Paketpostamt, eine Fläche auf dem Daimler-Areal in Stuttgart-Bad Cannstatt zwischen Teststrecke und Mercedes-Niederlassung und die an das Opernhaus angrenzenden Schlossgarten-Flächen.

Reizwort Schlossgarten

Letztere, im ersten umfassenden Gutachten zur Opernhaussanierung von Kunkel Consulting ins Spiel gebracht, schien allein durch das Stuttgarter Reizwort Schlossgarten fast schon gänzlich vom Feld gefegt. Dies aber könnte sich jetzt ändern. Im vergangenen Sommersemester haben Master-Studierende am Institut für Baukonstruktion und Entwerfen der Universität Stuttgart Ideen entwickelt, wie sich eine Ausweichbühne mit Platz für 1200 Besucher realisieren ließe. Die Entscheidung der Studierenden war eindeutig: Sie beschäftigten sich durchweg mit einer Ausweichbühne in unmittelbarer ­Nähe des Opernhauses.

Für Peter Cheret, als Leiter des Instituts für Baukonstruktion und Entwerfen ebenso wie über sein in Stuttgart ­gemeinsam mit ­Jelena Bozic geführtes Büro gerade auch für die Lösung stadträumlicher Fragen bekannt, war das Hochschulinteresse an der Debatte um das Staatstheater-Areal „nur folgerichtig“. „Wir haben die gesamte Diskussion aufmerksam verfolgt“, sagt Peter Cheret.

Weiterentwicklung auch des Areals möglich

Warum aber die Konzentration auf die Flächen zwischen Opernhaus und Kunst­gebäude beziehungsweise zwischen Eckensee und Schillerstraße? „Weil dieser ­Standort richtig ist“, sagt Marc Remshardt, „er ist mit allen notwendigen funktionalen Bereichen des Staatstheaters verbunden.“ Remshardt, selbst Architekt, hat das Projekt gemeinsam mit Heiko Müller als Wissenschaftlicher Mitarbeiter betreut.

Der Institutsleiter Peter Cheret begründet die Entscheidung so: „Der Staatstheater-Komplex ist als öffentlicher wie als kultureller Ort in der Stadtmitte ungeheuer wichtig für Stuttgart.“ Entsprechend gehe es mit der geplanten Sanierung des Opernhauses und einer Neuordnung des Staatstheater-Areals etwa auch zur Konrad-Adenauer-Straße hin „immer auch um die Frage, ob und wie sich der Standort ­insgesamt – also auch das Areal um den Eckensee – weiter entwickeln lässt“.

Ausstellung in der Stadtmitte geplant

Reale Planungsgrundlagen

Noch einen Schritt weiter vor wagt sich Marc Remshardt: Eine gute Lösung der ­Aufgabe Interimsbau sorge nur einmal für Bedauern – dann nämlich, wenn die temporäre Spitzenkunstbühne wieder rück- und abgebaut würde. Eine Position, die eine ­Ausstellung der Vorschläge unterstreichen soll. Auch für diese kann es aus Sicht von Peter Cheret und Marc Remshardt nur eine Adresse geben: „einen hoch frequentierten Ort in der Stadtmitte“ (Remshardt).

Besteht aber nicht die Gefahr, mit dem Universitätsprojekt allzu hoch fliegenden Ideen-Skizzen zu begegnen? „Wir haben uns“, sagt Peter Cheret, „nach der Entscheidung für dieses Semestervorhaben sehr ­bewusst an die Staatstheater Stuttgart ­gewandt.“ Das Ziel: Die Studierenden sollten ihre Vorschläge auf Basis des bereits entwickelten Raumkonzeptes und aller vorhandenen Planungsgrundlagen formulieren. „Dieser sehr klare Realitätsbezug war uns wichtig“, sagt Peter Cheret.

Mit den Bäumen, nicht gegen sie

Acht zum Teil in Kleingruppen erarbeitete und am Ende benotete Vorschläge für einen temporären Bau entstanden. Vor allem zwei Vorschläge könnten die Diskussion über den richtigen Ausweichstandort für die von Jossi Wieler zu neuen internationalen Weihen geführte Oper Stuttgart und das von Reid Anderson gelenkte und mehr denn je weltweit gefeierte Stuttgarter Ballett wieder beflügeln.

Sophie Schmitt nimmt die an diesem ­Bereich des Schlossgartens vorhandenen Bäume als „Planungsparameter“ (Remshardt) und erreicht den eigentlichen und unumgänglichen Bühnenkubus (auf der Grünfläche zwischen Schauspielhaus und Hotel am Schlossgarten) in abgetreppter Annäherung. Kim Fohmann wiederum setzt die mögliche Ausweichbühne in unmittelbarer Achse zum Opernhauseingang auf die gegenüberliegende Grünfläche zwischen Eckensee und Stauffenbergstraße. Die Idee dahinter ist ein Hinweis auf weitere Denkräume: „Von Fohmanns Projekt aus hat man das Opernhaus selbst, aber auch die sich ­dahinter erhebenden Straßen- und Grünzüge im Blick“, sagt Marc Remshardt.

Staatstheater-Leitung „beeindruckt“

Und was hält man im Staatstheater selbst von den studentischen Konzeptionen? „Der Ernst und die Tiefe der Entwürfe haben uns positiv überrascht und beeindruckt“, sagt Marc-Oliver Hendriks. Der Geschäfts­führende Intendant des Staatstheaters Stuttgart betont aber auch: „Aktuell werden die durch den Stuttgarter Gemeinderat vergebenen Prüfaufträge der möglichen Standorte für ein Interim abgearbeitet.“ Entscheiden muss am Ende der Verwaltungsrat des weltweit größten Dreispartenhauses.

Die Ausgangslage

Geschichte Nach der Zerstörung des Hoftheaters am Schlossplatz durch einen Brand 1902 wurden die Königlichen Hoftheater 1909 bis 1912 von dem Münchner Architekten Max Littmann als Doppeltheater mit Opern- und Schauspielhaus neu erbaut.

Sanierung Verbunden mit einer städtebaulichen Neuordnung soll der Littmann-Bau umfassend saniert werden. Herzstück ist der Einbau einer Kreuzbühne. Aktuell werden vorliegende Planungen geprüft. Die Kosten werden auf bis zu 400 Millionen Euro beziffert.