In China eine Delikatesse: Schuppentiere Foto: AFP/Roslan Rahman

Während die Menschen das Coronavirus fürchten, könnte es für die akut bedrohten Schuppentiere die letzte Rettung sein. Hintergrund ist ein Beschluss der chinesischen Behörden.

Johannesburg - Des einen Leid, des anderen letzter Hoffnungsschimmer. Was Tausenden von Menschen zum Verhängnis zu werden droht, könnte eine der am akutesten bedrohten Tierarten dieser Welt vor dem Aussterben bewahren: Das archaisch anmutende Pangolin, das seiner einzigartigen Schuppen und seines zarten Fleisches wegen zu den am meisten geschmuggelten Spezies dieser Erde gehört.

Tierschützern zufolge sollen jährlich mehr als 2,5 Millionen Exemplare der Schuppentiere illegal gehandelt werden: Allein im vergangenen Jahr wurden 97 Tonnen der rund acht Zentimeter langen Schutzplättchen der Pangoline von Afrika in den Fernen Osten verfrachtet, vor allem nach China und Vietnam. Zu Puder zerrieben sollen die – wie menschliche Fingernägel – aus Keratin bestehenden Schuppen Wunder gegen Krebs und Asthma bewirken, heißt es im Reich der Mitte. Bei Frauen mit Säuglingen werde damit außerdem die Produktion von Muttermilch angeregt.

In China gilt das Fleisch der Tiere als Leckerbissen

Nachdem Forscher des Baylor Cottage of Medicine im US-Staat Texas nun allerdings in einem Schuppentier einen fast identischen Erreger wie das für die der­zeitige Coronaseuche verantwortlich gemachte Virus Sars-CoV-2 gefunden haben, könnten die Pangoline eine Überlebenschance bekommen: Chinesische Behörden haben bereits einen – allerdings bislang nur vorübergehend geltenden – Bann über den Verzehr von Wildfleisch verhängt. Wuhan, das Zentrum der Epidemie in der chinesischen Hubei-Provinz, gilt auch als Zentrum des Wildtierkonsums. Vieles deutet darauf hin, dass die ersten Chinesen auf dem Wuhaner Markt für Wildfleisch mit dem Coronavirus angesteckt wurden.

Das Fleisch der Pangoline gilt in China als Leckerbissen: Die vier asiatischen Unterarten der „Tannenzapfentiere“ befinden sich ganz oben auf der Roten Liste des Washingtoner Artenschutzabkommens. Chinesische Händler begaben sich deshalb auf Pangolin-Suche nach Afrika: Auch dort sind die bis zu 1,50 Meter großen Säugetiere inzwischen nirgendwo mehr sicher. Seit Anfang des Jahres stehen auch alle vier afrikanischen Unterarten auf der Roten Cites-Liste. Für ein Gramm der zerriebenen Schuppen sind chinesische Schmuggler bereit, bis zu vier US-Dollar zu zahlen: zu so einem Angebot vermag kaum ein afrikanischer Landbewohner Nein zu sagen.

Nicht mal ein übel riechendes Sekret kann die Schuppentiere vor dem Menschen retten

Die Schuppentiere sind phänomenal an ihre Umwelt angepasst. Sie ernähren sich vor allem mit Ameisen, wofür sie keine Zähne brauchen: Dafür pflegen sie kleine Steine zu essen, die die Insekten im Magen zerreiben. Pangoline verfügen über eine bis zu 40 Zentimeter lange Zunge, die mit klebrigem Speichel bedeckt ist: Nachdem sie die Ameisen- oder Termitenhügel mit ihren starken Krallen aufgerissen haben, schieben sie ihre dünne Zunge in die Insektenbahnen, an der ihre Opfer kleben bleiben.

Bei Gefahr rollen sich die Schuppentiere zusammen: Mit ihrem Kopf im Zentrum und dem breiten Schwanz als gepanzerte Umhüllung haben nicht einmal Raubtiere wie Löwen eine Chance. In Not geraten pflegen die Pangoline auch ein übel riechendes ­Sekret – wie Stinktiere – abzusondern: Doch nicht einmal das kann sie vor menschlichen Zugriffen retten.

Tierschützer hoffen, dass aus dem vorübergehenden Bann ein dauerhafter wird

Unklar ist bislang noch, ob die Pango­line die eigentlichen Wirte des Coronavirus Sars-CoV-2 sind oder ob sie nur als Überträger dienen. Chinesische Forscher gehen nach wie vor davon aus, dass die ­Erreger in Fledermäusen leben, von denen die Schuppentiere ihrerseits angesteckt werden. Das könne entweder bei der Fleischverarbeitung auf den Wildtiermärkten geschehen oder bereits, wenn lebende Schuppentiere mit den Insekten auch den verseuchten Kot von Fledermäusen aufnehmen. Tierschützer in Afrika hoffen nun, dass die chinesische Regierung den vorübergehenden Bann des Wildtierfleisches in einen dauerhaften verwandelt: die letzte Chance für eine archaische Tierart.

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