Zum 100. Geburtstag des Automobils 1986 vergibt Daimler einen spektakulären Auftrag: Pop-Art-Ikone Andy Warhol soll mit Mercdes-Modellen die Auto-Geschichte dokumentieren. Wie kam es dazu? Hans J. Baumgart lenkt damals als Leiter der Kunstsammlung Daimler das bis heute einzigartige Projekt.
Stuttgart - „Cars“ heißt eine große Themenschau zur Wirkungsgeschichte des Autos im Victoria & Albert Museum in London. „Cars“ heißt auch die weltweit bekannteste künstlerische Bildserie zum Thema Auto. Pop Art-Ikone Andy Warhol hat sie 1986 für Daimler geschaffen. Wie war das damals mit Warhol und den Mercedes-Modellen? Hans J. Baumgart, seinerzeit Leiter der Daimler-Kunstsammlung, gibt Antworten.
Herr Baumgart, wer „Cars“ hört, denkt doch fast automatisch an Andy Warhol . . .
. . . ja, diese Bilder mit Mercedes-Modellen von 1886 bis 1986 haben ein wunderbares Eigenleben entwickelt.
Wie kam es denn eigentlich zu diesem Projekt?
Anlass war die aus der Schleyerhalle in Stuttgart übertragene Fernsehshow „Die Zukunft hat Geburtstag – 100 Jahre Automobil“ am 29. Januar 1986.
Es hagelte Kritik.
Stimmt. Und am nächsten Morgen rief mich der Galerist Hans Mayer aus Düsseldorf an. Man müsse etwas machen, sagte er, um die Fernsehpleite vergessen zu lassen. Andy Warhol, mit dem er lange zusammenarbeitete, könne doch eine Bildserie zu den berühmtesten Autos der Welt machen. Ich fand die Idee toll – aber nur, wenn eine solche Serie komplett mit Mercedes-Modellen bestückt wäre.
Wie war die Reaktion?
Kurz und knapp: Das sei unmöglich. Andy Warhol würde das nie machen.
Wie haben Sie ihn überzeugt?
Es waren wohl schlicht die Autos. Den Zusammenhängen von Konstruktion und Form nachzuspüren. Und man darf nicht vergessen: In den USA war seinerzeit etwa der Mercedes SL der 1950er Jahre bereits eine Legende.
80 Bilder sollten entstehen – ein enormer Auftrag . . .
. . . der auf höchster Ebene entschieden werden musste. Andy Warhol hat erst einmal zwei Bilder gemacht – und diese habe ich bei uns im Haus vorgestellt.
Mit positivem Ergebnis.
Das hat mich sehr gefreut. Damals wurde das Daimler-Areal in Stuttgart-Möhringen gebaut und war als Sitz des weltweiten Vertriebs geplant. Hier einmal die Serie zeigen zu können, erschien mir ideal.
Andy Warhol ist 1987 gestorben, nur 35 der 80 geplanten Bilder wurden fertig. Warum enthält „Andy Warhol – Cars“ dennoch Modelle aus fast allen Jahrzehnten?
Ich wollte es für Warhol spannend machen. Und so habe ich 20 Modelle ausgesucht – nicht chronologisch, sondern querbeet. Acht Modelle hat er ausgewählt – tatsächlich vom Patentwagen bis hin zum Versuchswagen C 111 von 1970.
Haben ihn bestimmte Fahrzeuge besonders interessiert? Warhol hatte selbst ja nie einen Führerschein.
Das stimmt. Aber wie ich es erlebt habe, hatte das Auto für Andy Warhol etwas Magisches. Seine Lieblinge hat er nicht verraten, aber man spürt, wie tief er etwa in die Konstruktion der Mercedes-Rennwagen eintaucht.
Waren Sie bei Warhol in New York?
Ja, Ende 1986. Der ja recht scheue Warhol, umgeben von sehr agilen Leuten in der Factory, das war ein großartiges Erlebnis.
Nach Warhols Tod beanspruchten viele, die „letzten Bilder“ zeigen zu können. Um „Cars“ blieb es still. Warum?
Wir haben bewusst den Deckel draufgehalten. Wir hatten diese 35 tollen Bilder und zwölf großartigen Zeichnungen. Das jetzt laut hinauszuposaunen, wäre dem Projekt nicht angemessen gewesen.
Und dann kam im Januar 1988 die Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen.
Götz Adriani als Leiter der Kunsthalle und dem mit Warhols Werk eng vertrauten Werner Spies hatte ich die Serie gezeigt – und sie waren begeistert. Und mit der Schau in Tübingen und im Anschluss im Guggenheim-Museum in New York beginnt die „Cars“-Geschichte – bis heute mit weltweiten Präsentationen.
Das Auto ist zum Diskussionsgegenstand geworden. Ist alle Magie weg?
Natürlich erleben wir einen enormen Umbruch. Aber gerade mit der Offensive neuer Antriebsarten verbinden sich tolle neue Gestaltideen. Ich glaube, das Auto wird so immer auch Sehnsüchte wecken. vn
Hans J. Baumgart begründete und lenkte die Daimler-Kunstsammlung von 1977 bis 2000.