Automobile Zukunft 1953: „Firebird“ von GM Foto: © General Motors Company, LLC

Kein anderer Gegenstand hat die Welt so verändert wie das Auto – behauptet die von Bosch geförderte Schau „Cars“ in London. Ein schöner Anlass, den Höhenflügen und Abstürzen in Sachen Auto nachzuspüren.

Stuttgart - Das Automobil ist ein eigenwilliges Ding. Zeitgenossen von Bertha Benz’ tollkühner Fahrtim dreirädrigen Patentwagen von Carl Benz 1888 von Mannheim nach Pforzheim bemängelten den „ungeheuren Lärm und Gestank“ der ersten motorisierten Gefährte.

 

1909 wird vor „Luftverpestung“ gewarnt

Und nicht erst 133 Jahre nach dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 steht das Auto für viele Menschen ganz vorne auf der Bühne der Krankmacher. 1909 feierte Filippo Tommaso Marinetti in seinem „Manifest des Futurismus“ zwar einen „Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . . . Ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake“. Doch im selben Jahr schon notiert ein nicht identifizierbarer „Rechtsfreund“: „Vier Arten von Versündigungen am Volkswohl und Volksrecht macht sich der heutige Automobilismus schuldig: 1. Der Nahrungsmittelvergiftung durch Luftverpestung. 2. Gewohnheitsmässiger frivoler Gefährdungen des Lebens und der Gesundheit Unbeteiligter. 3. Der Naturgenussverkümmerung. 4. Der Sittenverwilderung des Volkes.“

Autobau spielt auf der Klaviatur der Sehnsuchtsproduktion

Und doch ist unser Leben untrennbar mit dem Auto verbunden, greift die Formgebung von Autos weit aus auf der Klaviatur der Sehnsuchtsproduktion und tief ein in den Alltag, befeuert manch aktueller Abgesang auf das Auto zugleich die Sorge, mit dem Industriemotor Auto könne das uns bekannte Leben tatsächlich verschwinden.

Geschwindigkeit als Sehnsucht

„Cars: Accelerating the Modern World“ heißt denn auch eine Ausstellung, die jetzt im Victoria and Albert Museum in London zu sehen ist – „Wie Autos die moderne Welt beschleunigt haben“. Geschwindigkeit als Sehnsucht, als Waffe, als Rausch, dem man sinnhaft nur mit der im Pick-up Gestalt gewordenen Entschleunigung entfliehen kann.

Das Auto – ein einfaches, schwieriges Ding

Die Schau versteht sich als Rückblick. Der Moment scheint günstig, die Autoindustrie zeigt sich erschöpft von der Dauerschleife, immer neues Verlangen nach einem im Grunde banalen Prinzip zu schaffen: Bodengruppe, vier Räder, Motor und Antriebsstrang – und darüber ein selten überraschendes Gehäuse.

Musste man also wirklich enttäuscht sein, dass untenrum in den Plattformstrategie-Weltmeistern von Volkswagen nahezu alles gleich ist? Sowie fein ersonnene und global befolgte Absprachen dazu führten, dass auch alle sonstigen nennenswerten Hersteller auf weitgehend vergleichbare Unterkleider setzten? Keineswegs – lässt sich doch obenrum alles so „individuell“ einstellen, wie wir schon immer sein wollten.

Was interessieren Absprachen über alle relevanten Teile eines Fahrzeugs, wenn doch Farbe und Form von Scheinwerfern und Rückleuchten Identitäten schaffen. Das Ausleuchten ist Nebenjob, was zählt, ist die Figur, die ich mit dem Leuchten abgebe.

Der Rückblick soll auch Hoffnung machen

Die Schau in London versteht sich offiziell als Retrospektive. Oder markiert „Cars: Accelerating the Modern World“ weit eher einen neuen Antritt, einen Aufbruch in die Alltäglichkeit jener fliegenden, tauchenden und sich in Bewegung unterschiedlicher Nutzungen anpassenden Gefährte, die wir längst nurmehr als Kronzeugen einer Science-Fiction-Industrie verstehen?

„Wir wollen“, sagt Brendan Cormier, der das Projekt wesentlich mit erarbeitet hat, „das Auto weniger feiern, als einen kritischen Blick auf seine Geschichte werfen, um es als das wichtigste Designobjekt des 20. Jahrhunderts zu verstehen.“ Cormier will die „Wirkung“ des Autos als Designobjekt in den Blick rücken.

Auto als Spiegel der Moderne

Tatsächlich geht es zunächst mal um Marksteine der Industriegeschichte: die Erfindung des Automobils an sich. Der Schritt, Arbeitsteilung in industrielle Fertigung zu übertragen, um mit dem erstmals am Fließband produzierten Model T von Ford ein Land durchaus buchstäblich mobil zu machen. Und um diese schon Mitte der 1920er Jahre greifbar werdende Erkenntnis: dass ein Auto sich nicht nur vielfach als Spiegel einer behaupteten Moderne aufladen lässt, sondern umgekehrt auch von dieser Moderne aufgeladen werden muss, um begehrenswert, sprich verkäuflich zu bleiben.

Werbung mit Bauhaus als Kulisse

In Deutschland ist es das Neue Bauen mit dem Höhepunkt der Mustersiedlung auf dem Stuttgarter Weißenhof-Areal 1927, das die Ideen der Autoindustrie beflügelt. Mercedes lässt seine Prunkstücke vor dem Weißenhof-Glanzstück von Le Corbusier fotografieren – und markiert gleich noch eine neue Zielgruppe: die junge, selbstbewusste Frau.

Umwelt ist gestaltet nach den Bedürfnissen der Autofahrer

Hersteller wie Kunden sind konsequent: Sie verschmelzen das Auto mit der (gebauten) Umwelt – bis zu jenem Punkt, an dem sich das Auto seine eigene Welt geschaffen hat. Der Verkehrspsychologe Hardy Holte attestiert dem Auto, es sei eine dermaßen erfolgreiche Erfindung, „dass unsere Umwelt nicht mehr nach dem Bedarf des Menschen gestaltet ist, sondern nach dem Bedarf des Menschen im Automobil“.

Keineswegs werden ja in den 1950er Jahren nur Städte autogerecht neu durchplant. Gerade auch jene Landschaft, die es mit dem Auto erst zu erfahren gilt, wird zur Bühne für den Auftritt auf vier Rädern. Und sie erwacht, wie jüngste Projekte von Alpen- und Talquerungen zeigen, nur höchst ungern aus der Annahme, Verkehrslandschaft habe etwas mit Höhen und Tiefen, Wäldern und Wiesen zu tun. „In dem, wofür es steht, ist das Auto unglaublich politisch“, sagt „Cars“-Macher Brendan Cormier denn auch.

Was die Eisberge schmelzen lässt

Da passt es, dass die Schau in London die aktuelle Klimadebatte gar nicht aufgreifen muss, um auf den Punkt zu kommen. Diesen liefert der Erdölkonzern Esso mit einer Werbung von 1962. „Jeden Tag erzeugen wir genug Energie, um sieben Millionen Tonnen Eisberg zu schmelzen.“

Gefördert von Bosch

Und doch gehört zu „Cars“, dieser durch den Technologiekonzern Bosch unterstützten Ausstellung (in der Andy Warhols „Cars“-Zyklus für Daimler von 1986 nicht gezeigt wird, aber im Grunde doch präsent ist) auch der Ausblick. Das Flugtaxi steht bereit, ein Projekt, das noch einmal alle Versprechungen summiert: Geschwindigkeit, Freiheit, ungebremster Fortschritt.

Das Flugtaxi aber dürfte kaum abheben. Audi etwa hat die Forschung an der abhebenden Zukunft jüngst eingestellt. „Die Welten Kommunikation und Mobilität müssen verschmelzen. Nur so wird das Auto wieder sozial und relevant“, sagt der Autoexperte Stefan Bratzel.

Gesucht werden: neue Sehnsüchte

Sprich: Neue Sehnsüchte braucht das Autoland. Umso mehr, als deren Haltbarkeit beschränkt ist, wie nicht nur die jüngere Logik zeigt: Da wird aus dem Kombi der Van, aus dem Van aber gibt es keinen Weg zurück, ist doch der Kombi ein „Sportscar“ geworden. Was nun? Die Idee der Freiheit verwandelt sich in die Gleichsetzung von Nebenwegen und Hauptwegen. Mit dem Sport Utility Vehicle (SUV) wird ein Typ erfunden, der es mit Stock und Stein ebenso aufnimmt wie mit den unterstellten Schrecken der Großstadt.

Wir tauchen fahrend ab

Doch auch die SUV-Träume und die SUV-Wut, die nicht nur angesichts des alle Fahrzeugklassen ereilenden Hochsitz-Wunsches absurd wirkt, werden Geschichte werden. Wir sollen fahrend abtauchen, in eine multimediale innere Emigration. Jetzt schon machen uns Riesenbildschirme klar, dass ein Auto keine Fahrer mehr braucht, sondern User, Nutzer. Jede Wette, dass die an den Wochenenden überholt geglaubten Regeln dann wieder eingehalten werden: Der eigene Youngtimer muss glänzen, bevor er als Identitätsausweis auf die Straße darf.