Busfahrer sprechen immer wieder von schlechten Arbeitsbedingungen. Strengere Sozialstandards könnten helfen. Foto: Malte Klein

Die Arbeitsbedingungen für die Busfahrer sind mitunter schlecht. Unter anderem deshalb könnten streikbedingt schon bald Fahrten auf den Fildern ausfallen. Anderswo ist die Situation aber besser: Ein Blick über den Tellerrand.

Filder - Der Beruf des Busfahrers ist derzeit zumindest in der Region Stuttgart für viele Menschen nicht attraktiv. Das haben Angestellte der Bahntochter Friedrich-Müller-Omnibus (FMO) und eines Subunternehmens neulich unserer Zeitung berichtet. Die Männer, die anonym bleiben wollen, fahren auf den Linien 826 (Tübingen-Leinfelden) und 828 (Tübingen-Flughafen Stuttgart). Sie sprechen von langen Schichten bis zu 14 Stunden, Konzentrationsproblemen gegen Ende der Schicht und Freizeit im kalten Bus. FMO betreibt übrigens auch die Linien in Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt.

Diese Probleme gab es früher ebenso im Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) – bis dieser strengere Sozialstandards einführte. „Wir haben Lehrgeld gezahlt“, sagt Michael Winnes, der VRN-Justitiar und Geschäftsbereichsleiter Vergabe und Finanzierung. Das Gebiet dieses Verbunds erstreckt sich über Teile von Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. „Wir haben seit 2005 Busverkehrsleitungen bei uns im Gebiet ausgeschrieben. Darum haben wir im Vergleich zu anderen Verkehrsverbünden einen Vorsprung von 15 Jahren“, sagt Winnes.

Anfangs fielen erst einmal 1000 Fahrten aus

Bevor im VRN Buslinien ausgeschrieben wurden, fuhren dort Bundes- oder Landesunternehmen, wie der Bahnbus mit hohen tariflichen Standards. Nachdem der VRN Strecken vergeben hatte, änderte sich die Busunternehmerbranche. „Unternehmen wie die Deutsche Bahn haben ausgegründet, und so entstand die DB Regiobus Mitte“, berichtet Winnes. Ähnliches ist auch im Gebiet des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) mit FMO als Tochter der Regiobus Stuttgart geschehen.

Winnes erzählt von seinen Erfahrungen in Rheinland-Pfalz: Nachdem die Bahntochter gewonnen hatte, fielen 1000 Fahrten aus. „Die Arbeitsbedingungen waren dort wesentlich schlechter als beim früheren Linienbetreiber Bahnbus“, sagt Winnes. Ein anderes Busunternehmen im VRN-Gebiet musste sogar Insolvenz anmelden. „Sie haben nicht genügend Fahrer gefunden, weil der Arbeitsmarkt leer gefegt war“, sagt Winnes. Die Busunternehmen konkurrierten mit Speditionen um die Fahrer – und die zahlten besser.

Der VRN hat vor drei Jahren nachgesteuert: „Es darf nie einen Wettbewerb auf Kosten der Fahrer geben“, sagt Winnes. Darum hat der Verbund strengere Sozialstandards festgelegt. „Es darf während eines Dienstes maximal 60 Minuten unbezahlte Pausenzeit geben.“ Außerdem ist nur eine Dienstteilung erlaubt. Dazwischen müsse es eine Pause von mindestens zwei Stunden geben. „Die muss am Wohnort oder am Betriebsstandort des Unternehmens sein.“ Dieses muss den Fahrern eine Küche und Ruheräume zur Verfügung stellen.

In Baden-Württemberg fehlen 800 Busfahrer

Winnes erzählt, wie es vorher war: „Die Fahrer hatten manchmal Pause im Wald oder an einem Baumarkt, wo sie in der Zeit nichts anfangen können. Die Unternehmen haben so getan, als sei das Freizeit. Das ist aber zynisch“, sagt Winnes und zieht Bilanz: „Mit den Sozialstandards sind nicht alle Probleme gelöst. Der Fahrermarkt ist weiterhin sehr angespannt.“

Zurück auf die Filder: Arbeitsbedingungen wie die beschriebenen führen vermutlich auch dazu, dass in Baden-Württemberg 800 Busfahrer fehlen. Und sie dürften einen großen Anteil daran haben, dass sich bei einer Urabstimmung im privaten Omnibusgewerbe 95,6 Prozent für einen Arbeitskampf ausgesprochen haben. Sollte bis Donnerstag kein tragfähiges Angebot vorliegen, könnten die Busse auf den Fildern ohne Vorwarnung für mehrere Tage stillstehen.

In den Ausschreibungen der Landkreise im VVS steht übrigens nicht viel zu Sozialstandards. Darin heißt es, dass beauftragte Busfirmen verpflichtet sind, dem öffentlichen Auftraggeber nachzuweisen, dass sie das Landestariftreue- und Mindestlohngesetz einhalten und dies während der Vertragslaufzeit alle zwei Jahre und nach Vertragsende nachweisen.

Ziel ist mehr Wettbewerb

Der Pressesprecher des Landratsamts Böblingen, Benjamin Lutsch, geht auf die Situation im Kreis ein: „Primär sind die Busunternehmen für die Arbeitsbedingungen, Schichtpläne und Entlohnung ihrer Beschäftigten sowie die betriebliche Kalkulation über die gesamte Vertragslaufzeit verantwortlich.“

Allerdings lege der Kreis die Linienbündel genauso fest wie Sozial-, Umwelt- und Qualitätsstandards. „Natürlich ist dem Kreis Böblingen als Aufgabenträger sehr daran gelegen, dass gewisse soziale Standards für die Busfahrer eingehalten werden“, sagt er. Er sagt aber auch, dass die EU einen internationalen Bieterwettbewerb und eigenwirtschaftliche Verkehre will. Denn dadurch würden Steuergelder gespart.

Yvonne Hüneburg, die stellvertretende Geschäftsführerin des Verbands Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO), kritisiert, dass die Landratsämter bei der Linienvergabe nur aufs Geld schauen. „Das ist eine reine Preisvergabe. Ob es Betriebshöfe mit Sozialräumen oder nur eine Schotterfläche für die Busse gibt, ist niemandem wichtig.“ Das bestätigt Lutsch: „Beim offenen Verfahren gibt es in der Zuschlagserteilung keinen Ermessensspielraum. Es zählt der Preis.“ So würden die meisten Linien vergeben.

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