Busfahrer des Unternehmens FMO sprechen hinter vorgehaltener Hand von Schichten bis zu dreizehn Stunden. Foto: Malte Klein

Busfahrer tragen die Verantwortung für ihre Fahrgäste, doch wegen Marathonschichten wissen sie teils nicht mehr, ob die Ampel gelb oder rot zeigt. Persönliche Einblicke in einen Job, den immer weniger machen wollen.

Filder/Schönbuch - Der Linienbus fährt langsam um den Löwenkreisel in Steinenbronn. Dann beschleunigt der Fahrer noch einmal und hält Sekunden später an der Haltestelle Kirche. Ein paar Fahrgäste verlassen den Bus, andere reisen weiter.

Der Mann am Steuer fährt für ein Subunternehmen im Auftrag der Bahntochter Friedrich-Müller-Omnibus (FMO) und ist nicht zufrieden. Das sind auch viele andere nicht, die 5,8 Prozent mehr Lohn haben wollen und am Mittwoch und Freitag gestreikt haben, um Druck auf den Arbeitgeber aufzubauen. Um den Fahrer zu schützen, sollen sein Name und sein Arbeitgeber nicht genannt werden. Das gleiche gilt für die anderen Fahrer, die in diesem Artikel vorkommen. „Wir haben oft geteilte Schichten. Wir arbeiten morgens, haben ein paar Stunden frei und fahren dann wieder Bus.“ So dauert die Schicht zwischen zehn und 14 Stunden. „Gerade wenn die Schicht so lange dauert, bin ich danach richtig kaputt“, erzählt er.

Das Problem: Von Pausen während der Schichten bekomme er nur zehn Minuten gezahlt. „Wenn ich meinetwegen 15 oder 20 Minuten Verspätung habe, geht die Zeit von meiner Pause ab.“ Das führe dazu, dass Fahrer Touren abbrechen würden und dann eben an den nächsten Haltestellen kein Bus kommt.

Auch wenn seine Arbeitsbedingungen mau seien, gehe es immer noch schlimmer. „Die bei FMO arbeiten, sind noch schlechter dran. Ihre Schichten dauern noch länger als unsere.“ Außerdem seien die Fahrgäste unzufrieden. Das bekomme er immer wieder zu hören. „Sehr viele Fahrer sprechen kein Deutsch und kennen die Tarife nicht.“ Sie verkauften ein VVS-Ticket bis ins Naldo-Gebiet Tübingen. Wie lange er so arbeiten möchte, weiß er nicht. „Wenn es nicht besser wird, bin ich weg.“ Mit diesen Gedanken ist er nicht allein.

Der Job sei alles andere als entspannt

An diesem Montag treffen sich Vertreter von der Gewerkschaft Verdi und vom Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO) zu Tarifverhandlungen. Doch es gehe dabei nur ums Geld und nicht um die Zeiten.

Als an einem anderen Tag ein Bus am Hauptbahnhof Tübingen endet und die Fahrgäste zu den Zügen geeilt sind, spricht der Fahrer über seinen Beruf. Manche Leute würden sagen, dass der Job als Busfahrer entspannt sei, weil er ja den ganzen Tag sitze. „Das ist aber stressig. Wir sollen überall pünktlich sein, müssen uns auf den Verkehr konzentrieren und an Haltestellen noch Tickets verkaufen.“ Ihn wundert nicht, dass immer weniger Leute Lust auf den Beruf haben. In Baden-Württemberg fehlen rund 800 Busfahrer. „Weil Fahrer so schwer zu finden sind, werden über Nacht Leute aus Griechenland und Bulgarien geholt, die dann am nächsten Tag hier fahren sollen“, sagt der Fahrer. Doch sie würden die Strecken nicht kennen und kaum Deutsch reden. „Das geht nicht.“ Die Fahrer würden dann selbst ihre Konsequenzen ziehen: „Wenn 20 Fahrer aus Griechenland oder Bulgarien kommen, sieht man von denen nach kurzer Zeit niemanden mehr.“

Dann bleibt ihnen keine Freizeit

Auch an der Station Flughafen Stuttgart spricht ein Fahrer Tacheles. „An dem Streik beteiligen sich 90 Prozent der Fahrer von FMO.“ Allerdings gehe es ihnen nicht nur um 5,8 Prozent mehr Lohn. „Das Problem sind die Arbeitszeiten“, sagt er und rechnet vor: Seine Schicht dauere zwölf oder dreizehn Stunden. Dazu komme noch die Sichtkontrolle des Busses vor der Abfahrt sowie die Wege zwischen daheim und der Arbeit. „Wenn ich acht Stunden pro Nacht schlafen soll, um am nächsten Tag fit zu sein, bleibt mir keine Freizeit.“ Bezahlt würden nur die Fahrzeiten. Doch auch wenn er lange Pausen hat, schlauche die ausgedehnte Arbeitszeit. „Wenn ich in der 13. Stunde an der Ampel stehe, weiß ich manchmal nicht, ob die Ampel gelb oder rot zeigt.“ Manchmal sei der Bus hinter ihm total voll, und er habe die Verantwortung. Und dann gebe es noch die ohnehin schwierigen Strecken mit den Serpentinen im Siebenmühlental. „Wenn Sie da mit dem Bus einem Kollegen begegnen, der in der 13. Schichtstunde ist, wird es ganz schwierig. Stellen Sie sich vor, Sie fahren acht oder neun Stunden am Tag Auto und müssen dann noch ein paar Stunden am Steuer sitzen bleiben“, sagt der Fahrer und schiebt hinterher: „Wir leben praktisch im Bus.“ Auch die Pausen seien unbequem: Im Sommer sei es zu heiß und im Winter zu kalt, weil die Heizung und die Klimaanlage nur bei eingeschaltetem Motor funktionierten und sich dann die Anwohner beschwerten. Aus seiner Sicht gibt es zwei Probleme: „Der WBO-Tarifvertrag ist zu hart. Alle Unternehmen müssen Busse und Diesel kaufen. Sparen können sie nur bei den Fahrern.“ Der Druck komme nicht von den Unternehmen, sondern werde von den EU-weit ausschreibenden Behörden nach unten weitergeben.

Von der für FMO zuständigen Pressestelle der Deutschen Bahn hat es bis Redaktionsschluss keine Antwort gegeben.

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