VfB-Mittelfeldspieler Ibrahima Traoré liegt während des Rückspiels gegen Botev Plovdiv am Boden – bis zu diesem Sonntag müssen er und seine Kollegen wieder aufstehen. Hier noch ... Foto: Pressefoto Baumann

Die Hiobsbotschaft von Georg Niedermeiers Verletzung passt ins Bild, das der VfB kurz vor dem Bundesligastart beim FSV Mainz 05 abgibt. Es liegt einiges im Argen. Nicht nur spielerisch.

Stuttgart - Die gute Nachricht: Vor dem Bundesligastart beim FSV Mainz 05 an diesem Sonntag (15.30 Uhr/Sky) ist der VfB Stuttgart noch in allen Wettbewerben vertreten. Die schlechte: In den drei bisherigen Pflichtspielen blieben die Stuttgarter zwar ungeschlagen, hatten dabei aber mehr als nur ein Quäntchen Glück. Auf Trainer Bruno Labbadia und sein Team wartet noch eine Menge Arbeit. Der VfB im Saisoncheck:

Die aktuelle Form

Die VfB-Profis gaben ein Bild des Jammers ab. Mit gesenkten Köpfen schlichen sie am Donnerstagabend aus der Großaspacher Comtech-Arena. Man hätte meinen können, sie hätten gerade die Europa-League-Qualifikation verpasst. Dabei hatte das dürftige 0:0 gegen den bulgarischen Club Botev Plovdiv gerade so gereicht für das Erreichen der Play-offs. Doch alle wussten: Das war nichts. Wie im Hinspiel in Burgas (1:1) und im Pokal beim Fünftligisten Dynamo Berlin (2:0) war die Mängelliste lang. Das Zweikampfverhalten miserabel, dazu Defizite im Spielaufbau, in der Organisation, im Erarbeiten und im Verhindern von Chancen. „Wir müssen nichts schönreden“, sprach Bruno Labbadia dann auch Klartext, erklärte, dass er von der ersten Halbzeit „richtig genervt“ war, „die haben wir total verschlafen“. Die Frage, wie ein Team im ersten Heimspiel der Saison, in einem ausverkauften Stadion mit bester Stimmung, eine Halbzeit verschlafen kann, blieb unbeantwortet. Klar ist: In allen Mannschaftsteilen gibt es noch Nachholbedarf.

Drei der wenigen, die sich zuletzt in einer guten Form präsentierten, waren die Innenverteidiger Georg Niedermeier und Serdar Tasci sowie Torjäger Vedad Ibisevic. Und hier gehen die Probleme weiter. Niedermeier hat sich am Donnerstag einen Innenbandriss im linken Knie zugezogen und fällt sechs Wochen aus. „Das ist unheimlich bitter“, sagte Labbadia. Es könnte noch bitterer werden: Auch Kapitän Tasci ist angeschlagen. Er leidet seit Donnerstagabend wieder an Achillessehnenbeschwerden. Ob er gegen Mainz spielen kann, ist offen. Und Stürmer Vedad Ibisevic, der alle drei Tore in den bisherigen Spielen erzielt hat, plagt sich mit einer Knöchelblessur herum. Es gebe „keine Garantie“, dass er am Sonntag spielen kann, erklärte der Trainer.

Die Fitness

Bruno Labbadia wirkte überrascht. „Ich hätte gedacht, dass wir schon frischer sind“, sagte er in Großaspach. Dass die Mannschaft im Hinspiel gegen Plovdiv, nur vier Tage nach dem Ende des Trainingslagers, über müde Beine geklagt hatte, war nicht verwunderlich. „Das wird von Spiel zu Spiel besser“, sagte Tasci damals. Aber auch in den folgenden Partien wirkten viele Spieler träge. Wann die Spritzigkeit zurückkehrt, ist offen. Auch hinter den Ausdauerwerten steht ein Fragezeichen. In der vergangenen Saison hatten die VfB-Profis gerade gegen Ende der Partien oft keine Durchschlagskraft mehr. Allein in der Rückrunde büßten sie in den letzten 15 Minuten aller Spiele neun Punkte und einen sicheren Europa-League-Platz ein. Mit 16:37 Toren in der zweiten Halbzeit wies der VfB die schlechteste Bilanz aller Clubs auf. Als einzige Mannschaft erzielte er keinen Treffer in den letzten fünf Minuten. Auch die zwei Tore in der letzten Viertelstunde waren ein Minusrekord.

Der neue Kader

Auf dem Papier ist der VfB in der Saison 2013/14 so gut aufgestellt wie lange nicht mehr. „Das ist ein Kader, wie man ihn braucht“, sagte Labbadia, der sich über acht neue Gesichter freut. Verlassen haben den Club indes nur Spieler, die zuletzt ohnehin nicht mehr das Vertrauen des Trainers gespürt hatten. Shinji Okazaki, den die alten Kameraden bereits am Sonntag in Mainz wiedersehen, oder Raphael Holzhauser, der nach Augsburg ausgeliehen wurde.

Doch auch die Neuzugänge haben noch Luft nach oben. Verteidiger Konstantin Rausch hatte in seinen Einsätzen „gute und nicht so gute Phasen“, wie er selbst erkannte. Defensivspezialist Daniel Schwaab deutete sein Potenzial bislang nur an, und Mittelfeldmann Moritz Leitner ließ seine brillante Technik aufblitzen, ihm fehlt aber noch die Anbindung ans Team. Stürmer Mohammed Abdellaoue spielte im Rückspiel gegen Plovdiv erstmals von Beginn an, konnte sich aber noch nicht in Szene setzen. „Wir sind von seiner Qualität überzeugt, er wird sich noch reinfinden“, betonte Labbadia. Zudem verstärken der bislang ausgeliehene Mittelfeldspieler Patrick Funk, Rechtsaußen Sercan Sararer, der derzeit verletzte Linksaußen Marco Rojas und Keeper Thorsten Kirschbaum den Kader in der Breite.

Für den Coach gibt es nun eigentlich keinen Grund mehr – wie in der Vorsaison – über die personelle Situation zu klagen. Jede Position ist doppelt besetzt. Labbadia kann sich nun sogar den Luxus gönnen, den einen oder anderen Spieler zu schonen. „Christian Gentner hatte sich vor dem Hinspiel in Burgas nicht gut gefühlt, also haben wir ihn zu Hause gelassen“, sagte er. Seine Wünsche wurden erfüllt, nun ist er in der Bringschuld.

Das Klima in der Mannschaft

Bobic wirkte am Donnerstag gereizt. „Ich habe keinen Bock, das nach jedem Spiel zu kommentieren“, sagte der Sportdirektor auf die Frage, wie weit Anspruch und Realität noch auseinanderklaffen. Auch intern gab es bereits Differenzen, als Bobic und der neue Präsident Bernd Wahler unisono das Erreichen der Europa League zum Ziel ausriefen, während Labbadia die Erwartungen bremste („Wir haben noch nicht das Team, um von Platz sechs zu sprechen“).

Und dass der Coach zuletzt auch die professionelle Einstellung seiner Spieler hinterfragt, lässt auf Spannungen schließen. Am Freitag nahm er sich nach dem Training Martin Harnik zur Brust und redete eine Viertelstunde wild gestikulierend auf ihn ein. Am Abend zuvor hatte er den Mittelfeldspieler kritisiert, weil dieser in der Sommerpause seine Hüftprobleme unterschätzt habe. „Dafür hat er die Quittung bekommen“, erklärte er. Der Österreicher verpasste einen großen Teil der Vorbereitung und wurde bislang nur eingewechselt. Auch Christian Gentner bekam einen Rüffel. Der Vorstoß des Vizekapitäns („Wenn wir Plovdiv nicht schlagen, haben wir in Europa nichts verloren“) hat Labbadia nicht gefallen: „Bei uns wird zu viel erzählt, das sollte man lassen. Es gibt viele Dinge bei uns, die nicht gut laufen. Wir müssen uns definitiv steigern, der Respekt vor dem Gegner gehört dazu.“

Die Stimmung im Umfeld

Noch vor wenigen Wochen hatte man das Gefühl: Jetzt wird alles gut beim Club aus Bad Cannstatt. Bei der Mitgliederversammlung am 22. Juni herrschte Aufbruchstimmung. Der bei den Fans ungeliebte Präsident Gerd Mäuser war weg, satte 97,4 Prozent der Mitglieder sagten Ja zu Bernd Wahler. Und als dann auch noch das neue alte VfB-Wappen verabschiedet wurde, war die Harmonie perfekt. Die Vorfreude auf die neue Saison mit Europa League, DFB-Pokal und Liga war greifbar. Knapp drei Wochen und drei Partien später ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. 30 Minuten waren im ­ersten Heimspiel der Saison gegen Plovdiv gespielt, da riefen die Fans „Aufwachen!“. Auch die Zahl der bislang verkauften Dauerkarten macht klar: Der VfB ist derzeit nicht der Verein für Begeisterung. 30 000 waren es im Vorjahr, dieses Mal wurden bislang 2500 Saisontickets weniger abgesetzt.

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