Bücherschränke in Stuttgart Teilen ist schön

Von Jan Sellner 

Öffentlicher Bücherschrank am Stuttgarter Hauptbahnhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Öffentlicher Bücherschrank am Stuttgarter Hauptbahnhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Öffentliche Bücherschränke sind eine liebenswerte Einrichtung. Sie gehören unbedingt zum Stadtmobiliar, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Die Globalisierung hat auch ihr Gutes. Sie hilft, Ideen schneller um die Welt fliegen zu lassen. Nicht nur solche, die dem Hirn des Homo oeconomicus entstammen, des wirtschaftenden Menschen. Sondern auch Ideen, die von Menschen kommen, die Vorstellungen vom Tauschen und Teilen haben. Ein Beispiel für eine solche Teilen-ist-schön-Idee sind öffentliche Bücherschränke, die gleichermaßen dazu einladen, sie mit Büchern zu befüllen und sich kostenlos daraus zu bedienen.

Diesen Gratis-Tankstellen für den Geist begegnet man an vielen Orten auf der Welt – in Cambridge/Neuseeland, im Santa Catarina Park in Funchal, in Bad Herrenalb auf dem Gartenschaugelände oder in Handschuhsheim vor der Tiefburg. Und jetzt folgt die gute Nachricht: Bücherschränke gibt es auch in Stuttgart. Etwa im Theaterhaus, in Gablenberg am Schmalzmarkt, in Untertürkheim in der Fußgängerzone und im Hauptbahnhof. Dort wurde, wie berichtet, eine Telefon- zur Bücherzelle umgewidmet.

Eine Leseheimat auch für Flüchtlingskinder

So klein und willkürlich sortiert öffentliche Bücherschränke auch sind, stellen sie eine schöne Ergänzung zu den Bibliotheken dar. Letztlich folgen sie demselben Gedanken, den die Leiterin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, so ausdrückt: „Büchereien sind die Keimzelle dessen, was man ‚sharing economy‘ nennt.“ Mit anderen Worten: Bibliotheken sind ein riesiger öffentlicher Bücherschrank – im Falle der Stadtbibliothek einer mit 1 275 348 Medien. Viele Menschen haben hier eine Leseheimat gefunden. Darunter Flüchtlingskinder, die dorthin eingeladen und von Lesepaten betreut werden.

Apropos Heimat. Zuletzt war viel von Heimat die Rede – auch in dieser Zeitung. Die Wortmeldungen waren teils von einem schweren, tiefen Ton begleitet. Leicht ist dagegen die Heimatmelodie, die Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht „Heimatlose“ anstimmt und das man gerne in jeden öffentlichen Bücherschrank stellen würde: „Ich bin fast/Gestorben vor Schreck:/In dem Haus, wo ich zu Gast/War, im Versteck,/Bewegte sich,/Regte sich/Plötzlich hinter einem Brett/In einem Kasten neben dem Klosett,/Ohne Beinchen,/Stumm, fremd und nett/Ein Meerschweinchen./Sah mich bange an,/Sah mich lange an,/Sann wohl hin und sann her,/Wagte sich/Dann heran/Und fragte mich dann:/‚Wo ist das Meer?‘“

„Stuttgart liest ein Buch“

In einer Stuttgart-Version des Gedichts wäre vielleicht von einem heimatlosen Flusspferd die Rede, das sich nach dem Neckar erkundigt, an dessen Ufer es eine neue Behausung finden sollte, nun aber die Wilhelma in Richtung Tschechien verlässt. Aber das ist eine andere Geschichte. Ringelnatz hat Stuttgart übrigens an anderer Stelle verewigt – vier Gedichte widmete er der Stadt. Darin finden sich diese Weinstuben-Zeilen: „Setzte mich so ganz bescheiden hin/Und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen./Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen,/Daß ich kein Stuttgarter bin.“ Ebenfalls was für den lokalen Bücherschrank.

Schön wäre es, wenn dort auch dieses Buch stünde: „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar. Man kann es sich allerdings auch vorlesen lassen – im Rahmen der Aktion „Stuttgart liest ein Buch“ an neun verschiedenen Orten in der Stadt. Beginn ist nächste Woche, 17. Oktober. Noch so eine Teilen-ist-schön-Idee, die sich zum Glück verbreitet.

jan.sellner@stzn.de

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