Kostenloses Lesen zwischen den Gleisen: Gemeinsam mit fünf Bahn-Azubis hat Saskia Husch (vorne) eine alte Telefonzelle am Stuttgarter Hauptbahnhof zur Bücherei umgebaut Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Weiterverschenken statt wegwerfen: Öffentliche Tauschbörsen und Bücherschränke liegen im Trend und erobern die Stadtteile

Stuttgart - Wer es schafft, die Tür der einstigen Telefonzelle hinter sich zu schließen, der entkommt nicht nur dem hektischen Bahnhofsbetrieb, sondern wird obendrein von unzähligen Büchern empfangen. Die reichen, ordentlich aufgereiht, fast bis zur Decke der gerade einmal ein Quadratmeter großen Fernsprechbude, die zwischen Gleis 9 und 10 am Stuttgarter Hauptbahnhof steht.

Telefonzelle als Büchertauschbörse

Längst wird dort nicht mehr telefoniert sondern geschmökert: Wer will, kann sich hier, in Deutschlands erster Bahnhofsbücherei dieser Art, täglich von 6.30 bis 23.45 Uhr kostenlos mit neuem Lesestoff versorgen. Die Bücher können später entweder zurückgestellt oder an Infoschaltern in Stuttgart und Ulm abgegeben werden.

„Wir wollten damit unseren Fahrgästen die Zugfahrt und die Wartezeit am Bahnhof versüßen“, erklärt Saskia Husch. Die Idee, eine ungenutzte Telefonzelle zur öffentlichen Büchertauschbörse umzubauen, kam der 18-Jährigen und fünf ihrer Kollegen im zweiten Lehrjahr ihrer kaufmännischen Ausbildung für Verkehrsservice: Drei Wochen hatten die Bahn-Azubis Zeit, ein Projekt zu entwickeln und umzusetzen. Eifrig sammelten sie kistenweise Bücherspenden, bauten die Telefonzelle um und bestückten sie mit mehr als 100 Schmökern verschiedener Genres.

Sechs Monate nach der Eröffnung zeigt sich: Die Bahnhofsbücherei kommt so gut an, dass der Bahn-Nachwuchs täglich Wälzer nachfüllen muss. Der Nachschub stammt aus dem internen Bücherlager, für das alle Bahn-Mitarbeiter regelmäßig neuen Lesestoff spenden. Neben den Azubis, die mittlerweile für ihr Projekt von der Deutschen Bahn ausgezeichnet wurden, kontrollieren auch andere Mitarbeiter stündlich die ehemalige Fernsprechbude: Die offiziell ernannten Bücherpaten sorgen für geordnete Regale, machen sauber und schließen die Bücherei nachts ab. „Krimis und Kinderbücher sind besonders beliebt“, weiß Husch. Bände, die Streithemen oder radikale Botschaften beinhalten, werden aussortiert und anderweitig gespendet. „Wir wollen keine Polemik bei der Bahn“, begründet Bahn-Sprecher Werner Graf das Aussortieren. Leichte Lesegeschichten sollen in Zeiten der Digitalisierung die Reisenden zum analogen Lesen bewegen, so Graf. Auch er teilt den Wunsch der Stuttgarter Azubis, dass weitere Bahnhöfe in Deutschland das Konzept aufgreifen. Graf weiß aber auch: „Solche öffentlichen Boxen müssen unter permanenter Betreuung stehen, um Vandalismus vorzubeugen – das geht nur auf großen Bahnhöfen.“

Gablenbergs Give-Boxen

Während das Bücher-für-alle-Konzept am Hauptbahnhof noch am Anfang steht, hat man im Stuttgarter Osten die Idee weitergedacht: Direkt am Schmalzmarkt, an der Bushaltestelle Gablenberg, steht eine öffentliche Box der etwas anderen Art: Bunt angemalt von kleinen kreativen Helfern aus der Kindereinrichtung Karamba Basta lädt das Holzhäuschen jeden ein, mehr als nur Bücher auszutauschen. Das überdachte Häuschen ist eigentlich eine Tauschbox. Gut erhaltene Dinge wie Spiele, Haushaltsgegenstände oder anderen nützlichen Krimskrams können hier abgelegt oder mitgenommen werden. Der Gedanke dahinter: Nachhaltigkeit fördern und damit der Wegwerfgesellschaft entgegenwirken. „Insgesamt gibt es fünf solcher Give-Boxen“, sagt Stadtteilmanager Sebastian Graf. Weil sich die Gablenberger eine dieser Tauschboxen für ihrem Stadtteil gewünscht hatten, haben Graf und sein Team Kontakt mit der Schreiner-Innung aufgenommen. Und wieder waren es Auszubildende vom Innungsbetrieb, die die Tauschboxen mitentwickelt und angefertigt haben.

„Die Box steht im öffentlichen Raum, da besteht Gefahr, dass andere ihren Müll ablegen“, weiß Bezirksvorsteherin Tatjana Strohmaier. Sie erinnert sich an Kleidersäcke, Müll und Glasscherben, die nach der Einweihung der Box vor zwei Jahren dort abgeladen wurden. Um der Vermüllung zu entgehen, zog das begehbare Häuschen ein Jahr später von seinem ersten, abgelegenen Standort am Gablenberger Eck um auf den Schmalzmarkt. Die dort ansässige Kindereinrichtung Karamba Basta wacht seitdem inoffiziell über die Give-Box, die mittlerweile intensiv von den Gablenbergern gepflegt und genutzt wird.

Weil die Box seit zwei ­Jahren dem Wetter schutzlos ausgeliefert ist, hat das Stadteilmanagement angekündigt, gemeinsam mit den Bürgern im Herbst ein Renovierungsfest zu feiern. Nicht nur das Tauschen, sondern die Pflege der Box fördern das Miteinander.

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