Kreuze an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo ein Teil des Romans spielt. Foto: imago images/ZUMA Wire/Nelvin C. Cepeda via www.imago-images.de

Spannend wie ein Krimi: Im neuen Roman des österreichischen Autors Norbert Gstrein macht sich ein Künstler auf die Suche nach sich selbst und gerät zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Stuttgart - Dass das Ich immer ein anderer ist, kann man nicht unbedingt als die allerneueste Erkenntnis verbuchen. Doch durch den Zwischenraum, der das eine vom andern trennt, segelt unter dem Banner der Autofiktion gerade ein Großteil der gegenwärtigen Roman-Produktion. Mittlerweile ist die Fahrrinne so breit und ausgefahren, dass eigentlich alles bequem hindurchpasst.

 

Eine ganz eigene Route aber erschließt das Schreiben des österreichischen Autors Norbert Gstrein. Und von den Gefahren, sich selbst in den Verdoppelungen der Fiktion zu verfehlen, erzählt sein neuer Roman „Der zweite Jakob“ so spannend wie nur je ein Entdecker von den Abenteuerfahrten durch die Stürme seines Lebens.

In der Rolle des Frauenmörders wurde er bekannt

Der Ausgangspunkt ist der bevorstehende 60. Geburtstag eines in einem kleinen Tiroler Dorf geborenen und in der großen Welt zu einiger Bekanntheit gelangten Künstlers, der diese Eckdaten und einen mit vier aufeinanderfolgenden Konsonanten beginnenden Familiennamen mit dem Autor des Romans teilt. Allerdings hat er diesen Namen, um in der Filmwelt, denn er ist Schauspieler, bessere Chancen zu haben, abgelegt und dafür den Vornamen eines Onkels und den Familiennamen der Großmutter angenommen. Als Jakob Thurner ist er in Amerika mit einigen Filmen, in denen er vorwiegend Frauenmörder gespielt hat, berühmt geworden, und in Österreich dadurch, dass er eine Rolle abgelehnt hat, welche dann von John Malkovich übernommen wurde: die des Serienmörders und zeitweisen Wiener Kulturschickeria-Schwarms Jack Unterweger.

Alles in allem ein eher überschaubar erfolgreiches Leben. Was gibt es davon zu erzählen? Auf den ersten Blick nicht viel, weshalb die Tochter das Manuskript einer Biografie, die zum Jubiläum erscheinen sollte, enttäuscht aus der Hand legt: die bestürzende Harmlosigkeit des Ganzen mache ihn zu einem blassen Zeitgenossen. Und sie will von ihm wissen, was das Schlimmste sei, das er in seinem Leben je getan hat. Damit nehmen die Dinge ihren Lauf, denn das Bekenntnis, vor einigen Jahren während Dreharbeiten in der mexikanischen Wüste als Beifahrer in einen Unfall verstrickt gewesen zu sein, der einer Frau das Leben gekostet hat, lässt die Welt seiner Tochter und damit seine eigene zusammenbrechen.

Dunkles Kapitel der Familiengeschichte

Der Versuch, sie zu rekonstruieren, bringt Jakob Thurner, der immer wieder damit geliebäugelt hat, einen Roman zu schreiben, dazu, die Geschichte zu entfalten, die jene Biografie verschwiegen hat, und die zu dem Buch wird, das der Leser in den Händen hält. Sie handelt von einem obsessiven Vater-Tochter-Verhältnis, von der gestörten Beziehung zwischen Namen und Identitäten, von dem lebensgefährlichen Grenzverkehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit und von der fatalen Konversion von Schuld in Geld.

Das künstliche und künstlerische Leben Jakob Thurners ruht auf dem mit fragwürdigen Mitteln erworbenen Wohlstand einer Hoteldynastie. Und wie das ihm überschriebene Schwarzgeld seiner Großmutter einem besonders dunklen Kapitel der Familiengeschichte entstammt, das auf jenen ersten Jakob, den komischen Onkel, zurückführt, nutzt er es, um sich jederzeit von eigener Schuld freizukaufen. Geld kompensiert eine gestörte Naturordnung, in der Eltern ihre Kinder verschicken und gegen die abgrundtiefe Entfremdung einzig Rollenspiel vorübergehend Linderung verspricht. So wurde Jakob Thurner zum Schauspieler.

So solide der hypotaktische Bau die Erzählung fundiert, so irritierend löst sich dieses Leben in eine flirrende Folge von Parallelstellen, Spiegelungen und Korrespondenzen auf. Träume werden zu Vorausdeutungen, immer wieder überlagern sich Film und Wirklichkeit. Und als der auf Frauenmorde spezialisierte Darsteller bei den Dreharbeiten für ein Melodrama im Grenzermilieu in Texas die Grenze nach Mexiko überschreitet, findet er sich plötzlich selbst hautnah einer Serie bestialischer Frauenmorde konfrontiert, von seinem Anteil am Unfall-Tod jener jungen Frau einmal ganz abgesehen.

Auslöschung einer Biografie

Der zweite Jakob ist nicht der wahre Jakob, sondern die Summe uneingelöster Möglichkeiten, Fälschungen und mit viel gekühltem Weißwein aufrecht erhaltener Illusionen. In der Mesalliance mit einer als männermordende Salome brillierenden Schauspielerin erfährt er seine höchste und hoffnungsloseste Erfüllung. Das Denkmal, das das Dorf seiner Herkunft dem verlorenen Sohn zu seinem 60. Geburtstag schließlich doch errichtet, ist ein bronzenes Double, mit leicht asiatischem Einschlag chinesischer Kopisten-Kunst. Dafür trägt es den ursprünglichen Namen mit den vier aufeinanderfolgenden Konsonanten.

Dass die Wahrheit über das Leben sich als Trug offenbart, ist keine artistische Pointe, sondern die von tiefem Ernst erfüllte Erkenntnis von jemand, der sich nur in seinem grundsätzlichen Anderssein erfahren kann. Und so kunstvoll und kalkuliert dieser Roman auch konstruiert ist, entfaltet er eine so unmittelbare und atemlos fesselnde Wirkung wie ein Krimi. Was ihn vorantreibt ist nicht die Suche nach dem Täter, sondern die Suche nach dem Ich - was im Zweifel auf das gleiche hinausläuft. Die Auslöschung einer Biografie ist in jedem Fall die aufregendste und radikalste Form, die autofiktionales Schreiben annehmen kann.

Info

Autor Norbert Gstrein wurde als Sohn eines Hoteliers und Skischulleiters am 3. Juni 1961 in Mils bei Imst (Tirol) geboren und wuchs mit seinen fünf Geschwistern – darunter der spätere Skirennläufer Bernhard Gstrein – auf. Er studierte in Innsbruck Mathematik. An der Stanford University in Palo Alto arbeitete er an seinem Erstlingsroman „Einer“. Seine sprachphilosophische Dissertation trägt den Titel „Zur Logik der Fragen“. Er lebt in Hamburg.

Werk In seinem Debüt „Einer“ erzählt Gstrein die Geschichte eines jugendlichen Außenseiters in einem Tiroler Bergdorf. Das Verfahren, große Themen aus einer ungewohnten Perspektive zu erzählen, hat er in vielfach ausgezeichneten Romanen wie „Das Handwerk des Tötens“, „Die kommenden Jahre“, „Als ich jung war“ immer weiter vervollkommnet.

Termine Am 4. Mai um 19.30 Uhr stellt Norbert Gstrein seinen neuen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor. Am 16. Mai um 11 Uhr spricht Norbert Gstrein im Marbacher Literaturarchiv über das Schreiben.

Buch Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. Roman. Hanser Verlag. 448 Seiten, 25 Euro.