Eugen Ruge erzählt die letzten Tage der antiken Stadt Pompeji als politische Parabel. Man begegnet darin manch alten Bekannten aus jüngst vergangenen Tagen.
Die Einsicht, dass man aus der Antike lernen könne, hat sich rasch durchgesetzt, kaum war sie ihrem Ende zugerauscht. Wenn einem in Eugen Ruges neuem Roman „Pompeji“ manches bekannt vorkommt, liegt das nicht nur daran, dass über den prominenten antiken Hotspot schon so manches geschrieben wurde. Der Grund dafür ist vielmehr, dass hier aus den Trümmern der bei dem verheerenden Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 verschütteten Stadt möglicherweise gar nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ausgegraben wird.
Oder was haben Mauerspechte hier zu suchen, die aus den Schuttresten ihren eigenen Profit ziehen? Und mit Sicherheit nannte man es nicht Aufbauhilfen oder Entschädigungszahlen, was die Überlebenden des Unglücks vom römischen Kaiser Titus forderten. Von welchen einschneidenden Ereignissen also ist hier überhaupt die Rede? Von der Auslöschung einer blühenden antiken Stadt, vom Fall einer Mauer oder gar vom Leben im Angesicht einer bevorstehenden Katastrophe, dem Tanz auf dem sich immer weiter erhitzenden Vulkan, dessen Gefahren wegen kurzsichtiger Interessen nur allzu gerne aus den Augen verloren werden?
Vom Straßenkämpfer zum Politiker
Das müsste man den Autor der achtzehn Schriftrollen fragen, der seinen Bericht über die Geschehnisse damals in einer Amphore verschlossen und an einem unzugänglichen Ort aufbewahrt haben will, um der Nachwelt Gelegenheit zu geben, daraus nützliche Schlüsse zu ziehen. Er selbst sei ein beschämter Überlebender, gibt er sich am Schluss vage zu erkennen.
Halten wir uns also an den, unter dessen Namen dieser Roman firmiert: Eugen Ruge, der mit seinem Deutschen-Buchpreis-prämierten Debüt „In Zeiten abnehmenden Lichts“ schon einmal einen großen Geschichtsroman über ein untergehendes Gemeinschaftswesen geschrieben hat. Damals waren es die letzten Tage der DDR, die gestrandeten Hoffnungen seiner zur sozialistischen Nomenklatura gehörenden Großeltern, eine gerechtere, bessere Gesellschaft schaffen zu können. Nun sind es die letzten Tage Pompejis, und im Mittelpunkt steht ein gewisser Jowna alius Josephus alias Josse. Man könnte ihm im Verlauf noch weitere Alias-Namen zulegen, Joschka zum Beispiel. Denn wie der ehemalige grüne Außenminister ist er dabei, eine eindrucksvolle Karriere vom Straßenkämpfer in höchste politische Ämter zu durchlaufen. Und manche, eigentlich die meisten seiner früheren Überzeugungen bleiben dabei auf der Strecke.
Von der Macht verführt
Sein Aufstieg beginnt eher zufällig. Josse gerät in Kreise, die in vielen spätantiken Denkrichtungen und Spielarten gegen die imperiale Hegemonie Roms andebattieren. In einer Mischung aus Bauernschläue, Instinkt und Selbstgefühl zieht er aus dem Vortrag eines griechischen Bergbauspezialisten den richtigen Schluss: Wenn es sein könne, dass man auf einem Vulkan lebe, müsse man eben woanders etwas Neues gründen.
Und damit beginnt die Geschichte der von Pompeji wenige Kilometer entfernten alternativen Siedlung „Fenster des Meeres“. Man macht hier, was man eben in Kommunen so macht: Nacktbaden, Fliegenpilzsud trinken, nur Rock’n’roll gab es noch nicht. Und ihr Schicksal ist das gleiche wie das so vieler ähnlicher Unternehmungen: Erst kommen die Spinner, dann die Bauunternehmer, schließlich konvertieren die Idealisten zu Realisten, vor allem wenn sie von der Macht in ihrer schönsten Gestalt verführt werden, in diesem Fall ist das die reiche Immobilien-Spekulantin Livia Numistria. Und plötzlich findet man sich auf der anderen Seite wieder.
Um diese lehrreiche Entwicklung noch einmal in Erinnerung zu rufen, bräuchte man eigentlich nicht Pompeji. Glücklicherweise funktioniert die Geschichte aber auch in die andere Richtung: Modern gedachte Figuren, die einen archäologischen Prospekt mit munterem Leben füllen. Darunter finden sich senile Nobilitäten, die mit Rücksicht auf ihren beklagenswerten dentalen Zustand nur noch Wörter ausstoßen, die sich ohne Zähne bewerkstelligen lassen. Kaum sinnvoller sind die in einer Wiederholungsschleife kreisenden Beiträge des von seiner Bedeutung feist aufgedunsenen gelehrten Flottengenerals Plinius des Älteren. Man nimmt Teil an einem skrupellosen Rhetorik-Coaching bei Protagoras, erfährt einiges über das römische Bewässerungssystem und die Hintergründe jener obszönen Wandmalereien, die zu den pikanten Schmankerln jeder Besichtigungstour zählen.
Das ist zweifellos sehr komisch und jener überlebende Erzähler versteht sein Handwerk bestens gemäß der Devise des römischen Dichters Horaz: prodesse et delectare – nützen und erfreuen, politisches Vexierbild und touristisches Tableau. Und bevor man sich fragen könnte, warum Asterix eigentlich nie bis in das zu seiner Zeit noch blühende Pompeji vorgedrungen ist, macht es genau zum richtigen Zeitpunkt Bumm. Der Berg explodiert und gebiert einen höchst unterhaltsamen Roman, der diese Lücke in der römischen Geschichtsschreibung um den kleinen Gallier vorerst verschmerzbar erscheinen lässt.
Eugen Ruge: Pompeji. Roman. DTV. 368 Seiten, 25 Euro.
Info
Autor
Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Nordural) geboren und kam 1956 mit seinen Eltern nach Ost-Berlin. Als diplomierter Mathematiker arbeitete er von 1980 bis 1985 am Zentralinstitut für Physik der Erde an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Dann begann er zu schreiben, zunächst vorwiegend Theaterstücke und Hörspiele, und Anfang 1989 folgte die Flucht in die Bundesrepublik.
Werk
2011 veröffentlichte er den mit dem Döblin-Preis, dem Deutschen Buchpreis und dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichneten Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, später erschienen „Cabo de Gata“, „Follower“ und, 2019, der Roman „Metropol“. Er lebt in Berlin und auf Rügen.