Wilhelm Oppermann (li.) und Rainer Gebauer vom Kallenberger Bürgerverein stehen vor dem früheren Kuttler-Areal an der Emmaus-Kirche. Foto: factum/

Früher Gärtnereien, heute Wohnungen: Der kleinste Stadtteil Kallenberg von Korntal-Münchingen verändert sein Gesicht. Rund 140 Menschen sollen bald auf dem noch brach liegenden Gelände in der Ortsmitte wohnen – nicht das einzige Baugebiet. Die Anwohner sind besorgt.

Korntal-Münchingen - Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Die Vögel zwitschern, die Grashalme, Äste und Blätter des vielen Grüns wiegen sanft im Wind, die Glocken der Emmaus-Kirche läuten. Im kleinsten Stadtteil Kallenberg von Korntal-Münchingen scheint die Welt noch in Ordnung. Aber nur auf den ersten Blick.

Die Bewohner des mehr als 1300 Einwohner kleinen Ortes sind beunruhigt. Ihre Sorge gilt den zwei Baugebieten, die derzeit geplant werden. Die Pläne für die Fläche bei der Kirche zwischen Stammheimer und Kelterstraße sind fortgeschritten: Auf dem Gelände der einstigen Gärtnerei Kuttler baut das Besigheimer Wohnbauunternehmen Layher sechs Häuser mit 66 Wohnungen für rund 140 Menschen. Ein Sprecher teilt mit, dass die Bauarbeiten Mitte 2020 starten. Man rechne mit einer Bauzeit von zwölf bis 14 Monaten.

Die wenigen Parkplätze sind hart umkämpft

Die Kallenberger halten die Gebäude für zu wuchtig. Und ihnen graut vor noch weniger Parkplätzen – trotz der geplanten Tiefgarage und zusätzlich elf oberirdischen Stellplätzen. „Mit der Idylle ist es dann vorbei. Der Charakter der Ortsmitte wird sich verändern“, sagt der Vorsitzende des Bürgervereins, Rainer Gebauer. „Wir hätten uns gewünscht, dass Layher mehr auf die Ästhetik achtet.“ So hätten die Häuser in der Umgebung weniger Geschosse, weniger Grundfläche sowie Giebeldächer. „Drei Etagen plus Dachgeschoss sind sehr massiv, zumal mit Flachdach“, findet Wilhelm Oppermann. Solche „Klatschbauten“ sehe man doch überall.

Unterstützung erhält der Bürgerverein von der Stadträtin Marianne Neuffer. „Die Ängste sind nachvollziehbar und berechtigt“, sagt die Chefin der Freien Wähler. Sie lebt im Kallenberg. Dieser wachse, die Infrastruktur wie die (engen) Straßen wüchsen aber nicht mit. „Ganz wichtig“ sei daher der Infoabend mit Layher, für den sie sich einsetzte. „Die wenigsten können sich vorstellen, wie die Gebäude in der Ortsmitte aussehen“, sagt Neuffer. Gemeinderat wie Bürger hätten gerne einen städtebaulichen Wettbewerb gehabt. Stattdessen wurde das Kuttler-Areal vor etwa drei Jahren an Layher verkauft.

Gemeinderat und Layher rangen lange

Ursprünglich plante das Unternehmen ein Geschoss mehr. Dagegen hätten dem Gemeinderat zwei Etagen plus Dachgeschoss genügt – mit Satteldach, damit sich die Häuser auch optisch vom Industriegebiet abgrenzen. Am Ende traf man sich in der Mitte, nach „zahlreichen Anpassungen der Planung“, sagt Stefan Wolf.

Der Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung weist die Kritik zurück. In der Umgebung stünden bereits mehrere ähnlich große Mehrfamilienhäuser. „Angesichts der heterogenen Bautypologien in der direkten Umgebung drängt sich keine eindeutige Architektursprache auf“, sagt Wolf. Auch die Sorge um die Parkplatznot ist ihm zufolge unbegründet: Erhebungen hätten für die Ortsmitte ein „ausreichendes Stellplatzangebot“ festgestellt.

Mix aus Wohnhäusern und Gewerbe

Von Layher heißt es: „Das Konzept in Form eines Mehrgenerationenhauses mit schmalen Punkthäusern und zurückversetztem Dachgeschoss fügt sich sehr gut in die Umgebung ein.“ Es gebe eine „große Nachfrage“ aus der Nachbarschaft nach altersgerechten Wohnungen. „In unserer Planung achten wir deshalb auf barrierefreie Wohnungen und einen gesunden Wohnungsmix für jede Zielgruppe.“

Der Kallenberg hat neben Wohnbebauung viel Gewerbe – und sein Gesicht bereits stark verändert: Kuttler war nur eine von über 20 Gärtnereien, die den Ort wie Münchingen lange prägten – und eine der ersten: In den 1920er Jahren wurden in Kallenberg die Flächen entlang der Landstraße nach Stuttgart, die heutige B 10, besiedelt. 1925 zählte man fünf Häuser, darunter drei Gärtnereien, sagt der Stadtarchivar Alexander Brunotte. „Die Betriebe waren oft aus der großstädtischen Enge Stuttgarts ‚geflüchtet’.“ Laut Marianne Neuffer hätten viele Gärtnereien mangels Nachfolger aufgegeben. Ihre Schwiegermutter ist eine geborene Kuttler.

Kaum Angebote für junge Menschen

Die ersten Industriebetriebe siedelten sich in den 1930ern an, allen voran die Lackfabrik Votteler und die Spedition Jehle. Die Wirtschaftswunderjahre mit ihrem großen Bedarf an privatem Wohnraum, sagt Alexander Brunotte, hätten hinter den Industriebetrieben an der Straße rasch eine Wohnsiedlung den Hang hinauf wachsen lassen. Inzwischen verkauften viele langjährige Anwohner ihre Häuser, darin wohnen jetzt überwiegend junge Familien. „Leider gibt es aber gerade für Jüngere kaum Angebote“, sagt die Stadträtin Neuffer. Ihr sei unklar, wie man die vielen neuen Bürger integrieren solle.

Keine Vereine, Ärzte oder Freizeitmöglichkeiten, eine schlechte Busanbindung – all das bemängelt auch der Bürgerverein. Mit Bauchweh blicken die Mitglieder daher auch auf das Gelände der früheren Gärtnerei Rühle. „Es ist die Visitenkarte des Kallenbergs“, meint Rainer Gebauer. Doch keiner wisse, was der Investor Christian Benzing, der Chef des örtlichen Sicherungselementeherstellers Hugo Benzing, mit der Brache vorhat. Die Anfrage unserer Zeitung bleibt unbeantwortet. Im Ort ist die Rede von Wohnraum, auch bezahlbarem, und vielleicht einer Flüchtlingsunterkunft. Gebauer: „Was sollen die Menschen den ganzen Tag hier machen?“

Termin Der Infoabend ist an diesem Montag, 24. Juni, um 18 Uhr im Kallenberger Bürgertreff Kallypso.

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