Im kleinsten Ditzinger Stadtteil Schöckingen brach binnen einer Woche die Nahversorgung zusammen. Die Dorfgemeinschaft wirbelte daraufhin. Mittendrin: der Ortsvorsteher.
Im Stadtteil Schöckingen macht sich Erleichterung breit. Die Menschen atmen hörbar auf, denn die Nahversorgung ist gesichert: In Schöckingen wird es auch künftig einen Bäcker und einen Lebensmittelladen geben. Laut dem Ortsvorsteher Michael Schmid übernimmt die Bäckerei eine Korntal-Münchingerin, die sich selbstständig machen will und von einer Bäckerei beliefert wird. Die Vertragsunterzeichnung stehe unmittelbar bevor.
Die Zusagen von Vermieter und Pächter liegen Schmid zufolge auch für den Weiterbetrieb des Lebensmittelgeschäfts durch eine Schöckinger Familie vor. „Wir sind auf einem sehr guten Weg.“ Beide Geschäfte, so ist es geplant, sollen noch dieses Jahr öffnen. Zugleich haben die künftigen Betreiber ihm gegenüber offenbar signalisiert, sich gegenseitig unterstützen zu wollen. Neben dem Bäcker soll im Lebensmittelmarkt auch wieder eine Metzgerei präsent sein.
Einige Zeit desaströse Lage
Noch vor wenigen Tagen sah das ganz anders aus. Die Lage war desaströs und die Wellen schlugen hoch, nachdem kurz nach dem Selbstbedienungssupermarkt Tante M auch die Bäckerei dicht machte. Der Traditionsbäcker Hartmut Diefenbach geht in den Ruhestand, hat aber für nur vier seiner acht Filialen einen Nachfolger gefunden.
Der neue Lebensmittelladen soll nach dem Konzept von Tante M betrieben werden, mit denselben Öffnungszeiten, als Selbstbedienungsladen, weitgehend ohne Personal. Offen ist, ob das Geschäft auch als Franchiseunternehmen von Tante M fortgeführt wird. „Wir können uns gern unterhalten“, sagt Geschäftsführer Christian Maresch. Er stehe dem offen gegenüber, zumal die Übergabe an einen Franchisenehmer – wie an anderen Standorten geschehen – ohnehin vorgesehen war. „Doch dazu kam es nicht mehr.“
Supermarkt wurde weniger attraktiv
Dass er die Lieferanten nicht bezahlt haben soll und den Laden vernachlässigt habe, wie berichtet wird, bestreitet der Geschäftsführer. Allenfalls sei es zu Verzögerungen gekommen, räumt er ein. „Das kann mal passieren.“ Jedenfalls habe man „keine offenen Rechnungen hinterlassen“. Natürlich hätten der Rückzug des Bäckers und des Metzgers dem Laden geschadet. Zudem sei Diebstahl weiterhin ein Thema gewesen, obwohl man das Sortiment um Süßigkeiten, Snacks und Getränke reduziert habe – was den Laden ebenfalls weniger beliebt machte.
Man wisse, dass der Tante M „noch besser funktioniert, wenn er betrieben wird von einer Person vor Ort, die einen Bezug dazu hat und ein Auge drauf“, sagt Maresch. Just dieses soll nun durch das Engagement der Schöckinger Familie zum Tragen kommen.
Engagement war in den vergangenen Tagen im Prinzip in ganz Schöckingen zu sehen. Eine Gruppe um Silvia Schmid initiierte eine Unterschriftenaktion unter dem Motto „Unser Bäcker muss bleiben!“, gerichtet an den Ortschaftsrat und die Stadt Ditzingen. 260 Unterschriften erhielten sie kürzlich. „Wir konnten die Schließung des Bäckers nicht klanglos hinnehmen“, berichtet Silvia Schmid. Schöckingen sei so schön, ein ganz tolles Dorf mit unglaublich vielen engagierten Menschen und Aktionen wie den Sommernächten oder dem Mittagstisch. „Zu den Basics gehört aber nun mal ein Bäcker.“
Bäcker ist auch ein Treffpunkt
Ähnlich sieht das Simone Rathfelder, deren Gruppe „Zukunft Schöckingen“ die Aktion unterstützte und die für die Grünen im Ortschaftsrat sitzt. In einem Stadtteil müsse es mindestens einen Bäcker geben. „Er ist ein wichtiger und zentraler Bestandteil“, meint Simone Rathfelder. Auch weil er ein Treffpunkt sei. „Während Corona fiel das besonders auf, wenngleich alle Abstand gehalten haben.“ Gerade für Kinder sei der Gang zum Bäcker immer ein Höhepunkt.
Simone Rathfelder ist davon überzeugt, dass sich die Leute bei Bedarf mit dem Einkaufen gegenseitig helfen, bis Bäcker und Lebensmittelladen wieder öffnen. „Wir haben in Schöckingen eine super Vernetzung und einen großen Zusammenhalt.“ Deshalb habe sie damit gerechnet, dass sich auch der Ortsvorsteher unermüdlich einsetze für die Nahversorgung – jedoch nicht damit, dass der Erfolg so schnell kommt. Vor allem beim Lebensmittelladen, dessen Konzept sie „unschlagbar“ findet. Mit Tante M seien Leute auch aus anderen Stadtteilen gekommen.
Der Ortsvorsteher Schmid (Freie Wähler) bestätigt die Bedeutung der Nahversorgung für die Dorfgemeinschaft. Für sie habe der Laden „einen positiven Schub bedeutet“. Die Schöckinger seien mit Tante M sehr gut versorgt gewesen. „Ein großer Anbieter kommt nicht, deshalb war das optimal“, sagt er realistisch über die Situation im kleinsten Ditzinger Ortsteil mit unter 2000 Einwohnern.
In den Läden dann auch einkaufen
Tante M habe sich, wie der Bäcker, zu einem Treffpunkt entwickelt. „Dass man unerwartet jemanden trifft, ist wertvoll für das Dorfleben“, sagt der Ortsvorsteher. Klar sei aber auch, dass der Laden nicht davon leben könne, dass man einmal in der Woche eine Butter hole. „Es ist wichtig, die Läden zu unterstützen und regelmäßig dort einzukaufen.“ Dass die Schöckinger dies tun, davon ist er überzeugt – solange die Qualität stimmt.
Die Schließung des Bäckers sieht er aber auch als Folge eines gesamtgesellschaftlichen Problems: Der Fachkräftemangel habe zu verkürzten Öffnungszeiten geführt, die wiederum aus Kundensicht ganz erheblich die Attraktivität geschmälert habe.
Die Schöckinger Filiale war eine von 21 Filialen der getrennt agierenden Brüder Diefenbach. Hartmut Diefenbachs Bruder Hermann aus Weil der Stadt übernimmt die Filialen in der Gartenstraße in der Kernstadt, im Hagebaumarkt sowie in Gerlingen, die Bäckerei Hieber aus Korntal betreibt den Standort Weilimdorf weiter.
Blumen, Eis und Gastro gibt es noch
Optimismus herrscht auch mit Blick auf die beiden nun leer stehenden Diefenbach-Filialen in der Kernstadt in der Autenstraße und im Stadtteil Hirschlanden. „Grundsätzlich sind wir an beiden Standorten zuversichtlich, dass bald wieder ein Laden eröffnet“, sagt der Ditzinger Rathaussprecher Jens Schmukal. Beiderorts stellt sich die Situation anders dar als in Schöckingen. „Es gibt ein breites Einzelhandelsangebot, und es sind kaum Leerstände vorhanden, was dafür spricht, dass frei werdende Flächen meist zeitnah wieder genutzt werden.“ Zwar fehlt aus Sicht der Stadtverwaltung aktuell nichts Konkretes im Einzelhandel. „Klar ist aber auch, dass mehr Einzelhandel und eine damit verbundene Stärkung der Innenstadtlage immer erfreulich wäre.“
Bis die Schöckinger wieder Brötchen, Wurst und Süßigkeiten im Ort kaufen können, stehen ihnen ein Blumenladen, ein Hofladen, ein Eis-Automat und ein Restaurant zur Verfügung. Zudem soll bald eine Weinhandlung öffnen.
Die Ortsverwaltung plant eine Informationsveranstaltung. Sie ist am Donnerstag, 12. Oktober, 18.30 Uhr, im Rathaus Schöckingen.