Porträts des Fotografen Luigi Toscano von Holocaust-Überlebenden stehen vor der Hospitalkirche. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Projekt „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“ konfrontiert im Hospitalviertel mit Überlebenden des Holocaust.

Stuttgart - Überlebensgroße Porträts stehen vor der Hospitalkirche. Fotografien älterer Menschen, deren Gesichter von ereignisreichen Jahren zeugen. Der Blick ist direkt in die Kamera gerichtet und damit auf den Betrachter. „Gegen das Vergessen“, das Projekt des in Mannheim ansässigen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano, ermöglicht eine Begegnung Auge in Auge. Mit „Menschen, die vor 80 oder 90 Jahren unsere Nachbarn hätten sein können“, wie es Landtagspräsidentin Muhterem Aras im Zuge der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend ausdrückt. Mit Überlebenden des Holocaust, die hier nicht in erster Linie Opfer sind, sondern Mitmenschen.

Seit mehr als sechs Jahren fotografiert Toscano Zeitzeugen, für die es ein Leben nach der NS-Verfolgung gab. Seine ausdrucksstarken Bilder, an deren Rahmen auf kleinen Tafeln die Schicksale der Porträtierten zusammengefasst werden, waren bereits in Kiew, New York oder Paris zu sehen. Nun fordern sie bis zum 7. Juli im Hospitalviertel zur Auseinandersetzung mit der Geschichte auf. Und mit der Gegenwart. Immer noch werde versucht, Menschen das Menschsein abzusprechen, mahnt Aras. Das Vermächtnis der von Luigi Toscano Verewigten sei die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Auch als gesellschaftliche Verpflichtung. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer betont, Erinnern gehe mit Gedanken an die Zukunft einher. Es freue sie sehr, dass die Botschaft von „Gegen das Vergessen“ über die eigentliche Ausstellung hinaus auch in die Schulen getragen werde.

Vergangenheit und Zukunft werden durch zwei Projekte miteinander verschränkt

Möglich wird dies durch die Kooperation mit dem Theater Lokstoff, das die Aufnahmen Toscanos auch durch eigens buchbare Führungen ergänzt. Sie kombinieren Geschichten von Überlebenden mit einer Dramatisierung von Franck Pavloffs Parabel „Brauner Morgen“, die die Mechanismen hinter dem Rassenwahn freilegt: Ab sofort sind nur noch braune Katzen erlaubt. Alle anderen müssen getötet werden. Dafür gibt es sogar staatliche Unterstützung. Die Inszenierung steuert den zweiten Teil zum Titel des Stuttgarter Projekts bei: „Erinnern für das Morgen“. Passend zur Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft ist die Wahl der Darsteller und Darstellerinnen: Das Jugendensemble von Lokstoff setzt sich aus Schülern, FSJlern und Studierenden zusammen – Menschen, die die Welt von morgen gestalten. Die Proben seien zäh gewesen, weil alles nur über Zoom habe laufen können, berichtet die Künstlerische Leiterin des Theaters, Alexa Steinbrenner. Davon ist am Mittwoch nichts zu spüren. Wirkungsvoll gesellen sich Stimmen zu den Gesichtern auf den Leinwänden. „Als ich den Text das erste Mal gelesen habe, kamen mir die Tränen“, sagt die Jungschauspielerin Fatma Dede über ihre Begegnung mit dem Leben der 1929 geborenen Amira Gezow. Man müsse aus der Geschichte lernen, sagt sie. „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“ lädt dazu auf besondere Weise ein.

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