Auf Facebook ist ein Video aufgetaucht, das den Jungen zeigt. Foto: Screenshot (facebook.com)

Der elfjährige Junge, dessen Verschwinden Anfang der Woche in Winnenden für Aufruhr gesorgt hat, hat sich per Video zu Wort gemeldet. Seine Ausreise lässt Rätsel offen – möglicherweise bekam das Kind Hilfe.

Winnenden - Der elfjährige Junge, dessen Verschwinden über das Wochenende und am Montag in Winnenden große Aufregung ausgelöst hat, hat sich via Internet zu Wort gemeldet. Auf Facebook ist ein Filmclip aufgetaucht, der das Kind auf der Rückbank eines Autos sitzend zeigt. Vor sich hält der Junge eine schwedische Zeitung mit dem Datum vom Montag. „Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich bin in Schweden bei meinem Onkel, meiner Tante, meinem Opa und meiner Oma. Ich will nie wieder nach Deutschland kommen, hier ist es viel besser“, sagt er, teilweise zu einer unbekannten Person hinter der Kamera gewandt.

Die Polizei im Rems-Murr-Kreis hält das Video für authentisch

Bei dem Filmchen handelt es sich um eben jenes Video, das auch der Polizei zugeschickt worden ist – als Beweis, dass der Junge aus Winnenden wohlauf sei. Der im Netz kursierende Clip wirft bei manchen Betrachtern allerdings Zweifel auf. „Ich finde dieses Video eher beunruhigend. Seine Körpersprache ist komisch“, schreibt eine Frau als Kommentar auf unserer regionalen Facebook-Seite. Andere Nutzer finden, der Junge wirke, als werde ihm zugeflüstert, was er sagen solle. Die Polizei geht allerdings davon aus, dass der Film authentisch ist und dass es dem Jungen tatsächlich gut geht.

Mit welchen Verkehrsmitteln der Elfjährige nach Schweden gelangt ist und ob er möglicherweise doch heimliche Helfer gehabt hat, ist unklar. „Nach der Auswertung unserer Ermittlungsergebnisse gehen wir mittlerweile davon aus, dass der Junge nicht auf eigene Faust gereist ist“, sagt ein Polizeisprecher. Möglicherweise sei der Elfjährige in Deutschland abgeholt worden.

Schule: „Wir sind unendlich froh, dass es ihm gut geht“

Die Vereinigung des jungen Irakers mit seinen Familienmitgliedern ging in großer Heimlichkeit vor sich – mit der Konsequenz, dass viele im Rems-Murr-Kreis ein Verbrechen vermuteten. „Womöglich gab es die Befürchtung, dass es über offizielle Wege Probleme geben könnte“, so der Polizeisprecher. Eine Sprecherin des Waiblinger Landratsamts bestätigt, dass sich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge „in der Regel nur innerhalb von Deutschlands“ bewegen dürften. Die Reise des Elfjährigen sei auch mit dem Vormund des Jungen beim Jugendamt nicht abgestimmt gewesen. Der Elfjährige war im vergangenen Jahr ohne seine Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Damit war er einer von 195 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Rems-Murr-Kreis – und gehörte zu den Jüngsten: Nur neun weitere sind laut dem Landratsamt im Alter von zwölf Jahren oder jünger.

Der Junge war am Freitagnachmittag nicht von der Stöckachschule in seine Wohngruppe zurückgekehrt. „Wir sind unendlich froh, dass es ihm gut geht“, ist auf der Webseite der Schule nun zu lesen. Noch am Tag zuvor war dort ein Suchaufruf veröffentlicht worden. Lehrer hatten die Schule nach dem vermissten Jungen durchkämmt – natürlich vergebens, zu diesem Zeitpunkt muss das Kind bereits außer Landes gewesen sein.

Konsequenzen muss der Ausreißer nicht fürchten

Das war freilich nicht das Einzige: Die Polizei hatte mit einer aufwendigen Öffentlichkeitsfahndung, mit speziell ausgebildeten Hunden und einem Hubschrauber nach dem Jungen gesucht. Ein Aufgebot der Bereitschaftspolizei hatte am Montag das Wunnebad in Winnenden durchkämmt, nachdem ein Polizeihund dort eine Spur des Jungen verloren hatte. Erst am Montagabend wurde bekannt, dass sich das Kind mit höchster Wahrscheinlichkeit aus freien Stücken nach Nordeuropa aufgemacht hatte und wohlauf ist.

Die Polizeieinsätze am Wochenende und am Montag dürften teuer gewesen sein – eine genaue Summe nennt das für den Fall zuständige Aalener Polizeipräsidium nicht. In der Regel versucht die Polizei nach derartigen Einsätzen, die Kosten von den Menschen, die sie ausgelöst haben, erstattet zu bekommen. Der Schweden-Ausreißer muss jedoch kaum Konsequenzen fürchten: Erst mit 14 Jahren ist man in Deutschland strafmündig, und der Aufenthaltsort der Eltern des Jungen ist unklar.

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