Die Polizei ist am Montagnachmittag... Foto: StZN/Weingand

Die Bereitschaftspolizei hat am Montagnachmittag das Wunnebad in Winnenden durchkämmt – ohne Ergebnis. Am Ende des Tages erreicht die Polizei dennoch eine erleichternde Nachricht.

Winnenden - Dunkle Wolken hängen über dem Wunnebad in Winnenden. Sobald die Bereitschaftspolizisten über das Tor klettern, setzt Schneeregen ein. Ein Hubschrauber, der bis gerade eben über der Örtlichkeit gekreist ist, ist wieder abgeflogen. Jetzt machen sich die Beamten daran, das Schwimmbad Quadratmeter für Quadratmeter zu durchkämmen. Sie sehen auf den zu dieser Jahreszeit gespenstisch leeren Spielplätzen nach, gehen durch die abgelassenen Becken unter der riesigen Wasserrutsche und vorbei an dem dampfenden Sportbecken, wo ein paar hartgesottene Schwimmer ihre Bahnen ziehen. „Sie suchen nach dem vermissten Elfjährigen, gell“, sagt eine Frau.

Der Elfjährige hat sich bis nach Schweden durchgeschlagen

Sie hat Recht. Die Suche nach dem vermissten elfjährigen Kind aus Winnenden lief am Montag auf Hochtouren. Erst am frühen Abend kam schließlich die erlösende Nachricht: Der Junge der seit Freitag vermisst wurde, ist wohlauf und hält sich höchstwahrscheinlich bei Verwandten in Nordeuropa auf. Gerüchten zufolge soll er in Schweden sein. „Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass er in Nordeuropa Verwandte hat“, erklärt der Polizeisprecher Ronald Krötz. „Wir konnten Kontakt herstellen und haben erfahren, dass er sich dort befindet und dass es ihm gut geht.“

Warum der Junge heimlich zu seinen Verwandten aufgebrochen ist und welche Verkehrsmittel er benutzt hat, ist derzeit noch unklar. Auch wenn die Polizei noch auf eine offizielle Bestätigung wartet: „Er hat uns ein Bild geschickt, aus dem ersichtlich ist, dass er sich tatsächlich dort aufhält und dass das Bild aktuell ist“, verrät Ronald Krötz.

Der Vermisste war vorher nicht als Ausreißer aufgefallen

Noch am Vormittag war die Sorge groß gewesen: Die Polizei schloss weder ein Verbrechen noch einen Unfall aus – und auch nicht, dass der Elfjährige freiwillig ausgerissen sein könnte. Ins Wunnebad hatte ein Polizeihund die Ermittler geführt – irgendwo hier verlor das Tier die Spur.

Der Junge gilt als guter Schüler – „er spricht deutsch, englisch und rumänisch“, so Krötz. Marco Kelch, der Sprecher der Paulinenpflege: „Er war bei uns nicht als Ausreißer bekannt“, sagte er am Vormittag Der Elfjährige sei seit dem Mai 2018 in einer Wohngruppe im Schelmenholz untergebracht. In diesen Gruppen leben Kinder und Jugendliche, deren Eltern sie vorübergehend nicht versorgen können. Derzeit sind dies vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Details zu dem vermissten Jungen kann Marco Kelch nicht preisgeben – wohl aber, dass dieser mit seinen elf Jahren zu den jüngsten Bewohnern zählt. „Wir haben der Polizei Kleidungsstücke von ihm zur Verfügung gestellt“, sagte Kelch.

Das Kind aus Winnenden galt seit Freitag als vermisst

Laut Angaben der Polizei war das Kind von seinem Vater zusammen mit anderen Flüchtlingen nach Europa geschickt worden – ohne seine Eltern. „Es gibt im Rems-Murr-Kreis einen Onkel, aber auch der konnte uns nicht sagen, wo der Junge stecken könnte.“

Mehrere Male im Jahr gehen bei der Polizei Vermisstenmeldungen ein – wie oft, kann Krötz nicht sagen, weil darüber keine Statistik geführt werde. In den meisten Fällen handele es sich um ausgerissene Kinder, um Senioren, die von Altersheimen als vermisst gemeldet wurden, oder um Personen in psychischem Ausnahmezustand. Werden Kinder und Jugendliche vermisst, geht die Polizei selten sofort an die Öffentlichkeit. „Zunächst überprüfen wir Hinwendungsorte und Bezugspersonen. Es kommt ja immer wieder vor, dass Kinder ein paar Stunden bei Klassenkameraden bleiben“, sagt der Polizeisprecher Krötz.

Das Verschwinden des Jungen sorgte für große Aufregung

Die Stöckachschule, wo der Ausreißer am Freitag zuletzt gesehen worden war, sei von den Lehrern intensiv durchsucht worden – natürlich Fehlanzeige, zumal das Kind zu diesem Zeitpunkt wohl schon außer Landes war. Auch auf der Internetseite der Schule wurde ein Aufruf veröffentlicht. Auf einem Foto, das offenbar in der Schule aufgenommen wurde, hält der Elfjährige einen selbstgebastelten Vogel in die Kamera. Der Flüchtlingsjunge war am Freitag, 12.30 Uhr, zum letzten Mal gesehen worden, als er die Stöckachschule verließ. In seiner Wohngruppe in Winnenden war er nicht angekommen und dann als vermisst gemeldet worden.

Im Landkreis Ludwigsburg hatte in der vergangenen Woche die Meldung, Unbekannte hätten in Kleinbottwar Kinder angesprochen, für Unruhe gesorgt. Auch in Waiblingen gab es einen ähnlichen Fall – was die öffentliche Sorge um den vorübergehend vermissten Elfjährigen nicht minderte. Polizeisprecher Krötz warnte jedoch vor Panikmache: „Die Sache in Waiblingen hat sich außerdem geklärt: Der Mann wurde ermittelt, er hatte nichts Böses im Sinn.“

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