Die prorussischen Separatisten führen ihre Geiseln der Presse vor. Foto: dpa

Unbewaffnete Beobachter sollen dem Frieden den Weg bereiten. Oft werden die Blauhelme selbst Opfer von Demütigungen und Entführungen. Im Unterfränkischen Hammelburg bereitet die Bundeswehr Offiziere und Feldwebel auf Beobachtungsmissionen vor. Wir waren zu Besuch.

Unbewaffnete Beobachter sollen dem Frieden den Weg bereiten. Oft werden die Blauhelme selbst Opfer von Demütigungen und Entführungen – wie jetzt in der Ukraine. Im Unterfränkischen Hammelburg bereitet die Bundeswehr Offiziere und Feldwebel auf Beobachtungsmissionen vor. Wir waren zu Besuch.

Hammelburg - Eben noch prostete Oberst Mirko Redeimsch dem deutschen Oberstleutnant mit diesem hochprozentigen Zeugs zu, von dem die Einheimischen behaupten, es wecke Tote auf. Fünf, sechs Herzschläge später kniet der Deutsche vor dem Rebellenführer – die Hände im Nacken verschränkt. Der Lauf eines Kalaschnikow-Sturmgewehrs bohrt sich in seinen Hinterkopf. „Wer hat hier das Sagen, du Sohn einer rolligen Katze. Häh, wer, du Penner?“, wütet Redeimsch lautstark. Sein Gesicht allenfalls einen Fingerbreit vom Ohr des deutschen Militärbeobachters entfernt.

Seit Monaten herrscht Bürgerkrieg in der Rhön. Und in ein paar Tagen jährt sich zum 200. Mal auch noch die legendäre Schlacht um den Weißen Turm. An dem verdroschen die Südrhöner damals ihre Landsleute aus dem Norden bei einem Gemetzel. Seitdem ist der Wachturm, von dem aus 940 die Kaiserlichen Heinrichs I. nach den Hunnen gespäht haben sollen, das Symbol für die Trennung „Rhönlands“.

So zumindest steht es in dem Szenario, das Ausbilder des Vereinte-Nationen-Ausbildungszentrums der Bundeswehr im unterfränkischen Hammelburg für die Übung „Blue Flag – Blaue Flagge“ geschrieben haben. Sechs Tage lang sollen 24 Offiziere und Hauptfeldwebel aus neun Ländern unter Beweis stellen, was sie in den vergangenen beiden Wochen auf dem „United Nations Military Observer Cource“ (UNMOC) gelernt haben: die Waffenstillstandsvereinbarung zu überwachen, Verletzungen von Menschenrechten zu registrieren und schwierige Verhandlungen mit verfeindeten Gruppen zu führen. Wer den Kurs besteht, kann weltweit dort als unbewaffneter Militärbeobachter eingesetzt werden, wo die Vereinten Nationen oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) helfen wollen, dem Frieden einen Weg zu bahnen.

Die Beobachter würden "wie Spione" agieren

Die maskierten Männer um den Übungsoberst Redeimsch gleichen jenen Gestalten, die abendlich aus der Ukraine weltweit in die Wohnzimmer flimmern. Auch die Vorwürfe, die sich Oberstleutnant Uwe Drews im Manöver anhören muss, sind aufs Wort mit denen identisch, die in der ukrainischen Stadt Slowjansk Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow absondert: „Kartenmaterial“ hätten die Beobachter dabeigehabt – „wie eben Spione“. Deshalb seien die Militärbeobachter jetzt „Kriegsgefangene“ – im Training in der Rhön ebenso wie in der östlichen Ukraine.

„Wir wollen die Ausbildung so realistisch wie irgendmöglich gestalten“, sagt Brigadegeneral Wolfgang Krippl, der bis 2005 in Deutschland für die Ausbildung der Beobachter verantwortlich war. „Dazu gehört unabdingbar, auch das Thema Geiselnahme abzubilden.“

Zu der entwickelt sich in der Rhön die Begegnung von Oberst Redeimsch mit den beiden Militärbeobachtern, Drews und seinem russischen Kameraden, Andrej Sekunow. Unvermittelt werden den beiden Oberstleutnanten Säcke über den Kopf gestülpt. Die Militärs werden zu Boden geworfen, ihre Hände gefesselt. Dann werden sie bäuchlings in einen in der Nähe stehenden Transporter verfrachtet. „Nach zehn Minuten hast du vergessen, dass das alles eine Übung ist“, hat Drews festgestellt. „Dann ist die Ausbildung zur Realität geworden.“

Leise husten die beiden Geiseln. „So weißt du, ob dein Partner an deiner Seite ist“, hat Ausbilder Lloyd Jackson den künftigen Beobachtern in der Ausbildung mit auf den Weg gegeben. Viermal hat der Kanadier schon das blaue Barett der UN-Beobachter aufgesetzt. Hat in Ruanda „Swimmingpools voller Leichen gesehen“, ist ungezählte Male an Kontrollpunkten von Milizionären ­gedemütigt worden.

Entführte sollen ihrem Tag Struktur geben

Für die Geiselhaft hat er seinen Studenten empfohlen, ihrem „Tag eine Struktur zu geben, um der Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken“. Tipps, die gekidnappten UN-Beobachtern in der Vergangenheit bei zahlreichen Geiselnahmen das Leben retteten, wie General Maqsood Ahmed unlängst betonte. Der Pakistaner berät UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in militärischen Angelegenheiten. In seinem Stab sind die Offiziere voll des Lobes für die Ausbildung in Deutschland: „Sie gehört neben dem Training in Skandinavien, der Schweiz und in Österreich mit zu dem Besten, was es derzeit gibt.“

Seit 1999 schult die Bundeswehr in Hammelburg angehende Beobachter. Für die Aufgabe werden besonders belastbare, erfahrene Offiziere und Feldwebel ausgewählt. Seit vier Jahren kooperieren Deutschland. Österreich, die Niederlande und die Schweiz in der Ausbildung: Zwei Wochen lang werden die von allen Kontinenten stammenden Beobachter-Schüler in den nationalen Ausbildungszentren trainiert. Zusammen kommen die Auszubildenden dann, um in der Abschlussübung das Gelernte „in einem Live-Szenario anzuwenden, das wiedergibt, was uns in den Einsatzländern begegnet“, sagt der österreichische Chef-Beobachter Oberst Claus Amon.

Sein deutsches Pendant Reinhard Barz weist vor allem darauf hin, dass die Beobachter sich strikt neutral verhalten müssen, um ihre Aufgabe erfolgreich lösen zu können. Bei ihrer Entführung bei Slowjansk waren die drei deutschen Offiziere, ihr deutscher Dolmetscher, ein Däne, ein Pole, ein Tscheche und ein Schwede offenbar in Begleitung von fünf ukrainischen Militärs.

In der Rhön lügt Drews beim Verhör Übungsoberst Redeimsch an. Eine Lapalie nur – aber auf die hat der Chefrebell gewartet. Seine maskierte Soldateska reißt den russischen Begleiter Sekunow des Deutschen auf die Beine, schafft ihn aus dem Raum. Wenig später dröhnt ein Schuss durch den Wald. „Na, wie lebt es sich alleine bei uns, Drecksack“, verhöhnt der Milizenführer den deutschen Oberstleutnant.

In Hammelburg taucht dessen Partner nach dem Fehler lebend wieder zum Ende der Übung auf. Aber eben auch nur in Hammelburg.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: