Angesichts der Energiekrise könnte das Kernkraftwerk in Neckarwestheim länger laufen. Was halten die Menschen davon, die rund um den Meiler leben?
In Neckarwestheim ist die Atomkraft nie mehr als ein paar Straßenecken entfernt. Den wenigen Menschen, die an diesem Augustmorgen im Dorf unterwegs sind, bietet sich zwischen den Häusern hindurch immer wieder ein Blick hinab in die Senke südwestlich des Orts, auf die Kuppeln und Türme des Kraftwerks. Für sie ist der Atommeiler in ihrer Nachbarschaft ein alltäglicher Anblick – noch. Die 4000-Seelen-Gemeinde hatte sich darauf eingestellt, dass mit dem Atomausstieg der letzte Reaktorblock des Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) am 31. Dezember endgültig abgeschaltet wird.
Doch nun, einige Monate nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, steht diese Gewissheit infrage. Mit einem Stresstest will die Bundesregierung prüfen, ob die Energieversorgung des Landes im Winter ausreicht, wenn womöglich russisches Gas ganz ausbleibt – und beim Strom richten sich dabei die Blicke auf die noch verbleibenden Atomkraftwerke. Einen Streckbetrieb, also das längere Laufenlassen mit weniger Leistung, hält sogar der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck für denkbar, und aus der Union mehren sich die Rufe, die Meiler mit neuen Brennelementen gleich mehrere Jahre weiterlaufen zu lassen.
Sollte es so kommen, wären die Menschen in Neckarwestheim plötzlich mit einer neuen Situation vor ihrer Haustür konfrontiert – und dieses Szenario sorgt bei jenen, die an diesem Morgen im Ortskern unterwegs sind, für gemischte Gefühle. Für eine Mutter mit Kinderwagen, die sich nicht namentlich zitieren lassen will, wäre die Energiekrise Grund genug, das Kraftwerk weiterzubetreiben. „Ich bin so aufgewachsen, dass das Kraftwerk immer da war“, meint sie gleichmütig, bevor sie Richtung Rathaus davongeht.
„Eine Schande, das Kraftwerk abzuschalten“
Dort, auf dem zentralen Platz des Orts, kommt ein ehemaliger Mitarbeiter des GKN schnell ins Erzählen, als er auf das Kraftwerk angesprochen wird. Auch er, der das GKN vor wenigen Jahren Richtung Rente verlassen hat, will anonym bleiben. „Das Kraftwerk ist noch in einem Top-Zustand“, ist er sich sicher. „Eigentlich eine Schande, es abzuschalten.“ Wenn, dann müsse man es länger laufen lassen, schließlich bringe ein Streckbetrieb ja in der Summe nicht mehr Strom. „Das einzig echt Üble an der Geschichte“, gibt der Mann zu bedenken, „ist der Staat, der es in 40 Jahren nicht hingekriegt hat, die Müllentsorgung zu regeln.“
Dass der radioaktive Atommüll aus dem Kraftwerk noch auf Jahrzehnte hinaus im Zwischenlager neben der Anlage bleiben wird, war Lena Müller bewusst, als sie vor zwei Jahren in den Ort gezogen ist. Die 36-Jährige steuert mit ihrem Kind auf den Spielplatz hinter dem Rathaus zu. „Ich bin eher überrascht, dass es hier in der Gegend keine Proteste gegen die Abschaltung gibt“, meint sie. Einige Straßen weiter ist eine Frau unterwegs, die wie viele andere im Ort noch immer im GKN arbeitet – und deshalb ihren Namen nicht nennen will. Sie hält einen Streckbetrieb für sinnvoll, auch einen noch längeren Betrieb für technisch möglich – doch dafür fehle es womöglich an Fachkräften: „Wir haben uns seit Jahren auf das Ende eingestellt. Gott sei Dank gibt es hier viel älteres Personal mit Verträgen, die jetzt Rente oder Altersteilzeit vorsehen. Aber neue Leute einzulernen, macht nur für den Streckbetrieb keinen Sinn.“
Nur eine Frau, die an diesem Morgen in Neckarwestheim mit der Presse sprechen will, gibt sich klar als Atomkraftgegnerin zu erkennen. Sie könne sich höchstens einen begrenzten Streckbetrieb vorstellen. „Sauberer Strom ist das für mich nicht“, sagt sie. „Man sollte die Erde der nächsten Generation nicht so überlassen.“
Bürgermeister denkt an die Zeit nach dem Atomkraftwerk
Die Frage, wie es in Neckarwestheim nach dem GKN im Ort weitergehen soll, ist dagegen die große Aufgabe von Bürgermeister Jochen Winkler. Der Parteilose hat seit seinem Amtsantritt 2016 auf die Abschaltung hingearbeitet und die Gemeinde auf das Ausbleiben des größten Gewerbesteuerzahlers und Arbeitgebers vorbereitet. „Es ist verrückt, dass so kurz vor der Ziellinie die Debatte noch einmal losgeht“, meint er und stützt sich auf den Konferenztisch im ersten Stockwerk des Rathauses. Mit dem Streckbetrieb hätten wohl die meisten in der Gemeinde kein Problem. „Und auch ein längerer Weiterbetrieb wäre für uns rein wirtschaftlich natürlich positiv“, gibt er zu.
Doch Winkler sieht dann das Zwischenlager wieder als möglichen Streitpunkt. Im Moment reicht der Platz für die Castor-Behälter noch. Doch je mehr neuer Atommüll bei einer Laufzeitverlängerung dazukomme, desto eher würde das Lager „langsam vollaufen“, befürchtet Winkler.
Dass das Thema Zwischenlager für die Menschen in der Gemeinde schon lange ein heikles ist, kann auch der ehemalige Bürgermeister Mario Dürr bestätigen. Das ursprüngliche Versprechen für die Standortgemeinden sei gewesen, für den Betrieb des Kraftwerks im Gegenzug nicht mit dem Müll behelligt zu werden – dass man mit dem „Atomkonsens“ der frühen Nullerjahre davon abkam, habe für größeren Widerstand vor Ort gesorgt. „Ich bin 57 und werde nicht mehr erleben, dass die Castoren dort alle wegkommen“, erklärt er am Telefon. Eine Meinung, die man dieser Tage von vielen Menschen in der Gegend zu hören bekommt. Winkler und Dürr schätzen, dass damit frühestens 2050 begonnen werde – falls es bis dahin überhaupt ein Endlager gibt.
In den Nachbargemeinden regt sich Kritik
Aus den Augen, aber keinesfalls aus dem Sinn ist die Atomkraft im benachbarten Gemmrigheim. Ein Weinberg verdeckt von hier aus die Sicht auf die Schwaden des Kühlturms, doch das Atommüll-Zwischenlager befindet sich auf Gemmrigheimer Gemarkung. Wer sich im Dorf nach dem möglichen Weiterbetrieb umhört, bekommt auch hier Antworten, die auseinanderklaffen – von einer älteren Dame, die im Vorbeigehen ein verärgertes „Weiterlaufen lassen, wenn’s halt nicht anders geht!“ einwirft, bis hin zu einem bekennenden Kernkraftgegner. „Ich wäre froh, wenn das Kraftwerk am 31. Dezember ausgeht“, sagt der Mann – auch er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Als die Abschaltung damals beschlossen wurde, sei das ein „genialer Tag“ für ihn gewesen.
Gemeindepfarrer Christof Fröschle, der gerade sein Fahrrad in einer Seitenstraße abstellt, zählt ebenfalls zu denjenigen, die Atomkraft kritisch sehen. Vor Jahrzehnten habe man die Standortgemeinden mit Versprechungen geködert, meint der 62-Jährige. „Jetzt hat sich das Blatt gewendet, manche hier haben jeden Tag Angst.“ Der Pfarrer macht eine Pause, bevor er vorsichtig weiterspricht. Auch in Gemmrigheim wohnten viele Menschen, die im GKN arbeiten – die wolle er nicht verurteilen. Aber die Risiken, das Müllproblem, die halte er für nicht beherrschbar.
Doch selbst diejenigen, die Kernkraft eigentlich ablehnen, könnten sich mit einem Streckbetrieb von einigen Wochen oder Monaten abfinden. Dazu gehört Fröschle, aber auch manche Grünen-Aktive aus der Umgebung zeigen sich in diesem Punkt pragmatisch. Klaus Jähne von den Lauffener Grünen hält die Debatte um den Weiterbetrieb für „unnötig“, schließlich sei der Atomstromanteil in Deutschland inzwischen sehr gering. „Mehr als einen Streckbetrieb wird es nicht geben können und selbst da bin ich skeptisch wegen der Sicherheit“, meint der 45-Jährige am Telefon.
AKW-Gegner können sich neue Proteste vorstellen
Sein Parteikollege Ralf Roschlau, Fraktionschef in Lauffen, stand hingegen als Gegener „der ersten Stunde“ schon oft vor dem GKN, wie er sagt. Persönlich lehne er jede Verlängerung ab. Politisch würde er den Streckbetrieb „mit knirschenden Zähnen“ mittragen – und pocht darauf, sich lieber damit zu beschäftigen, wie Gas gespart und erneuerbarer Strom ausgebaut werden können. Auch im grün regierten Baden-Württemberg hinke man dabei hinterher.
Nun warten die Menschen rund um das Kraftwerk auf die Entscheidung, ob der Reaktor doch noch weiterlaufen soll. Ob dann Protest aufflammt? Herberth Würth vom Aktionsbündnis Castor Widerstand wirkt am Telefon jedenfalls keineswegs abgeklärt. Eigentlich hatte der Ludwigsburger bereits an ein Abschaltfest gedacht – und selbst dann wäre die Ära Kernkraft für ihn nicht beendet gewesen. Wenn nun die Kehrtwende kommen sollte, ist für ihn klar: „Wir würden auf jeden Fall wieder größer vor Ort demonstrieren.“ Egal, ob es um wenige Wochen oder viele Jahre geht.