Fast 20 Millionen Berufstätige haben ihren Arbeitsplatz wegen Corona zumindest teilweise in die eigene Wohnung verlagert. Es könnten noch viel mehr sein. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der Spitzenverband BDI will die Betriebsparteien entscheiden lassen, ob Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten dürfen oder nicht. Die Grünen kündigen eine Initiative im Bundestag an. Klar scheint: Das Potenzial von Homeoffice für den Infektionsschutz wird nicht voll genutzt.

Berlin - Die deutsche Industrie stemmt sich gegen strengere Vorgaben zum Homeoffice für Beschäftigte – der weiterhin rasanten Ausbreitung des Coronavirus zum Trotz. Der neue Präsident des Industrieverbands BDI, Siegfried Russwurm, machte am Dienstag in Berlin deutlich, dass er von neuen gesetzlichen Vorschriften zu diesem Thema nichts hält. „Das regeln am besten die Betriebsparteien vor Ort. Denn die kennen die konkrete Arbeitssituation“, sagte er.

Der Verband appelliere an alle Unternehmen, die Möglichkeiten des Arbeitens aus der Ferne zu nutzen. Dies sei aber nicht in allen Fällen möglich. „Das Schweißen aus dem Homeoffice, das hat noch niemand erfunden“, sagte Russwurm. Der 57-Jährige hatte das Amt des Industriepräsidenten zum Jahreswechsel von Dieter Kempf übernommen.Mit Russwurms Einlassung bezog der mächtigste deutsche Wirtschaftsverband Stellung in einer Debatte, die seit einigen Tagen zunehmend an Wucht gewinnt: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und weitere Spitzenpolitiker drängen angesichts stark steigender Corona-Fallzahlen die Unternehmen, noch stärker als bisher auf Homeoffice zu setzen. Söder, der sich für konkrete Zielvorgaben stark macht, wollte sich am Dienstag mit Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften zu einem „Homeoffice-Gipfel“ treffen. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) plant dies für die dritte Januar-Woche. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) macht in dieser Hinsicht Druck.

Gipfel im Südwesten geplant

Bundesarbeitsminister Heil, der ursprünglich ein gesetzliches Recht auf Homeoffice hatte durchsetzen wollen und dann im vergangenen Herbst vom Kanzleramt zurückgepfiffen wurde, sagte mit Blick auf die Corona-Lage: „Willkürlich Homeoffice zu verweigern, wäre jetzt unverantwortlich.“ DGB-Chef Reiner Hoffmann forderte ein Recht auf Homeoffice, wo immer dies machbar ist.

In ihren jüngsten Beschlüssen zur Verschärfung des Corona-Lockdowns hatten Bund und Länder die Arbeitgeber in der vergangenen Woche „dringend gebeten“, mehr Möglichkeiten zum Arbeiten von zu Hause aus zu schaffen. Dies ist allerdings nur ein Appell, gesetzliche Vorgaben dazu gibt es bisher nicht. In Nachbarländern wie Frankreich und Belgien gibt es aus Gründen der Corona-Prävention bereits die Pflicht zur Arbeit im Homeoffice, sofern dies möglich ist. Das soll die menschlichen Kontakte im Büro sowie in Bussen und Bahnen reduzieren. In Belgien drohen im Falle von Verstößen sogar Bußgelder von bis zu 48 000 Euro.

Die Grünen im Deutschen Bundestag kündigten am Dienstag an, noch in dieser Woche einen Antrag zum Homeoffice ins Parlament einzubringen. „Wir schauen mit Sorgen auf Landkreise mit einer hohen Inzidenz und sind alarmiert angesichts der Mutationen aus Großbritannien und Irland und dem dramatischen Anstieg der Infizierten in den Ländern“, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. In allen Bereichen müssten die Kontakte reduziert werden, auch in der Arbeitswelt. Die Bürger müssten sicher arbeiten können. „Wann immer sie es von zu Hause aus können und wollen, müssen die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verpflichtet werden, das auch zu erlauben.“

Chefs bestehen auf Präsenz im Büro

Jüngere Untersuchungen legen nahe, dass die Potenziale des Homeoffice zum Corona-Schutz in Deutschland nicht voll genutzt werden. In einer repräsentativen Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hatten 27 Prozent der befragten Erwerbstätigen angegeben, während des ersten Lockdowns im April ausschließlich oder überwiegend zu Hause gearbeitet zu haben. Während des Teil-Lockdowns im November waren es nur noch 14 Prozent. Vor Beginn der Coronakrise hatten nur vier Prozent ausschließlich oder überwiegend in der eigenen Wohnung gearbeitet.Weitere Befunde lieferte kürzlich eine repräsentative Umfrage des Digitalwirtschaftsverbands Bitkom, die im Zeitraum von Oktober bis November entstand: Demnach waren 55 Prozent der Befragten der Ansicht, dass sie ihre Arbeit zumindest teilweise auch zu Hause erledigen können. Nur 45 Prozent arbeiteten unter Corona-Bedingungen aber auch tatsächlich ganz oder teilweise im Homeoffice – was auf alle Berufstätigen hochgerechnet fast 20 Millionen Personen entspricht. Mehr als jeder Fünfte, der nicht daheim tätig war, begründete dies mit einer ausgeprägten Präsenzkultur im Unternehmen.

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