Der Angriff der Hamas, antisemitische Vorfälle in Deutschland: Michael Blume ist derzeit ein gefragter Mann. Im Interview erklärt der Antisemitismusbeauftragte des Landes, wie die offene Gesellschaft sich schützen kann – und muss.
Michael Blume empfindet es als „Last des Amtes“, Entwicklungen frühzeitig benennen, sie aber nur eingeschränkt verhindern zu können. „Man kann bestenfalls ein paar Menschen davon abhalten, das Falsche zu tun“, sagt er. Dabei hat er eine klare Vorstellung davon, wie man Antisemitismus beikommen kann.
Herr Blume, momentan sehen wir Bilder von Anti-Israel Demonstrationen in Deutschland. Ist das noch Meinungsfreiheit oder schon Antisemitismus ?
Wer sich über den Mord an anderen Menschen freut und Süßigkeiten verteilt, bewegt sich klar im Bereich von Straftaten. Das hat mit Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun.
Gibt es einen importierten Antisemitismus, wie oft behauptet wird?
Es geht gar nicht so sehr um die Unterscheidung zwischen Innen und Außen. Durch die digitalen Medien kommt die Propaganda der Hamas an jeden Schulhof. Ich halte es auch für keinen Zufall, dass die Hamas oder zuvor der sogenannte Islamische Staat Terror offen zeigen. Die Nazis haben ihre Morde noch versteckt. Heute werden die antisemitischen Verbrechen direkt ins Internet gestellt. Das sollten wir sehr ernst nehmen, denn wenn es Terroristen gelingt, Leute auf diesem Weg zu radikalisieren, dann ist die Bedrohung auch mitten in unseren Städten.
Warum haben die Terrorbilder der Hamas einen radikalisierenden und nicht einen abschreckenden Faktor?
Die Hamas teilt die Menschen in zwei Gruppen: in die eigene und die vermeintliche Feindesgruppe. Ihr ist es völlig egal, wenn 90 Prozent der Bevölkerung sagen, das ist ja furchtbar, was da geschieht. Für ihre Terrorkampagne reicht es, wenn sie damit zehn Prozent der Leute auf ihre Seite bekommt. Die Schockbilder zwingen die Betrachter, sich für eine Seite zu entscheiden. Dadurch sollen liberale Gesellschaften gespalten werden.
Wie geht eine offene Gesellschaft mit solchen Phänomenen um?
Hans Blumenberg, der Holocaust-Überlebende und Philosoph, hat das so formuliert: „Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.“ Das heißt die Beschleunigung, die wir durch die elektronischen Medien haben, bringt Menschen dazu zu verrohen und sich zu radikalisieren. Dagegen helfen zum Beispiel Qualitätsmedien. Eine Zeitung ist ein vergleichsweise ruhigeres Medium. Es ist wichtig, auf die Qualität von Medien zu achten, und sich Zeit für gründlich recherchierte Informationen zu nehmen. Unsere klassische Republik basiert auf Zeitung, auf Parlament und auf Ausdiskutieren. Genau das wird durch sozialen Medien gerade gesprengt. Und wenn aus der Emotionalität heraus dann einfach daher geredet wird, dann kommt so etwas raus wie jetzt bei Lanz und Precht, wo man sich fragt, wie gebildete Menschen Anfang des 21. Jahrhunderts noch solche antisemitischen Ressentiments von sich geben können. Ihre jetzt gesendete Klarstellung hat gezeigt, dass sie auch sachliche Kritik noch gar nicht annehmen und sich nicht damit auseinandersetzen. Hier ist das ZDF gefordert.
Der Antisemitismus scheint wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Hätten Sie das für möglich gehalten?
Der Antisemitismus war niemals weg. Er war immer da. Das haben wir auch bei den Querdenkern gesehen. Ich gehe sogar soweit zu sagen, wir alle – mich eingeschlossen – sind unbewusst mit antisemitischen, rassistischen, sexistischen Traditionen aufgewachsen. Die Frage ist nicht, ob wir sie haben, sondern, ob wir uns die Zeit nehmen, sie aufzuarbeiten. Und das nicht erst in einer Krisensituation. Wir sollten möglichst früh damit anfangen.
Wieviel davon ist Uninformiertheit und wieviel tatsächlich Antisemitismus?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Viele Menschen meinen immer noch, Semiten seien eine Rasse aus Juden und Arabern. Das ist eine sachlich falsche Aussage, die zum Rassismus und Antisemitismus führt. Der Noah-Sohn Sem war laut jüdischer Bibelauslegung der erste Gründer einer Schule. Das Judentum ist die erste Religion der Alphabetisierung. Der Begriff Bildung kommt direkt aus dem 1. Buch Mose. Vermeintlich harmloses Halb- oder Nichtwissen kann in einer Krise dazu führen, dass Leute völlig falsch abbiegen. In der Forschung unterscheiden wir zwischen latentem Antisemitismus, der quasi schlummert, und dem manifesten Antisemitismus, der dann ausbricht. Die Hamas versucht, den latenten Antisemitismus zu triggern, um damit junge Menschen dazu zu bringen, dass sie Hakenkreuze sprühen oder Menschen angreifen.
Tauchen an Schulen vermehrt Nazi-Symbole auf?
Es gibt praktisch keine Schule in Baden-Württemberg, die nicht schon Hakenkreuz-Schmierereien erlebt hat. Es gibt nur Schulen, die darüber sprechen, und solche, die versuchen, darüber zu schweigen. Erfreulicherweise setzen sich immer mehr Schulen aktiv damit auseinander. Ein tolles Beispiel ist die Jerg-Ratgeb-Realschule in Herrenberg, die eine Ausstellung zum Thema Holocaust organisiert hat. Als diese Ausstellung von zwei Schülern angegriffen wurde, hat sie vorbildlich reagiert, indem sie ihre Arbeit gegen Antisemitismus verstärkt hat. Das ist genau der Spirit, den ich mir wünsche.
Wieviel lässt sich mit Bildung bewirken?
Junge Leute wissen oft gar nicht, was sie tun, wenn sie sich antisemitisch äußern, sie schnappen es meist auf. Das ist genau der Punkt, an dem wir rein müssen: Bei jungen Menschen können wir durch Bildung die Radikalisierung noch stoppen. Bei Männern über 40 ist es dann schon verfestigt. In meinem neuen Antisemitismusbericht bitte ich nur in einem einzigen Bereich um mehr Geld, und das ist der Bildungsbereich. Wir bekommen so viele Anfragen von Schulen und Hochschulen, die um Unterstützung bitten. Auch Lehrkräfte merken, dass sie oft nicht das Wissen haben, um mit dem Thema angemessen umzugehen. So etwas Komplexes wie den Israel-Gaza-Konflikt kann man nicht mal so aus der Hüfte erklären. Mir sagen Lehrerinnen und Lehrern sehr deutlich: Wenn ihr uns dafür keine Fortbildung anbietet, dann vermeide ich das Thema im Unterricht. Und dann bleibt der Antisemitismus an den Schulen unbearbeitet. Train the Trainers heißt die Devise.
Was kann man aktuell an Schulen tun? Was können Sie als Antisemitismusbeauftragter bewirken?
Wir haben während der Pandemie einen Podcast zu Verschwörungsfragen aufgesetzt. Da kann jeder sich mit antisemitischen Verschwörungsmythen auseinandersetzen. Das kostet nichts. Sich selbst zu informieren und sich vor Antisemitismus und Rassismus zu schützen, ist immer der erste Schritt.
Junge Leute engagieren sich für Fridays für Future, andere wählen neuerdings aber auch die AfD. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Wir erleben, dass es viele Jugendliche gibt, die zurück wollen in eine vermeintlich heile Vergangenheit – und sagen, dieses politische System funktioniert für sie nicht mehr. Das ist kein Protestverhalten, sondern einige wollen wirklich das bestehende System sprengen. Diese Entwicklung darf uns nicht kalt lassen.
Wie ist aktuell die Situation der jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg?
Die Sorge ist riesengroß. Für viele Jüdinnen und Juden war Israel immer so etwas wie eine Notfallversicherung: Falls die Demokratie in den USA oder in Deutschland zusammenbricht, kann ich immer noch nach Israel gehen. Diese Versicherung ist jetzt auch erschüttert. Man kann sich vorstellen, dass sehr viele jüdische Menschen derzeit tief verunsichert und teilweise verzweifelt sind. Da wäre es die Aufgabe von Medien, Sicherheit und Vertrauen herzustellen.
Am Montag nach dem Terrorangriff gab es in Stuttgart eine große Kundgebung auf dem Marktplatz. Das wurde bei der jüdischen Gemeinde sehr positiv wahrgenommen. Aber was kann man auf längere Sicht tun, damit Juden diese Solidarität spüren?
Ich merke deutlich, dass Städte wie Stuttgart oder Pforzheim, wo es einen Rat der Religionen gibt und wo sich die Leute kennen gelernt haben, deutlich besser durch die Krise kommen. Wenn etwas passiert auch füreinander da sind. Das ist auch meine Lehre aus vergangenen Krisen: Beginnt jetzt mit Gesprächen zwischen den Religionen. Da kann auch jede Bürgermeisterin und jeder Gemeinderat Akzente setzen. Auch im Bereich Jugend und Bildung können Städte sehr viel Gutes bewirken.
Es ist auffallend, dass die muslimischen Verbände sich bisher kaum geäußert haben. Kommt da noch etwas?
Die Zusammenarbeit mit den muslimischen Vereinen ist Teil meiner Aufgabe, und ich sehe deutliche Unterschiede. Manche Verbände arbeiten wirklich gegen Antisemitismus. Manche würden das gerne, bekommen es aber nicht genehmigt. Ditib ist ein Beispiel dafür, wo die Leute unter Umständen gar nicht mehr selbst entscheiden dürfen, wie sie sich äußern. Und es gibt islamische Gemeinden, die nicht mit mir zusammenarbeiten wollen. Generell muss man sagen, dass die muslimischen Verbände das Problem haben, dass sie immer weniger Mitglieder haben, dadurch fehlen Einnahmen und deshalb sind sie auch sehr abhängig von ausländischen Geldgebern. Der türkische Staat bezahlt Imame oder arabische Stiftungen überweisen Geld. Ich halte das für keine gute Entwicklung. Wir haben es dann mit Ehrenamtlichen zu tun, die ihre Anweisungen aus dem Ausland bekommen.
Nicht nur den christlichen Kirchen laufen die Leute davon.
Genau. Wir haben eine massive Säkularisierung auch durch die Digitalisierung. Ein Teil der Menschen wird völlig säkular, ein anderer Teil zieht sich in dualistische radikale Blasen zurück. Was zusammenbricht, ist die vernünftige Mitte. Wir haben diese Radikalisierung in allen Religionen, auch etwa im Hinduismus. Das wird hier in Deutschland noch gar nicht gesehen.
Wo werden wir in einem halben Jahr stehen?
Die Tatsache, dass in Polen gerade Demokraten gewählt wurden und in einem Land der Rechtsruck vorerst gestoppt ist, gibt mir eine winzige Hoffnung, dass der digitale Rechts- und Radikalisierungsruck, den wir weltweit haben, noch nicht das letzte Wort ist. Israel wird den Gazastreifen nicht auf Dauer besetzen wollen. Ich halte es für möglich, dass aus dieser Verzweiflung und dem Scheitern des Terrors, wenn die Hamas so bezwungen wird wie der Islamische Staat, dass es dann zu einer Friedenslösung kommen kann. Im Moment ist die Zwei-Staaten-Lösung völlig unrealistisch, weil die Israelis sagen, wir haben uns aus Gaza zurückgezogen und das Ergebnis ist nur Terror. 2024 wird ein entscheidendes Jahr werden.
Was kann ein Antisemitismusbeauftragter überhaupt leisten?
Als ich 2018 in das Amt gekommen bin, haben mir viele gesagt: Michael, du wirst die Leute nur nerven, das will niemand hören. Aber das Thema ist angekommen, auch in der Politik. Ich habe schon in der CDU-Fraktion geladen,
sprach beim Parteitag der Grünen und habe auch schon eine Einladung der SPD-Fraktion. Die demokratischen Parteien interessieren sich ehrlich.
Die AfD hat Sie aber noch nicht eingeladen?
Nein. Es kam mehrfach die Anfrage und ich habe immer gesagt, wenn mich die AfD insgesamt einladen würde, stünde ich für ein nichtöffentliches Gespräch selbstverständlich zur Verfügung. Es gibt aber innerhalb der AfD riesige Unterschiede, auch jetzt in der Israel-Gaza-Krise. Ein Teil stellt sich auf die Seite von Israel, ein anderer Teil steht näher zur Hamas. Die AfD hat ihr internes Verhältnis zum Antisemitismus überhaupt nicht geklärt und duldet Leute wie Björn Höcke in ihren Reihen.
Von dem Kolumnisten Henryk Broder mussten Sie sich die Bemerkung gefallen lassen, Sie seien Antisemitismusbeauftragter geworden, hätten aber eigentlich Beauftragter für erneuerbare Energien werden wollen.
Das hat er nur wenige Wochen vor dem Angriff von Putin auf die Ukraine gesagt. Er hat mich verspottet, aber jetzt erleben wir genau das, dass wir durch unseren Hunger nach fossilen Energien Länder wie Russland, den Iran oder Katar selber finanzieren. Die deutsche Rechte, auch in den Medien, hat in Sachen Energiewende strategisch versagt.
Sie können trotz allem noch lachen. Woher kommt Ihre Fröhlichkeit?
Ich habe ein fröhliches Naturell und den christlichen Glauben. Klar kann man nicht jeden Hass besiegen, aber ich sage mir immer: jede Seele zählt.
Zur Person
Werdegang
Michael Blume wurde 1976 in Filderstadt geboren. Nach einer Bankausbildung studierte er Religions- und Politikwissenschaften in Tübingen und promovierte dort zu Religion und Hirnforschung. Seit 2003 arbeitet er im Staatsministerium. 2015/2016 leitete er dort die Projektgruppe „Sonderkontingent für besonderes schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“. Bis 2020 war er Leiter des Referats „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten, Projekte Nordirak“. Seit 2018 ist er Antisemitismusbeauftragter des Landes. Daneben betätigt er sich als Buchautor, Blogger und Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe. Seit März 2020 klärt er in seinem Podcast „Verschwörungsfragen“ über Antisemitismus und Verschwörungsmythen auf. Blume ist evangelischer Christ und mit einer Muslimin verheiratet. Das Ehepaar hat drei Kinder. red