Die Schüler schlüpfen in die Rolle der Kammer – die schwarzen Roben sind allerdings noch etwas groß. Foto: Ines Rudel

Einblicke in den Gerichtsalltag haben Schüler in Nürtingen bekommen. Ein Angeklagter ist gleich mal zu spät erschienen. Der Vorwurf lautet auf schwere Körperverletzung.

Nürtingen - Wenn Sie etwas beschlagnahmen, hauen Sie dann mit dem Hammer auf den Tisch?“, fragt ein Junge bei einem Besuch am Montagnachmittag im Amtsgericht Nürtingen die Richterin Sabine Lieberei. Der Schüler hat dabei entsprechende Bilder aus dem Fernsehen im Kopf. Die Amtsrichterin schmunzelt. „Nein, sagt sie, aber wenn es nötig ist, dann schlage ich mit der Faust auf den Tisch“, erklärt die für ihre Resolutheit bekannte Sabine Lieberei und demonstriert dies eindrucksvoll mit einem Hieb auf die Holzplatte.

Piepsende Handys sind im Sitzungssaal unerwünscht

Etwas zu beschlagnahmen ist gewiss nicht die Hauptaufgabe einer Richterin oder eines Richters, erfahren die 25 Schülerinnen und Schüler zu Beginn ihres Besuchs. Der Fachbereich Zeugen- und Prozessbegleitung von Prävent Sozial hatte die Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren im Rahmen des Ferienprogramms dazu eingeladen, den Gerichtsalltag kennenzulernen. Die gemeinnützige Einrichtung setzt sich im Großraum Stuttgart für Resozialisierung, Kriminalprävention und Opferschutz ein.

Hin und wieder muss eine Richterin allerdings Gegenstände einziehen, oder zumindest damit drohen. Denn als im Sitzungssaal 1 plötzlich ein Smartphone klingelt, wird Sabine Lieberei deutlich. „Das erste Handy, das ich noch einmal höre, wird beschlagnahmt“, sagt die Vorsitzende der Kammer in scharfem Ton. Allerdings fühlt sich keines der Kinder angesprochen. Es ist das Handy des Verteidigers, das beim Empfang einer Nachricht soeben gepiepst hat. Der Anwalt gibt sich reumütig. „Das war meins“, gibt er zu.

Zwei mutmaßliche Geldeintreiber sitzen auf der Anklagebank

Bei aller Situationskomik geht es hier um eine ernste Sache. Angeklagt sind zwei junge Männer, denen schwere Körperverletzung und Nötigung vorgeworfen wird. Einer der Angeklagten ist pünktlich erschienen, der andere hingegen verspätet sich knapp eine halbe Stunde – laut eigenen Angaben, weil er sich noch um sein fünfjähriges Kind kümmern musste, das hingefallen war und sich dabei verletzt hat.

Verspäteter Beginn, weil einer der Prozessbeteiligten fehlt – die Gruppe wird gleich am Anfang mit einer typischen Situation aus dem Gerichtsalltag konfrontiert. Schließlich sind alle anwesend – natürlich auch der Staatsanwalt, der jetzt die Anklage verliest.

Die Arrestzellen sind für die schwereren Jungs reserviert

Die beiden 27 und 28 Jahre alten, jeweils auffällig tätowierten und muskelbepackten Männer sollen am Abend des 30. Januar zusammen mit einem weiteren Komplizen in einem Wendlinger Tattoo-Studio aufgetaucht sein und von dessen Besitzer 2500 Euro gefordert haben – dies im Auftrag einer Frau, welcher der Studio-Betreiber das Geld angeblich schulde. Auf die Weigerung des Besitzers und dessen Ankündigung hin, die Polizei zu rufen, soll das Trio den Mann mit Faustschlägen ins Gesicht und Tritten malträtiert haben. Doch gelang es dem Opfer noch, per Telefon die Polizei zu alarmieren.

An dieser spannenden Stelle verlässt die Besuchergruppe die Sitzung und setzt ihren Gang durchs Gerichtsgebäude in Begleitung der Amtsgerichtsdirektorin Sabine Kienzle-Hiemer fort. Zu den Stationen zählen auch die Arrestzellen, die für die schwereren Jungs reserviert sind, die in Haft sind und dann teils auch gefesselt vorgeführt werden.

Im Beratungszimmer wird über das Strafmaß entschieden

Die Zellen sind spartanisch eingerichtet. Eine Toilette, geflieste Böden und Wände, eine Holzbank und ein fest installierter Tisch für Schreibzwecke – das war’s. „Wir sind kein Luxushotel“, bringt Sabine Kienzle-Hiemer die übersichtliche Ausstattung auf den Punkt. Schließlich schlüpfen die Kinder auch in die Rolle des Gerichts, dazu gehören auch die obligatorischen schwarzen Roben.

Von einem Sitzungssaal geht es dann in ein Beratungszimmer – dorthin, wo die Kammer am Ende das Urteil fällt. „Hier kommt ihr sonst nicht wieder hin“, erklärt die Gerichtsdirektorin – außer natürlich das eine oder andere Kind tritt später einmal in die Fußstapfen von Sabine Kienzle-Hiemer und ihren Kollegen.

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