Der 20-jährige Briefmarken-Sammler Kevin Weigt aus Neuwied in Rheinland-Pfalz betrachtet einen Brief seiner Sammlung, der 1873 von Princeton (Massachusetts) in die Schweiz versendet wurde. Foto: Thomas Frey/dpa

Vor 70 Jahren kamen die ersten Briefmarken der Deutschen Post heraus. Wie andere Vereine klagen heute auch die Philetalisten über Nachwuchsmangel. Ist Briefmarken-Sammeln nur noch etwas für Ältere?

Bonn/Neuwied/Stuttgart - Steil aufragende Dachbalken: Die ersten beiden Briefmarken der Bundesrepublik zeigen zur Eröffnung des Bundestags ein Richtfest. Erschienen sind sie vor 70 Jahren – am 7. September 1949. Seitdem haben in Deutschland Hunderttausende Sammler Millionen Briefmarken aufbewahrt. Heute ein angestaubtes oder sogar aussterbendes Hobby?

„Die meisten Personen stellen sich das Briefmarkensammeln langweilig und einseitig vor. Doch das ist nicht der Fall“, versichert Samuel Schnitzler in Ruppach-Goldhausen bei Montabaur im Westerwald. Der 17-Jährige kann sich für sein Hobby begeistern. Einer der Briefe seiner Sammlung sei per Space Shuttle zur Internationalen Raumstation ISS geflogen und dort abgestempelt worden. „Nicht viele Leute können behaupten, einen Gegenstand, der bereits im Weltall war, zu besitzen.“

Philetalisten-Vereinen fehlt der Nachwuchs

Doch die Philetalisten-Szene plagen Nachwuchssorgen. Der Vorsitzende des Vereins Deutsche Philatelisten-​Jugend, Heinz Wenz in Trier, ist selbst ein Sinnbild dafür: Mit 69 Jahren hat er nach eigenen Worten noch keinen Nachfolger gefunden. „Wir haben ungefähr 2000 Mitglieder in Deutschland“, sagt er. „Mit unseren Arbeitsgemeinschaften in Schulen sind es 4000.“ In den 1990er Jahren habe der Jugendverband noch rund 15 000 Mitglieder gezählt – ohne Gruppen in Schulen.

Die Zahl der Briefmarkensammler in Deutschland schätzt Reinhard Küchler, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Philatelisten (BDPh), auf ein bis zwei Millionen. Rund 30 000 von ihnen seien in den etwa 900 Vereinen organisiert.

Zahl der Sammler sinkt permanent

Die Tendenz ist eindeutig: Häufig wird in sehr jungen Jahren das Interesse für die bunten Marken geweckt. Mit Hilfe der Eltern oder Großeltern werden sie in mühevoller Kleinarbeit von Briefen und Postkarten abgelöst und akribisch ins erste Sammelalbum einsortiert. Mit der Pubertät rücken andere Interessen in den Vordergrund und die Alben landen im Keller, wo sie langsam verstauben.

Gründe für den Rückgang gebe es viele: mehr digitale Kommunikation, weniger Post mit klassischen Briefmarken, neue Freizeitfresser wie Computer und Handys, weniger Freiwillige für Jugendarbeit, erklärt der pensionierte Mathematik- und Physiklehrer Wenz. Die Deutsche Post hat nach eigener Auskunft 2001 noch 9,3 Milliarden Briefe befördert. 2018 waren es nur noch 7,7 Milliarden.

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Altersdurchschnitt der Mitglieder: 60 plus

Kevin Weigt (20) aus Neuwied schwärmt: „Briefmarkensammeln ist unheimlich vielseitig.“ Es gebe unzählige Spezialgebiete, es lasse sich so viel Neues lernen. Der Lehramts-Student späht mit einer Leuchtlupe auf einen frankierten Brief. „Ich sammle Schweizer Postverkehr von 1849 bis 1875.“

Dabei nutze er auch das Internet. „Da gibt es Foren, da kann man sich mit anderen Sammlern austauschen.“ Auf 40 bis 50 Jahre schätzt Weigt den Altersdurchschnitt in den Vereinen – und auf 60 plus in den Vereinen für Erwachsene.

Ein sammelnder Nachbar habe ihn als Kind zu diesem Hobby gebracht. Mit 14 habe er in Wiesbaden ein Praktikum „im ältesten Briefmarken-Auktionshaus Deutschlands“ gemacht. „Die meisten in meiner Schulklasse fanden mein Hobby ganz gut“, erzählt. „Einige haben aber auch gefragt, ob das nicht eher was für Opas wäre.“

„Eine Briefmarke ist etwas Handfestes

Die Deutsche Post verdient auch mit Briefmarken-Sammlern Geld. 26 „Philatelie-Shops“ in Postfilialen großer Städte haben auf sie zugeschnittene Angebote. Zu Messen und Ausstellungen mit Briefmarken fahren „EB-Teams“, sagt Postsprecher Erwin Nier in München.

EB stehe für „Erlebnis Briefmarke“ – Sammler erhielten bei diesem mobilen Vertrieb der Post Marken, Sonderstempel und manches mehr. „Da kommen auch viele Kinder bis 14“, erklärt Nier. „Dann bricht es für zwei Jahrzehnte ein. Mit 35, 40 Jahren geht es wieder weiter.“

Samuel Schnitzler findet, sein Hobby lohne sich gerade heute. „Eine Briefmarke ist etwas Handfestes – somit ein guter Ausgleich zur digitalen Flut und auch eine gute Möglichkeit, sich vom Alltag zu entspannen.“

Mit seinen 17 Jahren gehört er zu den Ausnahmen. Schnitzlers Sammelgebiete sind Briefumschläge mit Stempeln von „raumfahrtbezogenen Postämtern, zum Beispiel des Kennedy-Space-Centers“, Weihnachtsmarken und Briefmarken mit Napoleon-Motiven. „Es ist schön, diese Sammlung Tag für Tag wachsen zu sehen, und auch das Auffinden neuer Napoleon-Marken, ähnlich einer Schatzsuche, macht mir viel Spaß.“

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Marken werden immer günstiger

Briefmarkensammler werden stetig weniger, doch für Aktive seien das paradiesische Zustände, findet Johannes Feifel, der dem Württembergischen Philatelistenverein Stuttgart 1882 e.V. seit mehr als 13 Jahren vorsteht.

Der Verein ist einer von fast 130 Sammler-Gruppen, die im Landesverband Südwestdeutscher Briefmarkensammler-Vereine – einer von insgesamt zwölf Landesverbänden des BDPh – organisiert sind. „Während man sich Marken früher vom Mund absparen musste, schwimmt man heute im Material“, schwärmt Feifel. 99 Prozent der Marken seien in den vergangenen Jahren günstiger geworden.

Für Feifel gibt es gute Gründe, das antiquiert anmutende Hobby zu betreiben. „Jede Marke transportiert eine Botschaft, erzählt eine Geschichte – und gestempelte Marken gleich mehrere, denn der Stempel verrät Ort und Datum des Briefs.“ Auch Feifel hat, wie die meisten Philatelisten, eine Nische gefunden: „Ich sammle Briefumschläge aus dem spanischen Bürgerkrieg“, sagt er.

Hobby mit unendlichen vielen Nischen

Gehandelt werden Briefmarken bei Internetauktionen, aber auch in klassischen Auktionshäusern und auf Sammlerbörsen. Für spezielle Themen haben sich Arbeitsgemeinschaften gebildet. Unverzichtbar ist für Sammler das Wälzen von Fachkatalogen wie dem „Michel“, ein regelmäßig neu aufgelegtes Standard-Werk, das Markenserien in allen Details auflistet.

Nicht unwichtig sei aber auch der soziale Aspekt, erklärt Feifel. „Zusammen sammeln macht mehr Spaß.“ Das gängige Klischee des einsamen Briefmarkensammlers im stillen Kämmerlein bestätigt er trotzdem. Auf 90 Prozent treffe das wohl zu. Aber eben nicht auf alle: „Etwa 30 000 Sammler sind wie wir organisiert.“

Im Verein gebe es wertvolle Ratschläge, wie man systematisch sammelt. Anfänger seien jederzeit herzlich willkommen. Auch die Philatelisten-Grundausstattung steht Mitgliedern zur Verfügung: neben dem Album gehören dazu Lupe und Pinzette, mitunter auch eine Infrarot-Lampe, um die Oberflächenstruktur der Briefmarke genau zu untersuchen.

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Als Wertanlage taugen Briefmarken nur bedingt

Einzelne Briefmarken erzielen bei Auktionen Rekorderlöse. Doch davon sollte man sich nicht blenden lassen. Denn als Wertanlage taugen Briefmarken nur bedingt. „Man sollte das Sammeln lieber als Hobby betreiben“, rät Uwe Decker, der frühere Präsident des Bundes Deutscher Philatelisten.

Zwar könnten bekannte Marken wie etwa der Sachsen-Dreier in sehr guter Qualität eine Wertanlage sein. Zu beachten sei aber: Briefmarken haben keinen geregelten Marktpreis, im Gegensatz etwa zu Gold. Decker: „Im Einkauf liegt der Gewinn. Wer zu viel Geld ausgibt, wird die Marke nie gewinnbringend verkaufen.“

Exklusive Einzelstücke bringen die beste Rendite

Sammler tendieren laut Decker zu Qualität und Spezialisierung, „etwa gute Zähnungen, sauber lesbare und mittig gesetzte Stempel oder Belege mit besonderen Versendungsformen“. Gerade Marken aus den Sammelgebieten Altschweiz, Altdeutschland sowie den deutschen Kolonien in Top-Qualität seien gefragt. Nachkriegsausgaben aus der Bundesrepublik Deutschland, Berlin und der DDR hätten kaum Aussichten auf Wertsteigerung, weil das Angebot zu groß ist.

Allgemein brächten exklusive Einzelstücke mehr Rendite als ganze Sammlungen, hat der Experte beobachtet. „Wer in der Philatelie Geld in Marken anlegen will, selbst aber kein Sammler oder Experte ist, sollte sich unbedingt von einer Vertrauensperson beraten lassen.“ Entweder bei Verbänden, Auktionatoren oder im Fachhandel. „Denn bei Briefmarken gibt es einfach zu viele Details, die entscheidend sind.“

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