Stefanie Lenk ist in Ost-Berlin geboren. „Ich fühle mich als Ostdeutsche – obwohl ich 1988 geboren bin“, sagt sie. „Die Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin und welche Werte mir mitgegeben wurden, unterscheidet sich von Gleichaltrigen aus Westdeutschland, glaube ich. Zum Beispiel wurde mir beigebracht, erst einmal an die Bedürfnisse der Gruppe zu denken und mich selbst hinten anzustellen.“ Unsere Bildergalerie zeigt, wie junge Menschen über die Wiedervereinigung denken. Foto:privat Foto:  

Vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Was denken junge Menschen darüber? Sehen Sie noch eine Kluft in ihrem Land? Vier junge Leute aus Ost und West berichten.

Stuttgart - 30 Jahre ist es her, dass Deutschland wiedervereinigt wurde. Dochknapp zwei Drittel der Deutschen halten das Zusammenwachsen von Ost und West nach wie vor nicht für abgeschlossen. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sagten 64 Prozent, dass dafür der Unterschied der Lebensverhältnisse noch zu groß sei. Nur 24 Prozent meinten dagegen, die Einheit sei vollendet. 12 Prozent machten keine Angaben.

Wie denken junge Leute, die in der Zeit des Mauerfalls oder später geboren wurden? Was verbinden sie mit dem 3. Oktober? Hier berichten vier junge Menschen aus Ost- und Westdeutschland.

Lisa Vieth, 31, aus Bönnigheim im Landkreis Ludwigsburg

„Ich bin in Bönnigheim im Landkreis Ludwigsburg aufgewachsen, aber ich habe entfernte Verwandte aus Ostdeutschland. Lange Zeit gab es gar keinen Kontakt zu ihnen. Erst in den letzten Jahren kommen sie wieder gelegentlich zu Familienfesten. Ich bin neugierig darauf, wie das Leben in der DDR war und hätte manche Fragen.

Wenn ich mehr über den Alltag damals wüsste, könnte ich vielleicht besser verstehen, ob es heute noch Unterschiede gibt. Aber ich traue mich bei solchen Familienfesten oft nicht so recht, das Thema anzusprechen – aus Angst, dass dann Wut oder Trauer bei meinen Verwandten hochkommen könnte und aus Sorge, dass sie sich darüber ärgern könnten, wie wenig ich über die Geschichte weiß. Nur ist es eben für meine Generation so, dass wir Deutschland ja gar nicht mehr als geteiltes Land erlebt haben.

In Ostdeutschland unterwegs war ich bislang nur an der Küste. In größeren ostdeutschen Städten wie Leipzig oder Dresden war ich noch nie, würde da aber gerne mal hinfahren. Abgesehen von meinen Verwandten kenne ich keine Ostdeutschen. Woher jemand kommt, ist mir aber auch egal – Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern sind für mich genau so Deutschland wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern. Generell finde ich es gut, dass es mit dem 3. Oktober einen Feiertag gibt, der an die Geschichte erinnert – auch wenn mir der Tag auf der Gefühlsebene nichts bedeutet. Ich fühle mich an dem Tag nicht anders als an anderen Tagen auch.“

Stefanie Lenk, 32, aus Ost-Berlin

„Für mein Leben spielt es auf jeden Fall eine Rolle, dass ich in Ostdeutschland aufgewachsen bin – auch wenn ich 1988 geboren wurde. Und das geht nicht nur mir so. Viele Leute von meiner alten Ost-Berliner Schule würden sich als ostdeutsch bezeichnen. Die Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind und welche Werte uns mitgegeben wurden, unterscheidet sich glaube ich schon stark von Gleichaltrigen aus Westdeutschland. Ich hatte eine tolle Kindergärtnerin, und sie hat zum Beispiel immer ganz klar gemacht: Die Leute in dieser Kindergartengruppe sollen ihr Leben lang zusammenhalten. Uns wurde beigebracht, erst einmal darüber nachzudenken, was die anderen, was die Gruppe für Bedürfnisse hat und sich selbst hinten anzustellen.

Ich glaube, dass die Erwachsenen kurz nach der Wende sehr genau überlegt haben, welche Werte sie ihren Kindern mitgeben wollen. Das hat mein weiteres Leben auch ganz praktisch geprägt. Zum Beispiel habe ich den Eindruck, dass westdeutsche Freunde von mir oft souveräner auftreten und strategischer darüber nachdenken, wie sie sich zum Beispiel bei der Arbeit oder generell im Leben durchsetzen können.

Ich wäre zum Beispiel niemals auf die Idee gekommen, mich bei einem „Begabtenförderungswerk“ für ein Stipendium zu bewerben. Schon allein das Wort kam mir komisch vor. Beworben habe ich mich erst, nachdem ein westdeutscher Freund mich dazu ermutigt hat – und ohne das Stipendium hätte ich wohl nie im Ausland studiert. Außerdem gibt es handfeste ökonomische Unterschiede. Bei meinen westdeutschen Freunden werde ich im Schnitt immer davon ausgehen müssen, dass sie zum Beispiel mehr erben als ich.“

Alexander Wilms, 32, aus Erkelenz in Nordrhein-Westfalen

„Zur Wiedervereinigung habe ich gar keine Verbindung. Ich bin im tiefsten Westen aufgewachsen – in Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Bei uns zu Hause waren die Teilung Deutschlands oder Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nie ein Thema. Ich war das erste Mal mit 25 Jahren im Osten – bei einer Reise nach Berlin. Natürlich habe ich mir da die Mauer angeguckt und andere Sehenswürdigkeiten, die an die Geschichte erinnern. Aber ich bin eben in einer Zeit aufgewachsen, in der Deutschland ein Deutschland war, deshalb stellt sich die Frage für mich gar nicht. Die einzigen Menschen aus Ostdeutschland, die ich persönlich kenne, sind Verwandte von meiner Freundin. Der Kontakt ist aber sehr sporadisch.

Aus meiner Sicht ist das große Thema für meine Generation nicht die Wiedervereinigung, sondern die offenen Grenzen in Europa – auch wenn beides historisch natürlich miteinander zusammenhängt. Ich bin zwanzig Kilometer von der holländischen Grenze aufgewachsen. Da sind mit dem Thema auch Emotionen verbunden. Ich fahre oft nach Holland zum Kitesurfen und ich bin froh, dass das ohne jede Passkontrolle oder Stau möglich ist.

Das ist schon ein großer Unterschied im Vergleich zur Generation meiner Eltern – und die Nähe zu Holland war bei uns zu Hause auch viel eher Gesprächsthema als die Wiedervereinigung. Innerhalb der EU viel und frei zu reisen ist für meine Freunde und mich völlig selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken. Erst vor ein paar Wochen haben zum Beispiel zwei Freunde von mir in Dänemark geheiratet.“

Maja Witt, 15, aus Kammerforst in Thüringen

„Mit dem 3. Oktober verbinde ich nicht viel. Manchmal sprechen wir in der Schule über die Wiedervereinigung. Aber abgesehen davon denke ich so gut wie nie an das Thema. Ich bin in Kammerforst aufgewachsen, einem kleinen Ort in Thüringen zwischen Eisenach und Mühlhausen. Ab und zu erzählt mein Papa, wie das damals war in der DDR. Ich höre dann zwar zu – aber so doll interessieren mich die Geschichten ehrlich gesagt nicht. Das ist einfach schon so lange her! Sogar meine Mama war noch ein Kind, als die Berliner Mauer fiel.

Dass jemand Vorurteile hat oder mich hänselt, weil ich aus Ostdeutschland komme, habe ich noch nie erlebt. Klar, manchmal machen meine Freunde und ich Späße über Ost und West. Da fällt mir zum Beispiel eine Konfirmation ein, bei der auch Verwandte aus dem Westen da waren. Die waren am schnellsten betrunken. ‚Der Westen feiert gut, der Osten feiert besser’, ist so ein Spruch, den man ab und zu hört. Oder es gibt Witzeleien, wenn jemand aus dem Westen bei einer Feier nicht so gut drauf ist und keine Party-Stimmung macht. Aus meiner Sicht sind das Späße, da geht es nicht um echte Vorurteile.

In der nächsten Zeit möchte ich erst einmal in Thüringen bleiben. Ich bin jetzt in der zehnten Klasse. Nach meinem Realschulabschluss will ich ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und mit Drogenabhängigen arbeiten. Ich hoffe, dass ich in Mühlhausen dafür einen Platz finde.“

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