Viele ältere Menschen erhalten die Diagnose Depression. Dahinter kann auch eine Demenz stecken. Foto: dpa/Patrick Pleul

Neue Zahlen von Krankenkassen zeigen: Knapp 20 Prozent der Senioren haben hierzulande im vergangenen Jahr die Diagnose Depression bekommen. Dennoch werden sie häufig nicht richtig behandelt. Was steckt hinter dieser Zahl?

Stuttgart - Immer mehr Menschen im Rentenalter werden mit einer depressiven Episode oder einer depressiven Störung diagnostiziert. Das zeigen Auswertungen der AOK Baden-Württemberg sowie der Barmer Baden-Württemberg für unsere Zeitung. 2018 bekamen nach Angaben der Krankenkasse Barmer 19,36 Prozent der dort versicherten Senioren die Diagnose Depression. Vor zehn Jahren waren es noch etwas mehr als 15 Prozent gewesen. Laut einer Auswertung der AOK Baden-Württemberg wurden im vergangenen Jahr sogar zwischen 20 und 25 Prozent der Versicherten über 60 Jahre im Südwesten aufgrund von einer Depression behandelt. Hier stiegen die Zahlen in den vergangenen vier Jahren ebenfalls an – um etwa zwei Prozent jährlich.

Auch am Klinikum Stuttgart sieht man die Diagnose Depression bei älteren Patienten heute häufiger. „Wir haben Betten erweitert und seit letztem Jahr bieten wir auch zehn Plätze stationsäquivalente Behandlung zu Hause an“, sagt Christine Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart.

Hinter den Diagnosen stecken häufig auch andere Erkrankungen

„Die Gründe für einen Anstieg der Depressionsdiagnosen sind vielfältig“, sagt Winfried Plötze, Landeschef der Barmer Baden-Württemberg zu den Zahlen. „Sie reichen von einer vermehrten Aufmerksamkeit der Betroffenen und ihren Familien, bei den behandelnden Ärzten bis hin zu einem veränderten Codierverhalten.“

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Hintergrund für die steigenden Diagnose- und Behandlungszahlen speziell bei Senioren ist laut Ansicht von Experten auch die alternde Gesellschaft ganz generell. Zudem zeigt sich laut Robert-Koch-Institut, dass häufig andere Krankheiten oder psychische Störungen hinter depressiven Symptomen stecken – etwa eine Angststörung oder Demenz. „Dies wird sehr häufig als Depression verkannt“, sagt auch die Stuttgarter Ärztin Christine Thomas. Gerade eine beginnende Demenz könne ähnliche Anzeichen haben wie eine Depression, womöglich gibt es auch einen hirnorganischen Zusammenhang.

Realistisch ist laut Robert-Koch-Institut, dass etwa sechs Prozent der Senioren an einer originären Depression leiden. Bei jüngeren und mittleren Erwachsenen sind es mit rund acht Prozent im Durchschnitt etwas mehr. „Im Grunde sind alte Menschen genauso gefährdet wie jüngere, an einer Depression zu erkranken“, sagt Ulfert Hapke vom Fachgebiet Psychische Gesundheit der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring am Robert Koch-Institut.

Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass die Krankheit eher bei Jüngeren auftritt

Die hohen Diagnoseraten bedeuten nach Einschätzung der Experten daher noch nicht, dass Depressionen immer richtig erkannt und die älteren Patienten auch richtig behandelt werden. Nur 12 Prozent der über 70-Jährigen Betroffenen erhalten eine Psychotherapie. Bei jüngeren Menschen sind es mehr als 30 Prozent. Hier gebe es Vorbehalte gegenüber Älteren, sagt Christine Thomas. In vielen Pflegeheimen würde häufig nicht richtig antidepressiv behandelt, sondern nur mit Antipsychotika. Gerade dort sind allerdings sehr viele Menschen betroffen.

Einer neuen Studie zufolge werden Depressionen bei älteren Menschen in Deutschland noch immer massiv unterschätzt. So glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent), dass die Krankheit vor allem im jungen und mittleren Lebensalter auftritt, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit. Zu häufig würden Anzeichen von Depressionen bei Senioren deshalb bagatellisiert und als Bitternis des Alters abgetan. Dieses Unwissen trage mit dazu bei, dass die Krankheit im Alter häufig gar nicht oder falsch behandelt werde, sagte Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung. Ein Problem sei das insbesondere, weil die Suizidrate im Alter enorm ansteige. Sie liegt bei über 80-Jährigen hierzulande fünf Mal so hoch wie bei jüngeren Erwachsenen.

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