Ländliche Idylle: der Ort Beersbach auf der Ostalb Foto: stock.adobe.com/R. STROBEL

Ein Kabinettsausschuss hat sich mit der Zukunft des ländlichen Raums befasst und wichtige Empfehlungen gegeben. Das Ziel sollen gleichwertigere Lebensverhältnisse von Stadt und Land sein.

Stuttgart - Wenn Peter Hauk (CDU), der baden-württembergische Minister für Ländlichen Raum, über seinen Verantwortungsbereich spricht, kommt er ins Schwärmen: „Der Ländliche Raum in Baden-Württemberg ist einzigartig, seine wirtschaftliche Stärke, seine Kulturlandschaft und die Menschen die in ihm leben“, sagt Hauk. Er sei „der Inbegriff von Heimat und eine der Herzkammern unseres Landes“. So hat es Hauk im am Dienstag veröffentlichten Abschlussbericht des Kabinettsausschusses Ländlicher Raum formuliert, der seit 2016 mehrfach getagt und Ideen dafür gesammelt hat, damit das flache Land nicht abgehängt wird von der Entwicklung der Städte.

 

Jeder dritte Baden-Württemberg lebt auf dem Land

Der sogenannte ländliche Raum nimmt immerhin zwei Drittel der Landesfläche ein, jeder dritte Baden-Württemberger (34 Prozent) wohnt dort. Um welche Regionen es sich handelt wird deutlich, wenn man die Gemeinden aufzählt, in der der Ausschuss 2017 Bürgerdialoge gehalten hat: Ravenstein (Neckar-Odenwald-Kreis), Mainhardt (Kreis Schwäbisch Hall), Titisee-Neustadt (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald), Untermarchtal (Alb-Donau-Kreis) sowie Schopfloch (Kreis Freudenstadt).

Der 30-seitige Abschlussbericht ist mehr eine Beschreibung von Problemkreisen, konkrete Lösungsvorschläge sind eher selten, er enthält viele Hinweise auf Programme zur Fortbildung, Förderung und angestoßene Projekte. Eines der brennendsten Probleme ist sicher der Ärztemangel auf dem Land, hierzu werden „genossenschaftliche Modelle“ von medizinischen Versorgungszentren vorgeschlagen, die dem zunehmenden Wunsch junger Ärzte und Ärztinnen nach einer Teilzeittätigkeit, einem Anstellungsverhältnis sowie der Vermeidung des wirtschaftlichen Risikos einer Niederlassung vermeiden. Der Ausschuss hat hierzu ein Modellprojekt angestoßen.

Die Landapotheken sind stark nachgefragt

Interessant ist ein Hinweis auf die ländlichen Apotheken: Es gebe zwar ein Apothekensterben, aber das treffe eher auf Ballungsräume wie Stuttgart oder die Bodenseeregion zu. „Da aber gerade die am dünnsten besiedelten Landkreise einen hohen Anteil von älteren Bewohnern haben, ist der Versorgungsbedarf dort höher.“ Es besteht offenbar eine Nachfrage für Apotheken, wenngleich die Nachfolgesicherung oft schwierig sei. Mit Angeboten wie Botendiensten, E-Rezept und Beratung per Video könnten auch Landapotheken ihre Wettbewerbsfähigkeit noch steigern.

Auch ein attraktives Schulangebot trägt zur Förderung von „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ zwischen Stadt und Land bei, wie es als Staatsziel verankert ist. Gerade kleinen Grundschulen komme da ein hohe Bedeutung zu, sie seien ein Kristallisationspunkt für die ganze Gemeinde, um sie zu sichern seien „innovative Konzepte“ notwendig. Ein anderes Bildungsthema ist vom Ausschuss angestoßen worden: die Erprobung von Sommerschulen an beruflichen Gymnasien, in denen Schüler auf den Übergang an ein berufliches Gymnasium vorbereitet werden, der auf dem Land oft mit einem Standortwechsel verbunden ist. Nur gestreift wird das Thema der Ganztagsschulen, für die es im ländlichen Raum noch keine „hinreichend große Nachfrage“ gebe: Es sei eine „Herausforderung“ für kleine Schulstandorte, dass laut Schulgesetz für die Gruppenbildung für eine Ganztagsschule die Mindestschülerzahl von 25 vorausgesetzt werde.

Allein 50 Modellprojekte drehen sich um Mobilität auf dem Land

Auch die Mobilität auf dem Land treibt die Landesregierung um. Rund 50 Modellprojekte zum Thema hat der Ausschuss ausgewertet und neun recht abstrakte Handlungsempfehlungen verabschiedet, darunter eine Neuorganisation des Schulverkehrs und eine Entzerrung der Taktung, eine zusammenhängende Planung von Siedlungs- und Verkehrsangeboten und landesweite Standards bei der Fahrgastinformation.

Zwar gilt der ländlichen Raum in Baden-Württemberg als Standort für „Hidden Champions“, also Unternehmen, die Weltmarktführer mit ihren Produkten sind. Trotzdem suchte der Ausschuss nach Lösungen beispielsweise für das Problem der Fachkräftesicherung. Während es in Verdichtungsräumen die hohen Mietpreise und die Verkehrsdichte sei, die die Unternehmen plagten, sei auf dem Land „die Erreichbarkeit von Infrastrukturen das große Thema“.

Weniger Stammtische und weniger Vereinsabende

Gesondert behandelt worden sind die Dorfgaststätten, die einerseits eine wichtige Rolle für das soziale Leben spielen, trotzdem mit dem Rückgang von Stammtischen und Vereinsabenden zu kämpfen haben, ebenso wie mit dem Fachkräftemangel und einem Investitionsstau. „Betriebe der lokalen Grundversorgung wie Bäcker- und Metzgereien sowie Dorfgasthäuser und Dorfläden können zur Stärkung ihrer Eigenmittel seit jeher einen Zuschuss erhalten“, heißt es im Abschlussbericht. Auf Anregung des Kabinettsausschusses sei der im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum mögliche Fördersatz im vergangenen Jahr auf bis zu 35 Prozent erhöht worden. Peter Hauk ist sich sicher: „Der ressortübergreifende Ausschuss hat sich als ideale Plattform erwiesen, um unseren Ländlichen Raum an der Spitze zu halten.“