Es gibt womöglich sehr wenige Kinder, denen Pommes nicht schmecken. In Maßen ist auch ungesundes Essen in Ordnung, doch immer weniger Familien kochen mit frischen Produkten. Foto: imago/photothek/Ute Grabowsky/photothek.net

Riegel am Kiosk, Fast Food in der Mensa, Süßes in der Pause, Chicken Nuggets in der Imbissbude - Kinder haben heute eigentlich keine Chance sich vor schlechter Ernährung zu schützen. Was aber tun?

Weiß er die Lösung? Peter Niemann ist einer, der von unten kämpft. Er ist Graswurzel-Typ: machen, nicht nur reden. Und der 47-Jährige fängt bei sich selbst an – und bei seinen Kindern. Die wissen schon im Kindergartenalter, wie Möhren aus der Erde im Vergleich zu Supermarkt-Karotten schmecken. Ihr Vater ist Koch, Gastgeber und Hoteldirektor in Hohenhaus, mitten im hessischen Nirgendwo, und einer, der weiß, was alles schiefläuft in der großen, weiten, unübersichtlichen Welt der Ernährung, weil er sich tagtäglich damit beschäftigt, wie Geschmacksbeeinflussung, Marketing und Adipositas zusammenhängen.

 

Es gibt immer mehr Menschen wie Niemann, die mobilmachen gegen die Verfettung unserer Gesellschaft. Und sie fangen bei der vulnerabelsten Gruppe an: den Kindern. Am bekanntesten ist der Koch Jamie Oliver, der in England seit vielen Regierungen für besseres Schulessen kämpft. Immer wieder erstaunlich ist die Anekdote der „Yorkshire Mums“, jenen Müttern, die sein Essen boykottiert hatten, indem sie die Kinder mit Pommes über den Schulzaun versorgten. Oliver aber kämpft weiter – seit Tony Blair über Boris Johnson bis Rishi Sunak und noch weiter.

Auch die Zahlen hierzulande sind alarmierend: Etwa jedes sechste Kind ist laut Robert-Koch-Institut in Deutschland übergewichtig oder adipös. Unter den 11- bis 13-Jährigen ist es sogar jedes fünfte. Die Gründe dafür sind vielfältig – neben Bewegungsmangel, zu viel digitaler Ablenkung und Coronapandemie-Nachwirkungen liegt es natürlich vor allem an der Ernährung – an Chips, Tiefkühlpizza, zuckersüßen Softdrinks und Chicken Nuggets.

Kinder kopieren Erwachsene

Ortsbesuch in einem Kindergarten in Stuttgart-Dürrlewang: Die Köchin und Politikerin Sarah Wiener ist angereist, um mit den Kindern Karottensuppe zu löffeln, Knäckebrot und gedörrte Äpfel zu kosten. Anlass für Wieners Besuch war, dass Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha zum Genussbotschafter der Initiative „Ich kann kochen!“ wurde, die von der Sarah-Wiener-Stiftung und der Barmer-Krankenkasse ins Leben gerufen wurde und in Dürrlewang im Kita-Alltag etabliert ist. Sarah Wiener probiert und redet, fragt die Erzieherinnen, wie es läuft mit den Rezepten. Wiener weiß, wie wichtig Geschmacksbildung ist. „Die Möglichkeit, einem kleinen Kind frisches Essen schmackhaft zu machen, sollte man sich nicht verwehren“, sagt Wiener. „Davon profitiert man ein ganzes Leben. Wenn wir eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder wollen, sollten wir uns natürlich ernähren.“

Wichtig sei es, dass Eltern als Vorbild fungieren. Denn Kinder kopieren die Erwachsenen. Und so schaut die kleine Idrissa gespannt, was Köchin Sarah Wiener neben ihr macht, wie sie die Karottensuppe findet. Und als die bekannte Köchin nach den Lieblingsessen der Kinder fragt, zählen sie neben Pizza, Nudeln, Spätzle mit Rahmsoße natürlich auch die unvermeidlichen Chicken Nuggets auf.

Zucker, überall Zucker

Hoch verarbeitete Lebensmittel sind das Grauen aller, die sich mit gesunder Ernährung auseinandersetzen. Die 60-jährige Sarah Wiener weiß: „Wir haben die Ernährungssouveränität über unseren eigenen Körper verloren. Wir werden fremdgefüttert, und zwar von einer Nahrungsmittelindustrie, die billig, gleichmäßig, intransparent, Ökologie zerstörend und gesundheitszerstörend ist.“

Auch der Koch und Hoteldirektor Peter Niemann hinterfragt ständig alles. Ihm geht es nicht nur um die offensichtlichen Süßigkeiten, die in Maßen ja völlig in Ordnung sind. Es geht ihm viel mehr um alles Versteckte im Joghurt oder in Fischstäbchen. „Alles besteht aus Salz, Fett, Zucker“, sagt Niemann. Niemann geht aber noch weiter: „Suchen Sie doch mal einen Joghurt ohne Zucker. Überall sind Zuckersurrogate drin. Und da steht zuckerfrei drauf, weil man es nicht als Zucker deklarieren muss.“ Und er redet sich weiter in Rage: „Zucker ist wie Kokain, Zucker ist eine Droge.“ Wer einmal damit angefangen hat, kommt schwer wieder davon los. Die Folgen liegen auf der Hand: Wir werden alle immer dicker und kränker.

„Gerade Kinder sind vielen künstlichen Süßstoffen ausgesetzt, was dazu führen kann, dass sie immer stärker gesüßte Lebensmittel bevorzugen, eine leichte Form von Abhängigkeit, die sich womöglich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt“, schreibt Tim Spector in dem Buch „Die Wahrheit über unser Essen“. Der Epidemiologie-Professor berichtet auch vom Mythos, dass Angaben auf Lebensmittelverpackungen uns helfen, uns gesünder zu ernähren.

Auch Sarah Wiener macht immer wieder auf die Problematik mit dem Etikettenschwindel aufmerksam: „Selbst die Industrie weiß heute nicht mehr wirklich, was in diesen Produkten drin ist. Die Strukturen sind so verflochten, dass niemand nachvollziehen kann, von welchem Feld die Tomate kommt. Sie merken nicht mal, dass da Pferdefleisch statt Rindfleisch mit drin ist.“

Werbung verbieten?

Man kennt das: Je greifbarer die Dickmacher sind, desto mehr konsumieren wir davon. In England wurden Jamie Olivers unermüdliche Mühen insofern schon belohnt, dass der Bürgermeister in London Fast-Food-Buden im Umkreis von 100 Metern um Schulen verboten hat. Auch Ernährungsminister Cem Özdemir forderte diese Woche mal wieder, Werbung für ungesunde Lebensmittel einzuschränken. Konkreter soll sie zwischen sechs Uhr in der Früh und 23 Uhr verboten werden – und nicht nur im Fernsehen, sondern auf allen kinderaffinen Kanälen und auch auf Plakaten im Umkreis von Schulen.

Der Epidemiologie-Professor Spector wagt in seinem Buch einen Blick nach Chile, wo jedes vierte Schulkind als übergewichtig gilt. Dort ist auf der Packungsvorderseite aller stark verarbeiteten, ungesunden oder überzuckerten Produkte ein schwarzes Stoppschild abgebildet. Laut einer Umfrage helfe den Verbrauchern die Kennzeichnung bei der Wahl der Lebensmittel.

Der Kinderteller

Auch in Restaurants sind die Optionen für kleine Gäste begrenzt. Wer mit Kindern essen geht (und zwar nicht in einem italienischen Restaurant), hat die Entscheidung zwischen Nemo und eben den unvermeidlichen Chicken Nuggets – und danach noch ein Eis Pinocchio. Gastgeber Peter Niemann fängt jetzt unten an – und hat seit Februar eine Kinderkarte im Restaurant Hohenhaus Grill, die ohne Industriezucker auskommt. „Es gibt eben einen Eierkuchen mit Rübenzucker und einer selbst eingemachten Marmelade“, schwärmt Niemann. Ein Hauptgericht könne etwa eine Hühnerbrust mit Gemüse sein, „also eben keine Chicken Nuggets, keinen Eiweiß-Brei, der mit Hefe den Hühnergeschmack imitiert“. Er will dennoch nicht den Oberlehrer geben, es soll kindgerecht zugehen.

Oft hilft auch ein Blick, wie es die anderen machen: In Estland, diesem schönen, ruhigen Land im Baltikum, gibt es nicht nur ganz wunderbares, günstiges Extra-Essen für den Nachwuchs und Gemüsesticks vorneweg, sondern häufig auch die normalen Gerichte von der Standardkarte in kleineren Portionen. Vielleicht hat hier jemand erkannt: Kinder sind die Gäste von morgen. Aber eben auch die Patienten der Zukunft.