Jessica Cortese (links), und Alessia Cerrone haben Zivilcourage gezeigt – doch der Rechtsradikale muss wohl keine harte Strafe fürchten. Foto: Gottfried Stoppel

Zwei junge Frauen schreiten ein, als ein ortsbekannter Rechtsradikaler einen Schwarzen angeht. Die beiden werden vom Bürgermeister ausgezeichnet – doch der Täter wird wohl weitgehend ungeschoren davonkommen.

Urbach - Als Jessica Cortese und Alessia Cerrone an einem Spätnachmittag Anfang April aus einem Supermarkt in der Ortsmitte von Urbach (Rems-Murr-Kreis) kamen, fiel ihr Blick auf zwei Männer – einer dunkelhäutig, der andere glatzköpfig, mit Bomberjacke, Springerstiefeln und Camouflagehose. „Er hat jedes Klischee erfüllt“, erzählt Cerrone.

Und sie hörten, was der Mann zu seinem Gegenüber sagte. Jessica Cortese senkt die Stimme – sie mag die obszönen und rassistischen Worte kaum wiederholen. „Er hat ihm auch mit der Faust gedroht, die Mütze heruntergeschlagen und ihm mindestens eine Ohrfeige gegeben“, sagt sie. Die 19 Jahre alte Cerrone griff zum Handy und rief die Polizei, während die 23-jährige Cortese rüberging und den Glatzkopf anschrie.

Die zierliche 19-Jährige ist geübte Kickboxerin

Nachdem noch ein großer und muskulöser Freund des Angegriffenen aus dem Supermarkt gekommen war, wandte sich der Fremdenfeind den beiden jungen Frauen zu und warf ihnen Obszönitäten entgegen. „Er hat uns auch Volksverräterinnen genannt“ , sagt Alessia Cerrone. „Und Spaghettifresser.“ Sie habe just in diesem Augenblick mit der Polizei telefoniert – „die konnten alles mithören und schickten gleich einen Streifenwagen.“

Das Ordnungsamt und die Polizei bestätigen, dass der 29 Jahre alte Mann wegen seiner Gesinnung bereits bekannt war. Ob die beiden Frauen Angst hatten? „Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken“, meint Cortese. „Ich war sieben Jahre im Kickboxen, das hat mir Sicherheit gegeben“, sagt Cerrone, eine zierliche Frau mit zarter Stimme. Es seien auch andere Passanten auf die Situation aufmerksam geworden. „Viele sind aber weitergegangen oder im Eiscafé sitzen geblieben“, sagt Cortese. Die beiden jungen Frauen taten das nicht. „Unsere Familien kommen aus einem ganz kleinen Dorf auf Sizilien. Dort hilft man sich gegenseitig, wenn jemand Ärger hat“, sagt Cerrone. „So wurden wir erzogen.“

Die Afrikaner haben falsche Namen angegeben – warum, weiß keiner

Von der Familie und von Freunden ernteten die beiden nach ihrem Einschreiten viel Lob – auch der Urbacher Bürgermeister Jörg Hetzinger lud sie zu einem Empfang ins Rathaus der 9000-Einwohner-Gemeinde ein. Der Polizeisprecher Rudolf Bihlmaier lobt die Zivilcourage der beiden jungen Frauen: „Gut möglich, dass dadurch Schlimmeres verhindert wurde“, sagt er.

Jedoch: „Dem Rechtsradikalen bin ich aber auch schon wieder begegnet – das war ein komisches Gefühl“, sagt Alessia Cerrone. Für den 29-Jährigen wird die Sache womöglich kaum ein Nachspiel haben. Der Polizeisprecher Bihlmaier sagt, die Aggression sei zwar von dem Deutschen ausgegangen. „Eine Körperverletzung lässt sich aber kaum nachweisen – die Zeugenaussagen unterscheiden sich“, sagt der Polizeisprecher. Manche hätten einen Schlag gesehen, andere, dass der Rassist seinem Gegenüber ein Paar Kopfhörer heruntergerissen hätte.

Zudem hätten die Afrikaner keinen Ausweis dabeigehabt und den Polizisten offenbar falsche Namen genannt – der Grund dafür ist unbekannt. „Und die Beleidigungen sind ein Antragsdelikt“, so Bihlmaier. Damit werden Straftaten bezeichnet, die nur auf Antrag eines Geschädigten verfolgt werden. Aber zumindest für die Beleidigungen gegen die beiden jungen Frauen mit Zivilcourage könnte der Mann zur Rechenschaft gezogen werden.

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