Viele andere Passanten schauten der Schlägerei in Schorndorf zu – Ivonne Schiele hat gehandelt. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Mann verhindert eine Vergewaltigung, eine Frau schreitet als Einzige ein, als ein Teenager verprügelt wird: Lesen Sie hier, welche zwölf Helfer die Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr für ihre Zivilcourage ausgezeichnet hat.

Rems-Murr-Kreis - Winnenden, eine Nacht im Januar 2016. Eine 57-Jährige will auf dem Wunnebad-Parkplatz in ihr Auto steigen. Plötzlich wird sie angegriffen: Ein Fremder greift ihr an die Brüste und zwischen die Beine, wirft sie zu Boden, versucht, sie zu vergewaltigen. Die Frau schreit verzweifelt – und wird gehört: Der 31-jährige Marcel Hagmann, nebenberuflich Sicherheitsmann und trainiert im Thaiboxen und der philippinischen Kampfkunst Escrima, eilt der Frau zur Hilfe. Der Täter flieht, Hagmann hat eine Vergewaltigung verhindert. Der Sextäter, ein 38-jähriger Deutscher, wird später gefasst und zu drei Jahren Haft verurteilt.

Viele schauen zu – eine Schorndorferin handelt

Ortswechsel: Schorndorf, elf Monate später. Ivonne Schiele kommt vom Einkaufen nach Hause und entdeckt quasi vor ihrer Haustüre eine Gruppe von etwa zehn Jugendlichen, die einen einzelnen Jungen attackiert. Auch als er schon am Boden liegt, treten sie noch zu. Was Schiele mindestens genauso sehr erschreckt wie die Tat selbst: „Es war gerade Schulschluss. Überall standen Autos mit Eltern – und keiner hat geholfen“, erinnert sie sich. Sie brüllt den Mob an, aufzuhören, schafft es schließlich, das verletzte Opfer in ihr Auto zu lotsen und nach Hause zu fahren. Darüber, dass die jugendliche Bande auch sie selbst angreifen könnte, macht sie sich erst mal keine Gedanken. Sie lässt die Polizei verständigen, den Jungen ins Krankenhaus bringen und hilft dabei, die Schläger zu identifizieren. „Ich würde jederzeit wieder genauso handeln“, sagt sie.

Marcel Hagmann und Ivonne Schiele sind zwei von zwölf Menschen, die am Montagabend von der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr für ihre Zivilcourage ausgezeichnet worden sind. Für jeden Geehrten gab es eine Verdienstmedaille aus Silber und einen Geschenkgutschein – symbolische Anerkennung für ihre Hilfe.

Auch wenn er sich über den Preis freut: Richtig angenehm ist Marcel Hagmann die Aufmerksamkeit nicht. „Ich bin überrascht, was die Sache für Wellen schlägt. Es sollte selbstverständlich sein, zu helfen“, meint der Wüstenroter. Als Held fühle er sich nicht: „Es geht bei der Sache nicht um mich, sondern darum, dass der Frau nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt er.

Lässt die Zivilcourage nach?

So verschieden die Geschichten sind, die hinter den Auszeichnungen stecken, haben sie eines gemeinsam: Im entscheidenden Moment haben Menschen nicht weggesehen, als andere in Not waren. Sie sind eingeschritten, haben sich teilweise sogar selbst in Gefahr gebracht. Und das in einem Jahr, in dem an der Stuttgarter S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße ein junger Mann verprügelt wurde – vor den Augen vieler Passanten, von denen keiner die Polizei rief oder gar selbst einschritt.

Klaus Auer kennt solche Fälle – und auch solche, die für die couragierten Helfer nicht gut ausgingen. „Das ist wahrscheinlich für viele ein Grund, nicht zu helfen“, sagt Auer, der das Fellbacher Polizeirevier leitet und im Vorstand der Initiative Sicherer Landkreis sitzt. „Auf dem absteigenden Ast ist die Zivilcourage zwar noch nicht. Aber man bemerkt bei vielen Leuten eine Ellenbogenmentalität, dass sie vor allem auf sich selbst achten. Da macht sich schon ein gewisser Werteverfall bemerkbar“, meint Auer.

Die Polizei rät Helfern eigentlich davon ab, sich in Gefahr zu bringen. Wer sich zum körperlichen Einschreiten nicht in der Lage sehe, könne auch anders helfen, erklärt Auer: „Es kann schon Zivilcourage sein, wenn man andere auffordert, ebenfalls zu helfen, oder so schnell wie möglich die Polizei ruft.“ Jeder könne eines Tages auf die Hilfe Anderer angewiesen sein. Im Ernstfall rät er: „Es ist wichtig, die Leute aus der Anonymität zu reißen. Also nicht einfach um Hilfe zu schreien, sondern die Menschen konkret anzusprechen: Ich brauche Ihre Hilfe.“ Auer hofft, dass die Beispiele der ausgezeichneten Menschen Schule macht – und die jährlichen Auszeichnungen dazu beitragen, die Hilfsbereitschaft weiter zu stärken.

Einbruch verhindert, aus brennendem Haus gerettet

Zeitungsausträgerin vereitelt Einbruchsversuch

Durch die aufmerksame Beobachtung und eine richtige Schlussfolgerung verhindert die Zeitungsausträgerin Eva Geiger einen Wohnungseinbruch und ermöglicht, dass der Täter ermittelt werden kann. Sie ist Mitte Januar, an einem Morgen gegen 5 Uhr, in Backnang-Strümpfelbach unterwegs und hört im Haus das Geräusch eines fallenden Gegenstands. Da die Zeitung abbestellt ist, vermutet sie, dass die Bewohner verreist sind. Als der Bewegungsmelder angeht, flüchtet der Täter. Er lässt eine Eisenstange zurück, mit der er versucht hatte, Kleidungsstücke von der Garderobe durch den Briefkastenschlitz zu angeln. Ein 30-jähriger Litauer kann zweifelsfrei als Täter identifiziert werden. In seiner Wohnung findet man weiteres Diebesgut und kann ihn mit weiteren Einbrüchen in Verbindung bringen. Er wurde bereits verurteilt.

Aus brennendem Haus gerettet

Durch ihr schnelles Eingreifen gelingt es Roland Dittmer und Michael Winkler im Februar, alle zehn Bewohner aus einem brennenden Haus in Weinstadt-Beutelsbach zu retten. Nachdem die Flammen eines brennenden Schuppens auf das benachbarte Wohnhaus übergegriffen haben, dringen die beiden Männer in das Haus ein und klingeln die Bewohner wach. Teilweise müssen sie die Türen eintreten, weil die Bewohner fest schlafen. So können sie alle durch das schon stark verrauchte Treppenhaus ins Freie bringen.

Im Zuge der Ermittlungen kann ein Tatverdächtiger festgenommen werden. Der Mann hatte seiner Ex-Lebensgefährtin (einer der Bewohnerinnen) gedroht, ihre Wohnung anzuzünden.

Einbrecher greift mit Reizgas an, psychisch kranke Räuberin sticht mit Messer zu

Einbrecher verfolgt

Felix Maier beobachtet im April in Fellbach einen Einbrecher, der sich am Gartentor seines Nachbarn zu schaffen macht und dann ein Küchenfenster aufhebelt. Der Täter steigt ein, durchsucht die Wohnung, ohne etwas zu stehlen. Als er flüchtet, nimmt Maier die Verfolgung auf. Als er den Einbrecher stellt, sprüht dieser ihm plötzlich Reizgas ins Gesicht und setzt ihn außer Gefecht. Der Täter kann fliehen, bislang gelang es bislang nicht, ihn zu ermitteln.

Psychisch kranke Räuberin gestellt

Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und das eigene Leben verfolgen und überwältigen die Passanten Yanus Yilmaz und Sebastian Fischer im Juni in Winnenden eine Frau, die zuvor in einer Drogerie eine Kassiererin mit einem Messer bedroht und mehrere tausend Euro geraubt hat. Auf der Flucht wirft sie einen Teil der Beute in einen Mülleimer. Als die beiden Männer die Täterin einholen, wehrt sich die Frau heftig und fügt ihnen mehrere Stich- und Schnittverletzungen zu, die im Krankenhaus Winnenden versorgt werden müssen. Die 28-jährige Täterin wird nach ihrer Festnahme zurück ins Zentrum für Psychiatrie gebracht.

Täter überwältigt, alte Dame vor Betrügern geschützt

Dieb greift an

Im August hilft Markus Schmollinger in Schorndorf dabei, einen gewerbsmäßigen Dieb zu fassen und ihn der Polizei zu übergeben. Der Kriminelle, ein algerischer Asylbewerber, beobachtet erst mit dem Fernglas ein Straßenlokal, stiehlt dann von einem Tisch Geldbeutel, Handy und Brille und flüchtet. Der Bestohlene setzt ihm nach, Schmollinger wird darauf aufmerksam und stellt sich dem Täter in den Weg. Der geht zum Angriff über, es kommt zum Kampf. Zusammen mit einem weiteren Passanten gelingt es Schmollinger, der Täter zu überwältigen. Der Täter ist seit 2015 in Deutschland und bereits mehrfach durch Diebstahls- und Gewaltdelikte auffällig geworden.

Taxifahrerin lässt Betrüger auffliegen

Die Taxifahrerin Tanja Hahn hat im September ein seltsames Gefühl bei der Fahrt mit einer 81-jährigen Frau: Schon zum zweiten Mal lässt sich die Dame zu einer Bank fahren, um 40 000 Euro abzuheben. Die 27-jährige Frau vermutet einen Betrug, sie verständigt die Polizei. Die findet heraus: Die Seniorin ist dem sogenannte Enkeltrick aufgesessen, eine Betrügerin hat sich als Verwandte ausgegeben und sich einen Zuschuss zu einem – erfundenen – Wohnungskauf erbettelt. Die Polizei überwacht die Wohnung der alten Dame, um die Betrügerin festzunehmen. Doch diese hat vermutlich Lunte gerochen und taucht nie wieder auf.

Vandalismus-Serie beendet, Selbstmord verhindert

Auto-Vandalen dingfest gemacht

Im Dezember gibt es in Fellbach eine Serie von Vandalismus-Fällen: Unbekannte beschädigen immer wieder Autos. Auf dem Höhepunkt der Serie sind es fast 20 Fahrzeuge täglich, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Am 13. Dezember ist Rolf Mai zur richtigen Zeit am richtigen Ort und beobachtet, wie ein Mann in der Maicklerstraße in sinnloser Zerstörungswut die Außenspiegel an drei Fahrzeugen abtritt. Er verfolgt den Täter und verständigt die Polizei. Die kann den Täter nach kurzer Verfolgung einholen und überwältigen. Bei dem Handgemenge werden mehrere Beamte leicht verletzt – aber mit der Festnahme des Täters ist die Vandalismus-Serie beendet.

Mann von Selbstmord abgehalten

Am ersten Weihnachtsfeiertag beobachtet Petra Hänger einen Mann dabei, wie er über das Geländer auf dem Eisenbahnviadukt bei der Laufenmühle in Welzheim steigt. Sie kommt näher, spricht einfühlsam mit dem Mann am Abgrund– und schafft es, dass er den Plan, sich selbst zu töten, aufgibt. Er springt nicht, sondern klettert zurück. Die inzwischen verständigte Polizei nimmt den Lebensmüden in Gewahrsam. Zu Hause bei ihm findet man einen Abschiedsbrief.

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