Preis für Zivilcourage im Rems-Murr-Kreis Ganz normale Helden

Von Phillip Weingand 

Viele andere Passanten schauten der Schlägerei in Schorndorf zu – Ivonne Schiele hat gehandelt. Foto: Gottfried Stoppel
Viele andere Passanten schauten der Schlägerei in Schorndorf zu – Ivonne Schiele hat gehandelt. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Mann verhindert eine Vergewaltigung, eine Frau schreitet als Einzige ein, als ein Teenager verprügelt wird: Lesen Sie hier, welche zwölf Helfer die Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr für ihre Zivilcourage ausgezeichnet hat.

Rems-Murr-Kreis - Winnenden, eine Nacht im Januar 2016. Eine 57-Jährige will auf dem Wunnebad-Parkplatz in ihr Auto steigen. Plötzlich wird sie angegriffen: Ein Fremder greift ihr an die Brüste und zwischen die Beine, wirft sie zu Boden, versucht, sie zu vergewaltigen. Die Frau schreit verzweifelt – und wird gehört: Der 31-jährige Marcel Hagmann, nebenberuflich Sicherheitsmann und trainiert im Thaiboxen und der philippinischen Kampfkunst Escrima, eilt der Frau zur Hilfe. Der Täter flieht, Hagmann hat eine Vergewaltigung verhindert. Der Sextäter, ein 38-jähriger Deutscher, wird später gefasst und zu drei Jahren Haft verurteilt.

Viele schauen zu – eine Schorndorferin handelt

Ortswechsel: Schorndorf, elf Monate später. Ivonne Schiele kommt vom Einkaufen nach Hause und entdeckt quasi vor ihrer Haustüre eine Gruppe von etwa zehn Jugendlichen, die einen einzelnen Jungen attackiert. Auch als er schon am Boden liegt, treten sie noch zu. Was Schiele mindestens genauso sehr erschreckt wie die Tat selbst: „Es war gerade Schulschluss. Überall standen Autos mit Eltern – und keiner hat geholfen“, erinnert sie sich. Sie brüllt den Mob an, aufzuhören, schafft es schließlich, das verletzte Opfer in ihr Auto zu lotsen und nach Hause zu fahren. Darüber, dass die jugendliche Bande auch sie selbst angreifen könnte, macht sie sich erst mal keine Gedanken. Sie lässt die Polizei verständigen, den Jungen ins Krankenhaus bringen und hilft dabei, die Schläger zu identifizieren. „Ich würde jederzeit wieder genauso handeln“, sagt sie.

Marcel Hagmann und Ivonne Schiele sind zwei von zwölf Menschen, die am Montagabend von der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr für ihre Zivilcourage ausgezeichnet worden sind. Für jeden Geehrten gab es eine Verdienstmedaille aus Silber und einen Geschenkgutschein – symbolische Anerkennung für ihre Hilfe.

Auch wenn er sich über den Preis freut: Richtig angenehm ist Marcel Hagmann die Aufmerksamkeit nicht. „Ich bin überrascht, was die Sache für Wellen schlägt. Es sollte selbstverständlich sein, zu helfen“, meint der Wüstenroter. Als Held fühle er sich nicht: „Es geht bei der Sache nicht um mich, sondern darum, dass der Frau nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt er.

Lässt die Zivilcourage nach?

So verschieden die Geschichten sind, die hinter den Auszeichnungen stecken, haben sie eines gemeinsam: Im entscheidenden Moment haben Menschen nicht weggesehen, als andere in Not waren. Sie sind eingeschritten, haben sich teilweise sogar selbst in Gefahr gebracht. Und das in einem Jahr, in dem an der Stuttgarter S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße ein junger Mann verprügelt wurde – vor den Augen vieler Passanten, von denen keiner die Polizei rief oder gar selbst einschritt.

Klaus Auer kennt solche Fälle – und auch solche, die für die couragierten Helfer nicht gut ausgingen. „Das ist wahrscheinlich für viele ein Grund, nicht zu helfen“, sagt Auer, der das Fellbacher Polizeirevier leitet und im Vorstand der Initiative Sicherer Landkreis sitzt. „Auf dem absteigenden Ast ist die Zivilcourage zwar noch nicht. Aber man bemerkt bei vielen Leuten eine Ellenbogenmentalität, dass sie vor allem auf sich selbst achten. Da macht sich schon ein gewisser Werteverfall bemerkbar“, meint Auer.

Die Polizei rät Helfern eigentlich davon ab, sich in Gefahr zu bringen. Wer sich zum körperlichen Einschreiten nicht in der Lage sehe, könne auch anders helfen, erklärt Auer: „Es kann schon Zivilcourage sein, wenn man andere auffordert, ebenfalls zu helfen, oder so schnell wie möglich die Polizei ruft.“ Jeder könne eines Tages auf die Hilfe Anderer angewiesen sein. Im Ernstfall rät er: „Es ist wichtig, die Leute aus der Anonymität zu reißen. Also nicht einfach um Hilfe zu schreien, sondern die Menschen konkret anzusprechen: Ich brauche Ihre Hilfe.“ Auer hofft, dass die Beispiele der ausgezeichneten Menschen Schule macht – und die jährlichen Auszeichnungen dazu beitragen, die Hilfsbereitschaft weiter zu stärken.

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