„Alles beginnt mit überzogenen Erwartungen“, sagt Swantje Dake. Foto: Lg//Max Kovalenko

Beim Vhs-Pressecafé hat Swantje Dake, Chefredakteurin Digital, über die Folgen von ChatGPT & Co für den Qualitätsjournalismus gesprochen.

Bei der ersten Frage gehen fünf Hände hoch. Bei der zweiten gerade mal zwei, obwohl im Robert-Bosch-Saal fast alle Stühle besetzt sind. Swantje Dake wollte wissen, wer bisher ChatGPT ausprobiert hat – oder es gar beruflich nutzt. Beim Vhs-Pressecafé sprach die Chefredakteurin Digital der Stuttgarter Zeitungen und Personalchefin über „ChatGPT & Co: Bedrohung oder Chance für den Qualitätsjournalismus?“. Seit vor einem Jahr das Unternehmen OpenAI ChatGPT vorstellte, ist Künstliche Intelligenz (KI) respektive Artificial Intelligence (AI) in aller Munde, aber noch nicht in aller Praxis angekommen. Der Chatbot nutzt künstliche Intelligenz, um über textbasierte Nachrichten und Bilder zu kommunizieren und sie zu erstellen. Dafür lernt er aus dem Angebot des weltweiten Netzes. Laut der Webseite „Futurepedia“ gibt es über 5400 KI-Anwendungen, Tendenz steigend. Das sei disruptiv und herausfordernd, wirble alles durcheinander, so Dake.

 

In der KI-Branche geht es vor allem um Medizin und Autotechnik

„Der Gartner Hype Cycle zeigt die Phasen, die eine Technologie oder Anwendung im Laufe der Zeit durchläuft“, den Aufmerksamkeits-Zyklus an die Wand projizierend. „Alles beginnt beim Gipfel der überzogenen Erwartungen, da sind wir nun mit der KI. Dann läuft es – verkürzt gesprochen – über das Tal der Ernüchterung bis zum Pfad der Erleuchtung.“

Doch wie beeinflusst das den Journalismus? Wird die KI gar den Beruf über- und den Schreibenden den Job wegnehmen? „Journalismus haben die Entwickler und Entwicklerinnen gar nicht so im Fokus“, berichtete Dake von einem Besuch auf dem AI Campus Berlin, wo sich über 80 Startups mit dem Thema beschäftigen. „Da geht es eher um Themen wie Medizin und Autotechnik.“

Doch Verlage schauten längst, wie man die Technologie im Journalismus nutzen könne. Hilfreich seien die Tools etwa beim Durchschauen und Abgleichen enormer Datenmengen im datenjournalistischen Bereich. Aber auch beim Redigieren und Editieren, Fehler oder schlechte Formulierungen entdecken, neue Überschriften vorschlagen und Schlagworte. „Dadurch können wir besser werden“, so die studierte Kulturwissenschaft- und Kommunikationswissenschaftlerin. „Aber wir würden nie der KI allein das Feld überlassen. Die Entscheidung, was wie wo kommt, treffen immer Menschen.“ Auch könne KI dazu beitragen, personalisierte Ausgaben zu erstellen, etwa für Sportfans – was aber manche im Publikum nicht goutierten.

Beamtendeutsch wird durch die Software verständlich

Um Strategien und Statuten zu entwickeln, wurde im Pressehaus eine KI-Gruppe gebildet. Diese entwickle sich mit dem Stand der Forschung weiter, so Dake. Dort sei unter anderem festgelegt, dass keine Texte mit Hilfe von KI geschrieben und keine Bilder generiert werden, KI allerdings für Vorschläge von Titeln oder Social Media Posts und Ähnlichem genutzt werde; auch als Transkribtions- und Übersetzungstool – oder um das Beamtendeutsch von Polizeimeldung verständlich umzuschreiben. „Mittlerweile haben wir für Kommentare von Nutzerinnen und Nutzern Conversario.“ Das filtere Wortkonstruktionen und mache so die mitunter belastende Arbeit der Kolleginnen und Kollegen erträglicher. „Aber die Bots auf der anderen Seite lernen auch!“

Dake machte daher deutlich, dass das Stuttgarter Pressehaus ChatGPT verboten habe, auf die Texte der Zeitungen zurückzugreifen. „Da geht es um Geschäftsmodelle, die unsere Branche kaputt machen kann.“ Daher müssten Verbände um Lizenzen verhandeln. Nur dann dürfe sich das System an den journalistischen Texten bedienen, um zu lernen.

„Von wem sollen solche lernenden Systeme überhaupt lernen, ohne missbraucht zu werden oder falsche Sachen zu verbreiten?“, wollte ein Zuschauer wissen. „Es ist jedem zu raten, bei Texten vorher und nachher eine menschliche Kontrollinstanz zu haben“, so Dake. Eine KI könne auch keine Reportage schreiben. „Jeder hat seinen eigenen Stil, das ist auch gut so, Autorenvielfalt mit Themenkenntnis ist essenziell.“