Der Künstler Wolfgang Laib arbeitet mit Milch, Blüten und Wachs und wird seit Jahrzehnten gefeiert. Das Kunstmuseum Stuttgart erarbeitet mit ihm eine große Schau – am 16. Juni um 19 Uhr ist Eröffnung.
Im Jahr 1982 katapultieren Norman Rosenthal und Christos M. Joachimides das in den 1970er Jahren zum Magneten für Künstlerinnen und Künstler gewordene (West-)Berlin zurück in das internationale Rampenlicht. „Zeitgeist“ nennen sie ihre Ausstellung – ein Gewitter an Tempo und Urbanität. Harald Szeemann, Magier der Träume und legendärer Ausstellungsmacher, seit er 1972 die Weltkunstschau Documenta 5 zur Bühne für „Individuelle Mythologien“ machte, antwortet nicht sofort.
Wolfgang Laib prägt „Zeitlos“ mit
Als aber das Angebot kommt, vor dessen Sanierung den entkernten Hamburger Bahnhof in Berlin für eine Ausstellung zu nutzen, ist Szeemann da. Der 1950 in Metzingen geborene Wolfgang Laib gehört zur festen Szeemann-„Mannschaft“ um Joseph Beuys, Daniel Buren, Eduardo Chillida, Donald Judd, Per Kirkeby, Reinhard Mucha, Bruce Naumann, Richard Serra oder Cy Twombly. Und so findet sich 1988 auch Wolfgang Laib ein, um noch einmal eine Gegenrede zu allem Tempo zu wagen. Tage verbringt Laib in der riesigen Halle, langsam nimmt ein Geviert Gestalt an. Blütenstaub verdichtet sich zu einem gelben Körper. „Zeitlos“ nennt Harald Szeemann die Ausstellung. Die Programmatik wird viel kritisiert – und doch zeigt gerade Wolfgang Laib still, präzise und unvergesslich, was Kunst kann: der Welt Welten eröffnen.
Für Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, ist Wolfgang Laib „nach wie vor einer der interessantesten und wichtigsten Künstler der Gegenwart“. „Sein Denken und Schaffen“, sagt Groos weiter, „stellt seit Ende der 1970er Jahre Fragen an unser Sein und Handeln als Teil fragiler Lebensräume und könnte darin nicht aktueller sein.“
Im Austausch mit der Natur
Dass Laibs Werke „im Austausch mit der Natur und im Einklang mit den Jahreszeiten“ entstehen, ist auch Kunstmuseums-Kuratorin Anne Vieth in den vergangenen Wochen noch einmal neu bewusst geworden. Während der Vorbereitung einer großen Schau im Kunstmuseum Stuttgart, die am 16. Juni um 19 Uhr eröffnet wird, war der Künstler nicht immer erreichbar. „Wir erhielten hin und wieder die Nachricht“, sagt Vieth, „dass es sich um einen perfekten Tag zum Sammeln von Blütenstaub oder zum Bearbeiten der Skulpturen aus Wachs handelte.“
Wachsraum als Anker in der Sammlung
Einen Anker in der Sammlung für den großen Auftritt des 2015 mit dem als Nobelpreis der Künste geltenden Praemium Imperiale geehrten Wolfgang Laib mussten Ulrike Groos und Anne Vieth nicht lange suchen. Seit der Eröffnung des Kunstmuseums-Neubaus 2005 erinnert der Wachsraum Laibs an das Ursprungskonzept von Johann-Karl Schmidt, bis 2003 Direktor der Galerie der Stadt Stuttgart, über Künstlerräume ein Museum eigener Prägung zu schaffen. Ulrike Groos fasziniert der Raum, seit sie 2010 die Leitung des Kunstmuseums übernahm. „Immer wieder gehe ich in diesen Raum“, sagt Groos, „tauche ein in seine sinnliche, stille Atmosphäre, bis ich Teil der Arbeit werde.“
Das stete Andere
„The Beginning of Something Else“ heißt die Laib-Schau im Kunstmuseum Stuttgart. „Den Titel hat Wolfgang Laib vorgeschlagen“, sagt Anne Vieth. Der Beginn von etwas anderem? Scheint für einen Künstler tatsächlich Programm, der in der Nähe von Biberach ebenso zu Hause ist wie in Südindien und in Manhattan.
Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else: 17. Juni bis 2. November im Kunstmuseum Stuttgart. Eröffnung: 16. Juni, 19 Uhr