In Nürtingen haben es Menschen mit geringem Einkommen schwer, eine Wohnung zu mieten. Die Stadt und die Caritas wollen ihnen mit dem Projekt „Türöffner“ unter die Arme greifen.
Spätestens ein tödliches Feuer im November 2020 hat es offensichtlich gemacht: Die Stadt Nürtingen gehört zu jenen Kommunen im Land, in denen der Wohnungsmarkt besonders angespannt ist. Und viele Menschen mit geringem Einkommen leben in prekären Verhältnissen. Gemeinsam mit der Caritas Fils-Neckar-Alb hat die Stadt nun das Projekt „Türöffner“ auf die Beine gestellt, mit dem Wohnungssuchende und Wohnungseigentümer zusammengebracht werden.
Vor mehr als eineinhalb Jahren war ein Großbrand in der Schafstraße in Nürtingen ausgebrochen und forderte zwei Leben. In dem Wohnhaus und dem Nachbargebäude lebten Menschen mit niedrigem Einkommen, wie sich herausstellte offenbar unter unzumutbaren Umständen. 41 Personen waren plötzlich obdachlos – und die Stadt hatte große Schwierigkeiten, für sie eine neue Bleibe zu finden. Steigende Kosten könnten bald bei etlichen weiteren Familien zum Wohnungsverlust führen. „Wir haben eine große Wohnungsnot in der Stadt, und für sehr viele Familien wachsen die Probleme wegen der Energiekosten. Wir befürchten, dass es für einige Menschen nicht mehr reicht, ihre Wohnung zu halten“, sagt Nürtingens Bürgermeisterin Annette Bürkner. Hinzu kämen steigende Zahlen an Geflüchteten aus der Ukraine, die untergebracht werden müssen.
In Nürtingen fehlen laut einer Analyse 1355 Wohnungen
Bürkners Referent Simon Klaiber präzisiert, dass das Land Baden-Württemberg in einer Wohnungsmarkt-Analyse einen Fehlbestand von 1355 Wohnungen in der Stadt festgestellt hat. Damit rangiere Nürtingen „im landesweiten Vergleich ganz weit hinten“, berichtet er. „Wir haben 630 Beratungen für Wohnungssuchende im Jahr und viele Menschen, die in Unterkünfte eingewiesen wurden und dort teilweise seit Jahren sitzen, weil sie kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben“, sagt Klaiber.
Dem gegenüber stünden erhebliche Leerstände an Wohnungen und ganzen Gebäuden im Stadtgebiet. „Wir haben 130 Eigentümer von Gebäuden angefragt, ob sie nicht vermieten wollen“, berichtet Klaiber. Die Rückmeldungen waren laut ihm gering, und jene, die geantwortet haben, hätten gesagt, sie seien auf die Mieteinnahmen nicht angewiesen, andere hätten das Geld für notwendige Sanierungen nicht. „Und manche haben bereits schlechte Erfahrungen mit Mietern gemacht oder Angst vor Mietnomaden.“
Caritas begleitet Mieter und Vermieter
Da will das Projekt „Türöffner“ ansetzen. Wie Melanie Schultze, die das Projekt für die Caritas Fils-Neckar-Alb betreut, erläutert, können sich potenzielle Vermieter melden, gemeinsam werden dann Wünsche und Vorstellungen abgeklärt und entsprechend mögliche Mieter vorgeschlagen. „Wir bringen Mieter und Vermieter zusammen, der Vertrag wird auf Augenhöhe geschlossen. Wir stehen als fester und seriöser Partner zur Seite und begleiten beide garantiert für zwei Jahre“, verspricht Schultze.
Helga Rütten, die Leiterin des Fachbereichs Solidarität bei der Caritas, ergänzt dazu, dass damit auch jene Menschen eine Chance auf angemessenen Wohnraum erhalten, die ein hohes Armutsrisiko haben, etwa Alleinerziehende oder Familien mit einem geringen Einkommen.
Vermieter erhalten Sicherheit
Das Projekt wird auf professionelle Füße gestellt. Die Caritas hat eine 60-Prozent-Stelle eingerichtet, die die Wohnraumvermittlung sowie die Betreuung, Beratung und Begleitung der Mieter umfasst. Die Personalkosten trägt überwiegend die Stadt. Um Vermietern eventuelle Ängste zu nehmen, hat die Stadt Nürtingen zudem einen Risikofonds von 10 000 Euro eingerichtet, über den eventuelle Schäden oder Mietrückstände beglichen werden können. Für solche Fälle werden überdies zwei Kaltmieten zurückgestellt. Als zusätzlichen Anreiz erhalten Eigentümer, die nach mehr als neun Monaten Leerstand vermieten, die Wiedervermietungsprämie des Landes ausbezahlt.
Für Menschen, die über das Projekt eine neue Wohnung erhalten, ist laut Helga Rütten noch ein weiterer Aspekt von Bedeutung. „Es ist eine Direktvermietung, die Stadt tritt nicht als Zwischenmieter auf. Es hat viel mit Würde zu tun, wenn ich meinen eigenen Vertrag unterschreiben kann“, sagt sie.