Hinter einer Front aus Holzstäben verbirgt sich sich ein helles und großzügiges Zuhause für eine Familie mit zwei Kindern am Fuße der Schwäbischen Alb– samt Blick auf die Burg Teck.
Kirchheim unter Teck - Zuerst begegnet man Schafen auf der Wiese, weil die Straße in dem Neubauviertel in Kirchheim unter Teck einfach aufhört und man offenkundig in der falschen Richtung unterwegs war. Dann findet man die Hausnummer des gesuchten Architektenhauses, beginnt aber zu rätseln: Wo hinter der Fassade aus vertikalen Holzleisten und anthrazitfarbenem Putz findet sich wohl eine Tür?
Und ist das nun ein geheimnisvoll kühner Bau mit Holzstadel-Anspielung oder ein neugierige Nachbarn abweisendes Heim mit Bunkercharme? So oder so: Unvermittelt kommt einem „Lass, o Welt, o lass mich sein!“ aus Eduard Mörikes Gedicht „Verborgenheit“ in den Sinn angesichts des von einer Jury des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt und des Callwey Verlags unter die „Häuser des Jahres 2o19“ gewählten Flachdachhauses.
Geschlossene Front, offener Garten
Die Bauherren (die lieber nur den geschätzten Architekten Thilo Holzer namentlich erwähnt sehen möchten) wohnen zwar in der Nähe von Mörikes zeitweiligem Wohnort Ochsenwang auf der Albhochfläche, hatten aber sicher nicht dessen Gedicht im Sinn. Dass sie keine menschenscheuen Weltverächter sind, zeigt schon die Rückseite des Hauses, die bemerkenswert offen ist mit der zwei Stockwerke umfassenden Glasfront.
Geschlossene Frontseite, offener Gartenbereich – Gegensätze setzt der Stuttgarter Architekt Thilo Holzer auch beim Material in Szene: Holzböden treffen auf Betondecken, skandinavisch anmutende Heimeligkeit trifft auf Industriecharme.
Lichtplanung ist wichtig
„Leute sagen oft, dass es hier so gemütlich wirkt. Das hat auch viel mit dem Licht zu tun“, sagt die Hausherrin. „Lichtplanung ist ein Posten, auf den man nicht verzichten sollte.“ Thilo Holzer, der die Lichtplanung vermittelt hatte, nickt: „Ob indirekte Beleuchtung, Licht hinter Spiegeln, Leuchten, die direkt in die Betonwand gebohrt sind – Licht lenkt die Stimmung im Raum und hat enorme Bedeutung für die Atmosphäre.“
Die Bauherren planten das Haus, während sie beruflich einige Jahre in China lebten. Möbel und Gemälde zeugen davon – und zwei aparte Straßenkatzen, die jetzt hier wohnen. Weil die Grundstückspreise in Stuttgart schon vor der Abreise heftig gestiegen waren, berichtet die Bauherrin, hatten sie im Jahr 2012 in Kirchheim unter Teck ein Grundstück gekauft.
Nach der Rückkehr wurde Ende 2016 gebaut: „Wir haben uns hier eine Wohnung gemietet und waren fast jeden Tag auf der Baustelle.“ Präsenz half auch, dass der sportliche Einzugstermin Weihnachten 2017 gehalten wurde.
Auf einem Grundstück von rund 600 Quadratmetern wurde das Haus als Massivbau in monolithischer Ziegelbauweise gemauert. Durch besonders gute Wärmedämmeigenschaften der dabei verwendeten Ziegel kommt so ein Bau weitgehend ohne Wärmeverbundsystem aus.
Blick auf die Burg Teck
„Ein Arbeitskollege hatte uns Thilo Holzer empfohlen“, sagt die Bauherrin, „und so hatten wir schon zwischen China und Deutschland hin und her konferiert, viel mitgeplant, Gespräche geführt, es hat hervorragend geklappt.“
Die Bauherrin lobt die Zusammenarbeit mit dem Architekten, der wiederum die Gestaltungslust der Kunden schätzte: „Es ist gut, wenn man klare Angaben hat und weiß, hier müssen wir Wände für Gemälde haben und da ist ein Blick auf die Burg Teck gewünscht.“
Das Haus mit 185 Quadratmeter Wohnfläche wurde also so konzipiert, dass vom Wohnzimmer und dem darüberliegenden Elternschlafzimmer aus die Burg um 1100 entstandene Burg Teck auf dem Teckberg am Albtrauf zu sehen ist.
Auf der Südseite die Sonnenenergie nutzen
Auch die geschlossene Frontseite hat mit der Lage zu tun. „Wir haben uns an der Nord-Süd-Ausrichtung des Grundstücks orientiert“, sagt der Architekt. „Im Norden befinden sich Nebenräume, die weniger Licht brauchen, im Süden die Wohnzimmer. Die Nordseite geschlossen zu halten und auf der Südseite die Sonnenenergie zu nutzen, ist auch ökologisch sinnvoll.“
Auf der Nordseite ist die Sichtbetontreppe mit geschrägter Wand, die zu dem Bad, den Eltern- und Kinderzimmern führt. Hell ist es hier trotzdem: wegen der goldfarbenen Wand und vor allem wegen des Oberlichts über der Treppe. „Ich wollte gerne einen warmen Goldton an der Treppe“, sagt die Hausherrin und lacht. „Wir haben sicher 20 Varianten ausprobiert, der Maler war sehr geduldig.“
Im Erdgeschoss sind nordseitig Gäste-WC und Arbeitszimmer untergebracht – ein, wenngleich schwer vorstellbar, verhältnismäßig heller Raum mit ausreichend Ausblick auf die Straße.
Wohn- und Essbereich gehen fließend ineinander über
Eine Treppe führt hinunter in den Keller mit Gästezimmer und Technikräumen. „Weil in der Nähe ein Bach verläuft“, sagt Thilo Holzer, „musste das Untergeschoss aufwendig abgedichtet werden, mit dem Konstrukt einer sogenannten Weißen Wanne, abgedichtet mit Drainagefolie, Bitumenanstrich, Stahl, Beton und Fugenblech.“
Das Entree im Erdgeschoss ist durch Stufen getrennt vom offenen Wohnraum im Süden – der Bereich ist leicht zurückgesetzt, eine blaugraufarbene Wand verleiht dem Raum Tiefe. Den Blick auf die Teck genießt man quasi im Fenster auf einer Bank (mit Staufläche darunter) sitzend. Von hier schaut man auch in den offenen Raum auf den schwarzen Esstisch und die weiße Einbauküche.
Der Luftraum sorgt für ein großzügiges Wohngefühl
Im Herzen des Raumes geht der Blick hinauf bis unters Dach. Der rund fünfeinhalb Meter hohe Luftraum erzeugt ein Gefühl von Großzügigkeit. Die zweigeschossige Glasfront auf der Hausseite sorgt zudem für Helligkeit. Sie lässt sich verschatten, sollte doch einmal ein Bedürfnis nach weltabgewandter Verborgenheit bestehen – und sei es nur, weil der Sommer besonders heiß ist. Denn das offene Wohnen ist gewünscht, die Sicht auf den Teckberg, das Naturschutzgebiet und auf den Garten, den die Bauherrin mit Gräsern, Sträuchern, Blumen und Bäumen bepflanzt hat.
Die Terrasse ist durch das vorspringende Dach geschützt. Es gibt dem Haus nicht nur eine interessante Strenge. Es ermöglicht der vierköpfigen Familie auch, bei Regenwetter draußen zu sein, den Garten zu genießen. Angesichts immer größerer Wetterlaunen ist auch diese Gestaltungsidee Teil eines so eindrucksvollen wie sinnigen architektonischen Wurf.