Das schwarze Schaf, so nennen der Architekt Stephan Birk und die Bauherren Katharina und Timm Berkmann scherzhaft das Einfamilienhaus in einer Neubausiedlung im Remstal. Foto: Brigida González

Eine junge Familie findet keine Wohnung in Stuttgart und beschließt, in einer Neubausiedlung am Rande von Waiblingen ein Haus zu bauen. Stilvoll und günstig soll es sein – trotz des strengen Bebauungsplans. Das Ergebnis hat bereits mehrere Architekturjurys überzeugt.

Waiblingen - Ein Haus kaufen? Aus der Stadt wegziehen? Das ist nichts für uns! In ihrer Wohnung im Stuttgarter Norden waren Katharina und Timm Berkmann glücklich. Der verfehlten großstädtischen Wohnungspolitik in der Landeshauptstadt wegen leben sie jetzt mit ihren Kindern aber erstens in einem Neubauviertel im Remstal und zweitens in einem Eigenheim.

 

„Wir haben lange versucht, mit Kind eine größere und bezahlbare Mietwohnung zu finden. Das ist uns nicht gelungen“, sagt Timm Berkmann. Mehrere glückliche Zufälle führten dazu, dass sie sich für ein eigenes Heim entschieden. Sie fanden ein günstiges Grundstück in einem Neubaugebiet am Rande eines Stadtteils von Waiblingen.

Und sie kannten mit Stephan Birk einen Architekten, der ihnen dabei half, ein Haus nach ihren Wünschen zu bauen. Es wurde nun schon von mehreren Architektenjurys ausgezeichnet, nachzulesen in „Häuser des Jahres“ im Callwey-Verlag und in dem Magazin „100 deutsche Häuser“.

Kinderfreundlichkeit und größere Nähe zur Natur

Timm Berkmann nützt die größer gewordene Entfernung zum Arbeitsplatz, um Sport zu machen. Wann immer es geht, fährt er rund 45 Minuten mit dem Fahrrad in die Stuttgarter Innenstadt. Wirklich auf dem Land, ab vom Schuss fühlen sich die Berkmanns nicht. „Es gibt viele Familien mit Kindern in der Nachbarschaft. Wir haben hier alles“, sagt Katharina Berkmann „und wir genießen die größere Kinderfreundlichkeit und die Nähe zur Natur.“

Keine Pampa also, dennoch reicht es, den Straßennamen zu nennen, wenn man die Familie besuchen will. Das Haus findet man dann leicht. „Wir scherzen gern, es ist das schwarze Schaf in der weißen Wärmedämmverbundsystem-Herde“, sagt Stephan Birk von Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten in Stuttgart. Bisher hatte das Büro keine Privathäuser geplant, doch der Reiz, trotz der strengen Vorgaben des Bebauungsplans auf 197 Quadratmetern ein „spannendes Gebäude“ zu erstellen, habe den Ausschlaggegeben, zu dem Projekt Ja zu sagen.

Die Idee zur Wellblechhülle hatte der Bauherr

Das Neubaugebiet dockt an ein länger bestehendes Wohnviertel an. Hier finden sich jede Menge weiße Gebäude – und eben das dunkel gewellte. Von Weitem schimmert es an diesem Nachmittag eher olivgraubraun. Die Trutzigkeit wird durch die leicht wirkende Wellblechhülle gemildert. Betritt man das Haus, geht’s rechts in die offene Wohnküche. Hier geben das Fenster nach vorne und die breite Fensterfront nach hinten jede Menge Licht.

Die Idee, einem Haus eine anthrazitfarbene Hülle aus Metall überzuziehen, kam vom Bauherren selbst: „Hier war früher eine Mineralwasserfabrik, und wir hatten die Idee, dass das Industrielle des Wellblechs eine schöne Anspielung an diese ehemalige Nutzung wäre.“ – „Zudem ist es extrem pflegeleicht und kostengünstig“, fügt Stephan Birk hinzu.

Timm Berkmann ist Geschäftsführer und Mitinhaber des Vitra Stores am Charlottenplatz in Stuttgart. Er hat häufig mit Architekten zu tun, etwa wenn öffentliche Gebäude entstehen und Vitra als Hersteller hochwertiger Möbel für die Inneneinrichtung hinzugezogen wird. „Zuweilen erlebt man, dass die Baukosten explodieren“, sagt Timm Berkmann, „doch das war nie der Fall, wenn Stephan Birks Büro involviert war. Und das war für uns absolut wichtig.“

Ein begrenztes Budget macht erfinderisch

Die Bauherren hatten sich ein Limit von 300 000 Euro gesetzt – sportlich. Immerhin handelt es sich um ein frei stehendes Einfamilienhaus. Timm Berkmann: „Wir haben uns immer wieder beraten, von manchen Wünschen verabschiedet oder andere Prioritäten gesetzt.“ Bei den Fenstern etwa wählten sie lieber etwas kleinere Modelle, dafür Holz- statt Kunststoffrahmen.

So extravagant das Haus von außen wirkt, so gemütlich ist es innen. Es dominieren die Farben Weiß und Grau, dazu jede Menge Holz – der „warmen Atmosphäre wegen“, sagt Timm Berkmann. Farbe bringen neben Eames- und Panton-Stühlen, Kissen und anderen Accessoires auch die Kinder mit ihren Spielsachen ins Haus.

Die Architekten hatten die gute Idee zu einer meterhohen, raumhaltigen Wand, die von zwei Seiten befüllbar ist. Sie trennt die Zimmer der zwei oberen Geschosse vom schmalen, dafür aber sechs Meter hohen Treppenraum – „so konnten wir auf eher wenigen Quadratmetern eine Luftigkeit und Großzügigkeit herstellen“, sagt Stephan Birk. Auf der Flurseite sind hier Kamin und Rohre versteckt, auf der Wohnseite ist die mit Holz verkleidete Wand zugleich Schrank mit Schubladen. Das bedeutet jede Menge Stauraum im 130 Quadratmeter großen Haus.

Ein zitternder Estrichleger

Und was sagen die Nachbarn zur schicken „Wellblechhütte“? „Am Anfang wurde unser Haus beäugt“, erinnert sich Katharina Berkmann. „Leute blieben stehen und sagten: ,Schau mal, Karlheinz, ist das echt Wellblech?‘“ Längst haben sich die Nachbarn an das schwarze Schaf gewöhnt.

„Und jetzt kommen manchmal andere Bauherren mit dem Estrichleger, um sich den Fußboden anzuschauen“, sagt Katharina Berkmann stolz. „Das ist schön, wenn man anderen Menschen Anregungen geben kann.“ Die Berkmanns wünschten sich einen fugenlosen Boden. Naturkautschuk lag etwas über dem Budget, manche Estrichsorten sogar deutlich. Sie entschieden sich, ihren Anhydrit-Estrich glatt schleifen zu lassen und lediglich mit natürlichen Ölen zu behandeln.

„Der Estrichleger hat erst mal gezittert“, sagt Katharina Berkmann. „Er konnte vorher nicht genau sagen, wie die Farbe genau ausfällt, und fürchtete unsere Enttäuschung.“ Doch siehe, alles ist gut geworden. In diesem Fall hatte die Wohnungsmisere in der Landeshauptstadt ihr Gutes.