Immer mehr chinesische Unternehmen kaufen sich bei deutschen Mittelständlern ein. Foto: dpa

Immer häufiger steigen chinesische Investoren in deutsche Unternehmen ein – oder kaufen sie gleich ganz auf. Entgegen vielen Vorurteilen zeigen die Erfahrungen: Profitieren können meist beide Seiten. Ein Überblick.

Übernahmen von deutschen Mittelständlern durch chinesische Investoren häufen sich. Ist das ein neuer Trend?
Noch spielen chinesische Investitionen für deutsche Wirtschaftsunternehmen eine ­vergleichsweise geringe Rolle: Die Chinesen rangieren momentan auf Platz fünf, die größten ausländischen Investoren sind die USA und Großbritannien. Doch die Bedeutung chinesischer Direktinvestitionen wächst: In den vergangenen Jahren nahmen die Übernahmen deutscher Firmen und Einkäufe durch chinesische Unternehmen deutlich zu. „Momentan gibt es sicherlich einen Boom, was die chinesischen Investitionen in Deutschland angeht“, sagt Thomas Heck, Leiter der China Business Group der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC. Die chinesische Regierung habe das Ziel ausgegeben, verstärkt im Ausland zu investieren.
Gibt es dadurch Grund zur Sorge?
Viele Arbeiter begegnen chinesischen Investoren oft mit großer Skepsis. 2013 protestierten die Mitarbeiter des Autozulieferers ZF Friedrichshafen heftig gegen den Verkauf der Gummi- und Plastiksparte nach China. Es ist ein gängiges Vorurteil, dass Investoren aus China sich einkaufen, um die Unternehmen dann kaputtzusparen. Oder dass die Investoren die deutsche Wirtschaft schwächen, den Unternehmen ihr Expertenwissen absaugen – und sie danach fallen lassen. Auch die Ängste, die Unternehmen könnten nach erfolgreicher Übernahme ferngesteuert, das Firmenmanagement könnte sogar ins Ausland verlegt und das Arbeitnehmermitspracherecht durch die Abschaffung von Betriebsräten und Gewerkschaften unterbunden werden, sind weit verbreitet. Doch an den Befürchtungen ist eigentlich nichts dran, sagt Martin Franz von der Universität Osnabrück. Er untersuchte in den vergangenen Jahren zusammen mit Sebastian Henn von der Universität Jena 280 Betriebe, bei denen ausländische Unternehmen einstiegen.
Welche Erfahrungen machen deutsche Unternehmen tatsächlich?
Die Erfahrungen sind in der Realität eher positiv. Denn: Über 60 Prozent der von Martin Franz untersuchten Unternehmen hatten zum Zeitpunkt der Übernahme finanzielle Probleme. Der Partner aus dem Ausland ­entpuppte sich für viele von ihnen also sogar als „Retter in der Not“. Chinesische Firmen würden laut Franz deutlich mehr Geld in das Unternehmen stecken als ein deutscher Eigentümer. Dadurch schaffen die Investoren neue Modernisierungs- und Forschungsmöglichkeiten. Letztlich sichern sie so Arbeitsplätze – und eröffnen den Arbeitnehmern damit eine Zukunftsperspektive.
Das sieht auch Dietrich Birk vom Deutschen Maschinenbauverband so: „Ankerinvestoren schränken das Unternehmen in seinen Chancen nicht ein, sondern unterstützen es vielmehr in seinen Stärken und ermöglichen ihm somit neue Wachstumsmöglichkeiten.“ Neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder birgt ein weiterer Aspekt: „Erst durch die chinesischen Partner wird den deutschen Unternehmen der Marktzugang nach China geöffnet“, sagt PWC-Experte Thomas Heck.
Warum kaufen sich chinesische Unternehmen verstärkt in den deutschen Markt ein?
„Den Chinesen fehlt es noch stark an bestimmten Technologien und Know-how“, sagt China-Experte Thomas Heck – gerade im Bereich Maschinenbau. Bis 2025, das hat sich das Land zum Ziel genommen, soll die eigene Industrie in Bereichen wie der Elektromobilität oder der Umwelttechnik stark wachsen. Dazu brauche man deutsche Partner, sagt Heck – denn die bieten genau das, was den Chinesen noch fehlt. Und seien zudem extrem hoch angesehen. Deutsche Mittelständler – die sogenannten Hidden Champions – könnten in der chinesischen Industrie bestehende Schwächen ausgleichen. Das Interesse an den heimlichen Weltmarktführern in solchen Nischenmärkten sei daher besonders hoch. „Es ist aber nicht das Denken der Chinesen, lediglich das Wissen um die Technologien abzusaugen“ – vielmehr sei es ganz klar Ziel der Investoren, die deutschen Unternehmen und ihre Produkte nach China zu bringen. „Das ist eher eine Win-win-Situation“, so Heck.
Krempeln die chinesischen Investoren die neu aufgekauften Firmen um?
Anfangs seien chinesische Investoren eher ­zurückhaltend gewesen, wenn sie sich bei deutschen Unternehmen eingekauft hätten, sagt Heck. „Inzwischen schauen sie sich genauer an, worein sie investieren wollen – und setzen dann durchaus auch mal Restrukturierungen durch.“ Grund zur Sorge ist das dennoch nicht unbedingt: In der Unternehmensstruktur deutscher Firmen ändere sich durch die erfolgreiche Übernahme meist sehr wenig, sagt Martin Franz – schließlich wolle man keine öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Das zeigen auch Beispiele aus der Vergangenheit: Bei dem Betonpumpenhersteller Putzmeister aus Aichtal, der 2012 von einem chinesischen Baumaschinenkonzern übernommen wurde, gab es Standort-Garantien und neue Arbeitsplätze. Das Unternehmen strebt in diesem Jahr ein Umsatzplus von 20 Prozent an.
  
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