Salat statt Rostbraten: Viele Gäste bestellen aufgrund der hohen Inflation lieber günstigere Gerichte auf der Speisekarte. Foto: imago/Ralph Peters

Die Gastronomen in Baden-Württemberg geißeln die geplante Wiederanhebung der Mehrwertsteuer auf Speisen. Für Kunden gebe es einen Preisschock, 2000 Betriebe müssten schließen. Zwei Gastronomen aus Stuttgart und dem Albvorland berichten.

Das Landgasthaus Wiesental ist ein idyllisch gelegenes Örtchen im Dorf Dautmergen im Vorland der Schwäbischen Alb. Viele Wanderer und Radfahrerinnen kehren hier ein, Rentner und Familien. Dazu gibt es jene Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, wie sie auch in anderen Dörfern den Umsatz der Gasthöfe sichern. Doch sicher sei bald gar nichts mehr, meint die Betreiberin Margit Schwark. „Wenn die höhere Mehrwertsteuer kommt, machen auf dem Land viele Betriebe zu.“

 

Schon lange treibt das Thema die Gastronomen nicht nur im Südwesten um. In der Coronakrise war die Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf 7 Prozent reduziert worden, um die Betriebe zu entlasten. Wegen der hohen Energiepreise wurde der niedrige Steuersatz um ein Jahr verlängert. Zum Jahreswechsel geht es aber zurück auf 19 Prozent.

Für die Kundinnen und Kunden wäre das ein Preisschock. Um 20 Prozent müssten sie die Preise erhöhen, betont Schwark. Neben der 12 Prozent höheren Steuer müssten auch die höheren Kosten für Energie, Personal und Einkäufe im Gegensatz zu den Vorjahren 1:1 weitergegeben werden, weil es keine finanziellen Reserven mehr gebe.

Fünf bis sechs Euro Aufschlag für den Zwiebelrostbraten

Der Preis für den Zwiebelrostbraten mit den hausgemachten Spätzle würde dann von derzeit 26,80 Euro auf 32 bis 33 Euro steigen. Die günstigeren Maultaschen, auf die derzeit die Gäste verstärkt ausweichen, würden dann 16,50 statt 13,50 Euro kosten. „Das müssten wir knallhart durchziehen, sonst bleiben wir auf der Strecke“, sagt Schwark.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband in Baden-Württemberg (Dehoga) befürchtet, dass trotz Preiserhöhungen wie dieser 2000 Betriebe im Land schließen müssten. Die Zahl rechnete der Verband aus einer Umfrage unter den 12 500 Mitgliedsunternehmen hoch, von denen sich in der ersten Juliwoche 1800 Betriebe beteiligten. Dabei gab auch jeder zweite Betrieb an, es sei noch ungewiss, ob man im Zuge einer Mehrwertsteuererhöhung aufgeben müsse. Lediglich vier von zehn Unternehmen sehen keine existenziellen Probleme.

Möglicher Preisschock für die Verbraucher

Fast alle Befragten betonten dagegen, im Fall einer Mehrwertsteuererhöhung die Preise um mehr als 15 Prozent anheben zu müssen. Jeder dritte Betrieb will im Fall einer Erhöhung Personal entlassen. Ebenfalls jedes dritte Unternehmen erwartet, die ohnehin schon meist reduzierten Öffnungszeiten nochmals verkürzen zu müssen.

Dass es schon jetzt oft zwei Ruhetage anstatt einem gibt, ist auch dem Fachkräftemangel geschuldet. Sorgen bereiten den Wirten auch die Rückzahlung coronabedingter Kredite und die nachlassende Kaufkraft und Konsumlust infolge der hohen Inflation. „Vor allem die Firmen halten sich zurück“, sagt Christian List, der in Stuttgart unter anderem den Roten Hirsch und die Notapotheke betreibt. Weil List auch als Caterer agiert, kann er Verluste andernorts kompensieren. „Kollegen, die ein Restaurant betreiben, sagen schon jetzt, dass es eng wird.“

„Es geht um das Überleben“

Wie andere Gastronomen bemerkt auch List, dass seine Gäste infolge der hohen Inflation häufiger die günstigeren Gerichte auf der Speisekarte bestellen. Deshalb hat er im Roten Hirsch Gerichte wie Käsespätzle bereits stärker verteuert als Zwiebelrostbraten & Co., den Wurstsalat hat er ganz von der Karte genommen. Auch er müsse eine höhere Mehrwertsteuer im kommenden Jahr komplett auf die Gäste umlegen, betont er. „Es geht nicht darum, hohe Gewinne zu machen, sondern um das Überleben. Mit dem Risiko, dass die Leute bei uns im Monat nur noch einmal statt zweimal essen gehen.“

Das könnte auch Folgen für die Attraktivität der Innenstädte haben, warnt der Dehoga – schließlich werde beim Citybesuch oft der Einkauf mit einem Ausflug ins Café oder Restaurant abgerundet. Die Frequenz in den Innenstädten könnte weiter sinken. Und müssten die Gasthöfe auf dem Land schließen, seien auch Hotels oder Freizeiteinrichtungen betroffen, meint Sprecher Daniel Ohl. „Für die Tourismuswirtschaft im Land betrachten wir dies als ernste Gefahr.“

In Dautmergen im Albvorland haben Margit Schwark und ihr Mann Peter bereits einen Notfallplan vorbereitet. Sie würden die Öffnungszeiten verkürzen und die Zahl der Gerichte reduzieren. Aufgeben wollen sie trotz Existenzängsten nicht – fast 30 Jahre Arbeit und zu viel Herzblut steckten in dem Betrieb. Leise sein wollen sie dagegen nicht. Peter Schwark hat auf dem Stuttgarter Frühlingsfest mit acht Beschäftigten gegen die Steuererhöhung protestiert. In der Landespolitik sehen sie wie auch der Dehoga die CDU-Wirtschaftsministerin wie auch SPD und FDP auf ihrer Seite.

Am Ende entscheidet aber die Bundesregierung. Die hält sich ein Türchen offen. Auf Anfrage heißt es: „Im Zuge der parlamentarischen Beratungen zum Bundeshaushalt 2024 wird die Frage einer möglichen Fortsetzung der Reduzierung im Lichte der November-Steuerschätzung zu bewerten sein.“

Gastronomie unter Druck

Pandemiefolgen
 Vor allem durch die Folgen der Coronakrise mussten laut Dehoga zwischen 2019 und 2021 rund 5400 der 31 000 Gastgewerbebetriebe in Baden-Württemberg schließen.

Steuererhöhung
 Bei einer Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 7 auf 19 Prozent rechnet der Gastgewerbeverband mit weiteren 2000 Schließungen. „Es ist davon auszugehen, dass viele weitere Betriebsschließungen mit zeitlichem Verzug folgen werden“, heißt es. Ohnehin bereiten den Gastronomen der Fachkräftemangel, Kreditrückzahlungen und ein Investitionsstau Probleme.