Auf einer Messe in London präsentierte sich Wirecard als aufstrebendes Unternehmen. Foto: Mauritius

Weil gegen die Aktie des Zahlungsdienstleisters Wirecard heftig spekuliert wurde, hat die Finanzaufsicht Bafin bestimmte Börsengeschäfte am Montag verboten. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Journalisten der „Financial Times“.

Frankfurt - Die Finanzaufsicht Bafin verbietet angesichts der Turbulenzen um Wirecard Wetten auf die schwer gebeutelte Aktie des Zahlungsabwicklers. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich die Frankfurter Wertpapieraufseher zu einem kompletten Verbot von Leerverkäufen einer einzelnen Aktie durchringen. Die Bafin befürchtet offenbar, dass sich die massiven Kursschwankungen bei Wirecard zu einem Flächenbrand entwickeln. Sie hätten zu „massiven Unsicherheiten an den Finanzmärkten“ geführt und seien „eine ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen“, heißt es in der Verfügung, die von der obersten Wertpapieraufseherin Elisabeth Roegele unterzeichnet ist. Bei weiteren Leerverkäufen drohe eine Abwärtsspirale. Die Wirecard-Aktie schoss am Montag um bis zu 15 Prozent nach oben.

Die Behörde spricht von „Short-Attacken“ auf die Wirecard-Aktie, also von Angriffen auf den Aktienkurs über den Verkauf von Papieren, die sich die Spekulanten nur geliehen haben. Die Netto-Leerverkaufspositionen seien seit Anfang Februar deutlich erhöht worden – von dem Tag an, als die „Financial Times“ (FT) über angebliche Bilanzmanipulationen bei der Asien-Tochter in Singapur berichtet hatte. Mehrere „FT“-Berichte ließen die Aktie danach immer weiter abstürzen. Seit Ende Januar ist sie um 40 Prozent gefallen.

Der Autor der „FT“-Berichte ist infolge einer Strafanzeige auch ins Visier der Münchner Staatsanwaltschaft geraten, die dem Verdacht der Marktmanipulation mit Wirecard-Aktien nachgeht. Sie steht bei den Ermittlungen aber ganz am Anfang, wie eine Sprecherin sagte. Ein potenzieller Aktienkäufer habe angegeben, er habe von einem der Berichte schon vor dessen Veröffentlichung erfahren. Der „FT“-Reporter setzt sich seit 2015 kritisch mit Wirecard auseinander. Rund um seine Berichte hatte es mehrere Leerverkaufs-Wellen gegeben. Die Wirtschaftszeitung wies den Vorwurf „unethischer Berichterstattung“ erneut als „grundlos und falsch“ zurück. Ein Wirecard-Sprecher sagte: „Wir begrüßen alle Maßnahmen der Aufsichtsbehörden, die zu einer schnellen Aufklärung beitragen.“ Auch die Bafin prüft den Verdacht der Marktmanipulation von Wirecard-Aktien bereits. Die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen, sagte eine Sprecherin der Behörde gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Was sind Leerverkäufe?

Leerverkäufer leihen sich bei anderen Anlegern gegen eine Gebühr die Aktien, verkaufen sie und hoffen, dass der Kurs fällt und sie die Aktien wieder günstiger zurückkaufen können. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufswert ist bei dieser Strategie der Gewinn. Wie viele Investoren sich gegen die Wirecard-Aktie positioniert haben, ist unklar. Der US-Hedgefonds Slate Path Capital hält aktuell eine Position in Höhe von 1,5 Prozent des ausstehenden Wirecard-Aktienkapitals, Odey Asset Management aus London knapp 0,8 Prozent und Canada Pension Plan Investment aus Toronto knapp 0,4 Prozent. Veröffentlicht werden müssen nur Leerverkaufs-Positionen von mehr als 0,5 Prozent, also von knapp 70 Millionen Euro. Davon gibt es nur zwei: der Hedgefonds Slate Path, der mehr als 200 Millionen Euro auf einen Kursverfall der Aktie gewettet hat (1,5 Prozent) und der Fondsmanager Odey Asset Management (0,77 Prozent). Es habe aber auch noch andere Leerverkäufer gegeben, die unterhalb der Meldeschwelle gelegen hätten, erklärte die Bafin.

Wer ist Wirecard?

Die Wirecard AG ist ein 1999 gegründetes börsennotiertes Zahlungsdienstleistungsunternehmen mit Sitz in Aschheim bei München. Wirecard bietet Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr, das Risikomanagement sowie die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Die Aktien der Vorgängerfirma Info Genie AG mit Sitz in Berlin waren seit Oktober 2000 im Börsensegment Neuer Markt gelistet. Als die Aktie nach Kursverlusten ein „Pennystock“ wurde, wurde das Unternehmen im Zuge einer Kapitalerhöhung in Wirecard umbenannt, die dann im Börsensegment Prime Standard gelistet wurde.

Wie hat sich der Aktienkurs entwickelt?

Die ersten Jahre an der Börse lag der Aktienkurs weit unter 100 Euro. Erst 2018 setzte das Papier zu einem Höhenflug an, der nach dem Aufstieg in den deutschen Aktienindex Dax im September seinen bisherigen Höhepunkt bei knapp 199 Euro fand. Danach fiel der Kurs bis knapp über 100 Euro. Seit September 2018 ist die Wirecard-Aktie an neun Tagen jeweils um mehr als zehn Prozent gestiegen oder gefallen. Größter Kurssturz war ein Minus von 31 Prozent am 1. Februar und das stärkste Plus mit 23 Prozent am 4. Februar.

War Wirecard schon öfter Spekulationsobjekt?

Im Sommer 2008 warf die Schutzgemeinschaft der Kleinanleger (SdK) dem Unternehmen falsche beziehungsweise irreführende Bilanzierung vor. Infolgedessen beauftragte Wirecard die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young mit einem Sondergutachten für das Geschäftsjahr 2007. Später wurde bekannt, dass Mitglieder der SdK auf fallende Kurse vor Bekanntmachung der Bilanzdefizite spekuliert hatten. Auch Fondsmanager der Privatbank Sal. Oppenheim setzten auf fallende Kurse und wiesen institutionelle Anleger zur Kursmanipulation bereits vor Bekanntwerden der Vorwürfe auf Bilanzfehler hin. Die Aktie des Unternehmens fiel daraufhin um fast 70 Prozent.

Seit wann gibt es Verbote von Leerverkäufen?

Mit dem Verbot neuer Leerverkäufe oder der Erhöhung von Leerverkaufs-Positionen greift die Bafin erstmals zu einem so scharfen Schwert. In der Finanzkrise im September 2008 hatte sie ungedeckte Leerverkäufe von elf deutschen Finanztiteln für fast eineinhalb Jahre verboten. Wenig später wurden ungedeckte Leerverkäufe – also Wetten auf fallende Kurse, ohne dass sich die Investoren die zugrundeliegende Aktie überhaupt geliehen haben – in Deutschland grundsätzlich verboten, seit Ende 2012 gilt das in ganz Europa.

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