Die Familie Hinger im Urlaub Foto: privat

Franz Xaver Hinger war nach Ende des Krieges das erste Stadtoberhaupt – und das eher wider Willen.

Winnenden - Nachdem im Mai 1945 das sogenannte Dritte Reich nach nur zwölf statt erhofft tausend Jahren den Geist aufgegeben hatte, sollten die Spuren des Ungeistes getilgt werden, der seit dem Jahr 1933 auch in den Kommunalverwaltungen Einzug gehalten hatte. Die von den Nazis auf den Kopf gestellte Ordnung, die den Gemeinderäten nahezu jede Art der Mitbestimmung entzogen und willfährigen Bürgermeistern quasi die Alleinherrschaft übertragen hatte, sollte wieder auf die Füße gestellt werden.

Kein Glück mit Hingers Vorgängern

So auch in Winnenden, wo es wie überall darum ging, die Bevölkerung mit Nahrung und Wohnraum zu versorgen, aber auch die Entnazifizierung voranzutreiben. Der Pflastermeister Franz Xaver Hinger wurde von der Besatzungsmacht in den dafür zuständigen Arbeitsausschuss berufen, im September 1945 in den Gemeinderat. Doch dabei blieb es nicht. Ein Jahr später wurde der integre Demokrat auch zum Bürgermeister-Amtsverweser gewählt, „weil die Stadt mit ihren fünf Vorgängern, die seit dem Zusammenbruch 1945 den Bürgermeisterposten innehatten, kein Glück hatte“, hieß es 1962 in der Lokalzeitung anlässlich Hingers 65. Geburtstages. Einer der Vorgänger hatte „undeutliche Angaben im Entnazifizierungsfragebogen“ gemacht. Hinger sträubte sich zwar, er sei „ein Pflastermeister, der wohl etwas vom Straßenbau verstehe, aber kein Verwaltungsmann“. Dennoch machte er dem Amt bis 1947 alle Ehre.

Am 22. Juni wurde nun eine Tafel im Winnender Rathaus zu Ehren Franz Xaver Hingers und seiner Frau Theresia enthüllt. Die späte Ehrung, immerhin 70 Jahre nachdem der Bürgermeister-Amstverweser das Amt an Hermann Schwab abgetreten hatte, der von 1947 bis 1974 das Winnender Stadtoberhaupt war, hängt mit der Stiftung zusammen, welche die Tochter Anni Lutz der Stadt Winnenden vermacht hat. Diese überließ der Stadt in ihrem Testament ein Grundstück, das als Grundstock der „Franz Xaver Hinger und Theresia Hinger Stiftung“ zur Unterstützung der Altenpflege, der Jugendarbeit und sozial schwacher Personen dienen soll. So steht es auf der Tafel, die nun vor den Büros der Verwaltungsspitze hängt. Wobei es nach der Meinung einiger Menschen, die das Ehepaar Hinger kannten und schätzten, gern etwas öffentlicher hätte sein können.

Großes ehrenamtliches Engagement

Dahingehend hatte sich der FDP-Stadtrat Peter Friedrichsohn in der Gemeinderatsitzung im Januar geäußert, in der die Art der Ehrung vorgestellt wurde. Friedrichsohn wies auf Hingers Bedeutung als Kommunalpolitiker hin, die diesem sogar den Eintrag in die Dokumentation „Remstalpolitik“ der Reinhold-Maier-Stiftung eingebracht hat.

Über die Jahre scheinen die Erinnerungen an Hingers Verdienste verblasst zu sein, obwohl diese nicht gering waren. „Was Herr Hinger gerade in den turbulenten Zeiten zwischen 1945 und 1947 getan hat, könnte Bände füllen“, sagte sein Nachfolger Hermann Schwab in seinem Nachruf auf Franz Xaver Hinger 1965: „Die Zeit ist schnelllebig und leider ist schon viel zu sehr in Vergessenheit geraten, welche Verhältnisse nach 1945 herrschten und wie schwierig sich alles gestaltete. Vergessen ist auch, dass sich nur wenige bereit fanden, sofort mit Hand anzulegen und die Dinge in geordnete Bahnen zu lenken.“

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