Wincent Weiss beglückt auch im Theaterhaus seine Fans sehr zuverlässig. Foto:  

Via Internet wurde Wincent Weiss zum Star. Aber er ist kein Cyber-Phänomen. Beim Konzert im Stuttgarter Theaterhaus setzt er auf Wärme und Nähe. Seine Fans zeigen sich überwältigt.

Stuttgart - Der Doppelbuchstabe seiner Initialen verschränkt sich auf den T-Shirts seiner Fans zum Logo, das an Superhelden denken lässt. Wincent Weiss selbst, ein schlaksiger Heros, schlendert in rotkariertem Hemd und schwarzer Hose über die Bühne, singt mit leicht gerauter Stimme, die Lippen nah am Mikrofon, von verflossener Liebe, von Musik, die sein sollte, vom Bedürfnis nach frischer Luft. Im Januar ist er 25 Jahre alt geworden; vor zwei Jahren holte er seine erste goldene Schallplatte, 2017 veröffentlichte er sein erstes Album: „Irgendwas gegen die Stille“ kam auf Platz drei der deutschen Charts.

Weiss ist ein Star der neuen Generation deutscher Songwriter. Sein Publikum ist jung, vorwiegend weiblich, gelegentlich durchmischt mit Elternteilen. Eine Aura der Schwärmerei liegt über den Zuschauerreihen; wenn Weiss im Saal umhergeht, sammelt er Geschenke ein. Er bittet vier junge Frauen hinauf auf die Bühne; dort serviert der Barmann ihnen einen Drink - „Alkoholfrei natürlich“. Bevor der Sänger eine Tochter ins Rampenlicht holt, umarmt er die Mutter. Ein sehr netter Junge.

Wie in der guten Stube

Der immerhin längst Volljährige singt manchmal allerdings auch von Katergefühlen. Seine Bühne ist Wohnzimmer, seine Band spielt ein privates Konzert vor mehr als 1000 Zuschauern und einer Tapete, die einer echten guten Stube abgeschaut ist. Links ein künstlicher Kamin, über dem Fotos der Musiker hängen. Auf einer Sitzgruppe davor nehmen später vier junge Frauen mit Streichinstrumenten Platz. Erst aber tritt die Band auf, spazieren die Musiker durch eine Tür in die Kulisse hinein, nach rechts, zur Theke, lassen sich ihre Getränke reichen und sich selbst dann scheinbar beiläufig dazu herab, an ihren Plätzen die Instrumente aufzunehmen.

Die Atmosphäre angetäuschter Lässigkeit wird bleiben, den ganzen Abend. Wincent Weiss spielt wohlbalancierte, melodische Songs, die in sehr schlichten Worten von den Sorgen und Sehnsüchten seiner Generation erzählen. Die Stücke sind vorzüglich arrangiert – hier perlt das Piano zart zwischen die Zeilen, dort verleihen die Streicher der Emotion noch größeren Nachdruck.

Das Publikum glüht

Die A-capella-Gruppe „Männersache“ kommt für einige Songs auf die Bühne – mit dabei der Stuttgarter Severin von Rose, Absolvent der Popakademie Baden Württemberg, schulterlanges Haar, eine wilde Stimme, im Beatbox-Rhythmus. Auch Lea, die im Vorprogramm sang, kommt wieder, mit leisem Glockenschlag, mit reizend scheuem Lächeln, setzt sich ans Keyboard, singt nun mit Wincent Weiss gemeinsam ein zartes Lied.

Nicht nur die Hits, mit denen Weiss via Internet die Hitparaden stürmte, gehören zum Programm. Natürlich glüht das Publikum, wenn er sie singt, unablässig plaudernd und so nah. Aber auch ein Medley aus Songs anderer Interpreten darf nicht fehlen, auch ein Refrain von Max Giesingernicht. Und wenn Wincent Weiss die fremden Lieder singt, dann spätestens wird offenbar, wie sehr sich all die jungen Stars doch gleichen, im Songwriting, der Wortwahl, der Betonung, der stimmlichen Gestaltung ihrer Lieder, selbst in ihrer Körpersprache. Aber genau dies liebt ihr Publikum. Die Konzerte von Wincent Weiss sind ausverkauft. Sein letzter Song heißt „Feuerwerk“ und setzt im großen Saal des Theaterhauses überwältigende Gefühle frei.

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